Pax Christi „Nur zu beten, reicht nicht aus“

05.08.2019

Pax-Christi-Diözesanvorsitzender Martin Pilgram über den Sinn einer kirchlichen Friedensbewegung.

Heuer beteiligte sich Pax Christi in München an der Demonstration „Ein Europa für alle“ gegen den erstarkenden Nationalismus. © Pax Christi

mk online: Ihr Verband ist nach dem Leitwort Papst Pius’ XI. benannt: „Pax Christi in regno Christi“ („Der Friede Christi in Christi Reich“). Inwieweit ist es für Christen eine Pflicht, sich für den Frieden einzusetzen?

Martin Pilgram: Eines der Hauptanliegen im Christentum ist die Nächstenliebe, daraus sollte sich automatisch ein Engagement für den Frieden ableiten. Pax Christi hat das kirchliche Friedensverständnis auch weiterentwickelt: Aus gerechtem Krieg wurde gerechter Frieden.

Aktuell bemühen wir uns, eine Enzyklika von Papst Franziskus zur Gewaltfreiheit zu erwirken. Auch unser Verband hat sich seit seiner Gründung verändert: von einer Gebetsvereinigung hin zu einer politischen Organisation. Das hing vielfach mit politischen Entwicklungen zusammen, denn viele Mitglieder kamen während der Nachrüstung zu uns. Auch ich, allerdings war bei mir die Kriegsdienstverweigerung der Anlass, für die ich Beratung gesucht und dabei 1983 auf Pax Christi gestoßen bin.

mk online: Wie hat sich das Interesse an Pax Christi in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt, nachdem es in Europa gerade keine offenen Konflikte gibt?

Pilgram: Vom Hoch in den 1960ern mit deutschlandweit mehr als 20.000 Mitgliedern sind wir jetzt bei 5.000, im Erzbistum sind es 300. Die Mitglieder sind auch älter geworden, da gerade Menschen im Ruhestand mehr Zeit für ein Ehrenamt haben. Jüngere kommen fast nur im Rahmen der Freiwilligendienste zu uns, die Pax Christi in Osteuropa und Lateinamerika anbietet. Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass der letzte nahe gelegene Konflikt, der Jugoslawien-Krieg, schon lange her ist. Damals sind die Menschen auf die Straße gegangen.

Heute nimmt man Konflikte kaum mehr wahr, ob in Mali, Afghanistan oder die Kriegstreiberei im Iran. Pax Christi versucht immer wieder zu deeskalieren. Gerade haben katholische Verantwortliche in den USA Donald Trump aufgefordert, die Provokationen gegenüber dem Iran einzustellen. Auch in Deutschland werden wir tätig, etwa gegen Atomwaffen. Ebenso waren wir an der Gründung von Misereor und des Maximilian-Kolbe-Werks beteiligt. Wir gehen Bündnisse mit vielen Organisationen ein. So knüpfen wir internationale Kontakte, die Konflikten ein Gesicht geben, sie emotional greifbar machen.

mk online: Worin sehen Sie im aktuellen internationalen Gefüge die größten Konflikt-Ursachen?

Pilgram:
Rüstungsexporte etwa animieren, Kriege zu führen. Im Jemen wurden erst jetzt und auf großen Druck hin die Exporte an die kriegsführenden Parteien eingeschränkt. Auf EU-Ebene müssten die bisherigen Rüstungsexportrichtlinien in ein Gesetz gefasst werden, um ihre Einhaltung auch mit rechtlichen Schritten einfordern zu können. Noch ist die Genehmigung von Waffen-Exporten zu stark von unseren eigenen wirtschaftlichen Interessen geleitet.

Martin Pilgram (65) ist seit dem Jahr 2000 Diözesanvorsitzender von Pax Christi.
Martin Pilgram (65) ist seit dem Jahr 2000 Diözesanvorsitzender von Pax Christi. © MK/Basso-Ricci

mk online: Ist auch der Begriff der Gerechtigkeit ein möglicher Hebel?

