Filmfest München Ode an das Kino zum Abschluss

27.06.2017

Die britische Tragikomödie "Ihre beste Stunde" feiert zum Abschluss des Filmfests München am Samstag ihre Deutschlandpremiere. Warum der Streifen eine gelungene Hommage an das Kino selbst geworden ist, lesen Sie hier.

Buckley (Sam Claflin) und Catrin (Gemma Arterton) vor dem Filmplakat ihres eigenen Propagandafilms
Buckley (Sam Claflin) und Catrin (Gemma Arterton) vor dem Filmplakat ihres eigenen Propagandafilms. © Concorde Filmverleih GmbH

Es ist die fiktive Geschichte von Catrin Cole, die im London des Jahres 1940 in doppelter Hinsicht ums Überleben kämpft. Zum einen wird die Stadt seit Monaten von den Bomben der deutschen Luftwaffe getroffen, zum anderen kann Catrins Freund, ein Künstler, kaum das Geld für die gemeinsame Mietwohnung aufbringen. Für die taffe junge Frau ist das aber Ansporn, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Wie ihr das gelingt, davon erzählt „Ihre beste Stunde“. Der Abschlussfilm des diesjährigen Münchner Filmfests erweist sich als eine unterhaltsame britische Tragikomödie. Regie führte die dänische Filmemacherin Lone Scherfig. Schauspieler Bill Nighy und Produzent Stephen Woolley werden am Samstag, 1. Juli, zur Deutschlandpremiere des Streifens auf das Filmfest kommen. Ab dem 6. Juli ist der Film dann bayernweit auf der großen Leinwand zu sehen.

Die gelernte Werbetexterin Cole, überzeugend gespielt von Gemma Arterton, kommt zu einem für sie ungewohnten Job. Sie soll im Informationsministerium Dialoge für Propagandafilme schreiben, die Frauen ansprechen und besser erreichen. Von Catrins männlichen Ko-Autoren werden diese herablassend als „Schmalz“ bezeichnet. Ziel dieser Propagandafilme ist es, von der düsteren Stimmung im Land abzulenken und den überwiegend weiblichen Arbeitskräften in der Rüstungsindustrie neue Motivation zu geben. Außerdem sollen die Filme auch in Amerika gezeigt werden und die USA zum Kampf gegen die Nazis bewegen.

Catrin mit Ambrose Hilliard (Bill Nighy), Star des Films im Film.
Catrin mit Ambrose Hilliard (Bill Nighy), Star des Films im Film. © Concorde Filmverleih GmbH

Fake News

Als Catrin ein erfahrener Autor, der direkte und arrogante Tom Buckley (Sam Claflin), zur Seite gestellt wird, macht sich das Duo auf die Suche nach einer geeigneten Story für den Film. Schließlich werden sie bei einer patriotischen Geschichte fündig, die beide fasziniert: Zwei Zwillingsschwestern sollen im klapprigen alten Boot ihres betrunkenen Vaters in See gestochen sein, um bei der Evakuierung der eingeschlossenen Soldaten nach der Schlacht von Dünkirchen (Frankreich) zu helfen.

Catrin fühlt sich einem realistischen Ansatz verpflichtet, doch ihre Begeisterung schrumpft merklich, als sie entdeckt, dass Teile der heldenhaften Rettungsgeschichte eher „Fake News“ sind und erfunden wurden. Weil sie aber die Aufgabe hat, die Moral zu steigern und sie auch finanziell unter Druck steht, fängt sie an, im Drehbuch an der Wahrheit zu schrauben.

Catrin schaut sich ihren eigenen Film im Kino an.
Catrin schaut sich ihren eigenen Film im Kino an. © Concorde Filmverleih GmbH

Kein typisches Happy End

Es entsteht eine kitschige Heldenstory, die ihre Auftraggeber im Informationsministerium begeistert. Catrin ist es dabei ein wichtiges Anliegen, den weiblichen Anteil an der Rettungsgeschichte, also den der Zwillingsschwestern, auszubauen. Zum einen, weil sie die Rolle der Frauen in Kriegszeiten nicht ausreichend gewürdigt sieht, und zum anderen, weil sie sich davon auch einen größeren Erfolg beim Publikum erhofft.

Während sie für sich den richtigen Weg zwischen Dichtung und Wahrheit zu finden versucht, reist sie an die englische Südwestküste, wo der geplante Propagandafilm gedreht werden soll. Dabei verbringen Catrin und Tom immer mehr Zeit miteinander und kommen sich dabei natürlich auch (zwangsläufig) näher. Auch wenn „Ihre beste Stunde“ hier auf ein typisches Happy End hinauszulaufen scheint, fällt dieses dann doch ganz anders aus, als vom Zuschauer erwartet. Der kurzweilige und humorvolle Streifen spiegelt hier auf subtile Weise die Handlung des Films im Film wider, in dem die Protagonisten auch von Rückschlägen und Verlusten gebeutelt werden.

Das Kino selbst spielt dabei die heimliche Hauptrolle. Der Film feiert dessen Kraft, die Besucher auch jenseits von Propaganda – in mehr oder minder friedlichen Zeiten – zu berühren und zu inspirieren.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de

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