Kardinal Reinhard Marx vor Presse "Obergrenze" für Flüchtlinge nicht hilfreich

11.10.2017

Der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx war am Dienstag zu Gast in der Bundespressekonferenz. Dabei äußerte er auch Kritik an der Politik.

Bundespressekonferenz mit Kardinal Reinhard Marx.
Bundespressekonferenz mit Kardinal Reinhard Marx. © imago

Berlin – Es war eine beeindruckende Tour d'Horizon die Kardinal Reinhard Marx am Dienstag in der Bundespressekonferenz bot. Für den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz ist es schon fast Tradition, sich am Tag des Michaelsempfangs der katholischen Kirche für das politische Berlin, auch den Fragen der Hauptstadtjournalisten zu stellen. Dabei ging es über eine gute Stunde um Fragen nach dem Zusammenhalt der Gesellschaft, um Migration, das deutsch-polnische Verhältnis oder den Umgang mit der AfD. Damit bestätigte die Veranstaltung selbst die Einschätzung des Erzbischofs, dass die Kirche in Deutschland zwar zahlenmäßig rückläufig sein mag, ihre gesellschaftliche Relevanz aber offenbar ungebrochen ist. Vor allem aber bleibe die Religion an sich "ein Megathema des 21. Jahrhunderts".

Ökumene: Auftrag für die Gesellschaft

Mit Blick auf Deutschland steht dies 2017 vor allem im Zeichen des Lutherjahres. Hier zog der katholische Vorsitzende eine positive Bilanz. Die Sorge um einen protestantischen Triumphalismus gegenüber den Katholiken habe sich als unbegründet erwiesen. Im Gegenteil, das gute ökumenische Miteinander sei auch ein Auftrag für die Gesellschaft. Nun gehe es darum, den "ökumenischen Schub" zu verstetigen. Dabei redete Marx keiner Ökumene der einseitigen Angleichung das Wort, sondern einem aufrichtigen Ringen in der Sache, bei dem sich beide Seiten bewegen müssten. Mahnende Worte fand er zum interreligiösen Dialog mit den Muslimen. Das Gespräch sei dringlich, aber bislang fehlten die Voraussetzungen. Dazu müssten sich die Muslime auf verbindliche Ansprechpartner einigen und nicht zuletzt vor dem Hintergrund einer Instrumentalisierung des Islam durch Terroristen in den eigenen Reihen klären, für welchen Islam sie sprächen. "Der Dialog mit denen, die auch theologisch nachdenken, ist sehr schwer und absolut am Anfang", so sein Fazit.

Die Kirche sollte zwar nicht zu allen tagespolitischen Fragen Stellung nehmen, aber die Politik kritisch begleiten, so Marx zum Auftakt der Pressekonferenz. Das betraf vor allem die Migration. Die Kirche habe nie die Auffassung vertreten, dass "alle zu uns kommen können", stellte er klar; auch sei die Bemühung legitim, die Zahl der Zuwanderer zu begrenzen. Die erste Frage sei aber: "Wie helfen wir den Menschen dort, wo sie unter Druck sind." Dazu gehöre auch, ihnen ein würdiges Leben in den Herkunftsländern zu ermöglichen. Bei einer humanitären Gestaltung des Flüchtlingszustroms sah er nach wie vor eine "Obergrenze" für wenig hilfreich an. Auch die von CDU und CSU vereinbarte Richtzahl einer humanitären Aufnahme von 200.000 Menschen pro Jahr nannte er "fiktiv". Bislang fehle die Begründung für ein solches Limit.

Kritik an rascher Bundestagsentscheidung zur "Ehe für alle"

Ein Thema das den Kardinal offenbar besonders umtreibt, ist die Frage nach dem Zusammenhalt einer pluralen Gesellschaft. Eine zu große Beliebigkeit stärke "Radikalismen an den Rändern", bei zu großer "Kohäsion" werde die Gesellschaft totalitär. Mit Blick auf die Beliebigkeit übte er nochmals deutliche Kritik an der raschen Bundestagsentscheidung zur "Ehe für alle" im Juni. Wesentlich für die Zukunftsfähigkeit der liberalen Demokratie ist für Marx die Zukunft der Europäischen Union. Zum Schlüssel gehört für ihn dabei die Beziehungen zu Frankreich und Polen. So warnte er mit Blick auf Polen vor einem "Rückfall in alte Schablonen." Entsprechend groß war aber auch sein "Bedauern", dass Europa im Bundestagswahlkampf keine Rolle gespielt habe.

Ein "überzogener Nationalismus" war einer der Kernkritikpunkt der Kirche an der AfD. Nach der Wahl sprach sich Marx nun für einen pragmatischen Umgang aus. Einem Kontakt werde sich die Kirche nicht verweigern. Auch wenn manche Positionen "grenzwertig" seien, gehe es nun darum zu sehen, "was auf die Tagesordnung der Politik kommt". Die Parteien bestimmten ihre Nähe zur Politik und zur katholischen Soziallehre selbst, so Marx. Dabei steht für ihn das "C" nicht einfach für konservativ. "Die christliche Tradition weist nach vorne". Religion sei eben nicht nur "Opium des Volkes", sondern ebenso "die Protestation gegen das wirkliche Elend", zitierte der Kardinal seinen Namensvetter Karl Marx. (KNA)


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