Pilgram: Dazu müssen wir erst ein gemeinsames Verständnis von Gerechtigkeit finden. Was bedeutet sie beispielsweise in Bezug auf den Welthandel? Es heißt immer, wir müssten Länder entwickeln, damit es keine Flüchtlinge gibt, etwa mit Blick auf Afrika. Aber wir dürfen uns nicht nur engagieren, wenn die eigene Wirtschaft profitiert, sondern müssen künftig auch investieren, damit diese Länder aus sich heraus leben können. Und auch in unserer unmittelbaren Umgebung gibt es genug Menschen, denen es nicht so gut geht. Mit einer Tafel allein ist ihnen nicht geholfen. Strukturen müssen verändert werden. Um zum Beispiel auch für Menschen mit geringem Einkommen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Auch der Klimawandel gehört zu den Kriegsursachen. Menschen flüchten nich nur, weil sie politisch verfolgt werden, manche haben einfach nichts zu essen. Wenn jeder genug hat, wird es keine Konflikte und keine Flüchtlinge mehr geben. Hier braucht es ebenso globale Initiativen, die nicht in Unverbindlichkeiten stecken bleiben.

mk online: Wie kann eine organisierte Friedensbewegung dabei helfen, braucht es eine solche heute überhaupt noch?

Pilgram: Mit unseren Ostermärschen oder bei der Sicherheitskonferenz sind wir präsent. Aber über das Demonstrieren hinaus kann man in einer Organisation den eigenen Forderungen sehr viel mehr Gewicht geben denn als Einzelner, auch kirchenintern. Die hauptamtlichen Mitarbeiter unterstützen uns, Themen intensiv voranzutreiben, zum Beispiel die Friedensbildung: Wir bieten Thementage an kirchlichen Schulen an und kooperieren mit Bildungswerken und Pfarreien. Mit dem Münchner Bildungswerk haben wir eine neue Reihe aufgelegt: vom Alltags-Training für Gewaltfreiheit bis zur Diskussion über eine europäische Armee. Kontrovers wurde diskutiert, einen Workshop gegen Stammtischparolen zu veranstalten.

Große Ängste herrschen immer noch, als Kirche politisch Farbe zu bekennen. Aus meiner Sicht muss Kirche sich aber positionieren, wie wir es jetzt bei der Populismusdebatte oder der Rettung der Flüchtlinge im Mittelmeer erleben. Nur zu beten, damit es besser wird, reicht nicht aus.

mk online: Wie engagiert sich Pax Christi darüber hinaus?

Pilgram: Eine unserer Wanderausstellungen ist im Oktober in Gilching zu sehen. Am Thema Kindersoldaten zeigen wir auf, wie Rüstungsexporte wirken. Und dass auch die Bundeswehr Freiwillige unter 18 Jahren rekrutiert. Pax-Christi-Gruppen vor Ort laden zum Weltfriedenstag oder zum Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Japan zu Gedenkveranstaltungen und Gottesdiensten ein (siehe Wissenswert). Für Pfarreien, die dazu selbst etwas gestalten möchten, bieten wir Materialien an.

mk online: Was kann jeder Einzelne zum Frieden beitragen?

Pilgram: An Schulen oder von der Polizei gibt es Streitschlichterkurse. Dort kann jeder lernen, mit Konflikten umzugehen: Wie kann ich mich mit dem „Gegner“ auseinandersetzen, ohne gleich aggressiv zu werden – ob in der Schule, in der Familie oder im Sportverein? Man muss also nicht ganz groß anfangen, darf aber auch nicht alles auf die Politik schieben. Auch wenn es unsere Stimme braucht, um die Politiker anzutreiben, wie aktuell zum Thema Ächtung autonomer Waffen, zu dem sich Deutschland in der UN bald klar positionieren muss.

Pax Christi

Pax Christi ist die ökumenisch arbeitende, internationale katholische Friedensbewegung. Sie wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs initiiert, zunächst als Gebetsinitiative für die deutsch-französische Aussöhnung. Im Erzbistum lädt Pax Christi aktuell zu Veranstaltungen im Gedenken an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945 ein: Gedenkfeiern finden am Dienstag, 6. August, um 18 Uhr auf dem Münchner Marienplatz und um 21 Uhr am Gilchinger Friedenspfahl statt. Nähere Informationen finden Sie hier.

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Friede

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