Erfahrung eines Pilgers Ohne Geld durch Israel

11.07.2018

Christian Seebauer war als Bettler im Heiligen Land unterwegs. Vier Jahre später wirkt der Israel Trail immer noch nach.

Christian Seebauer beim Pilgern durch Israel.
Christian Seebauer beim Pilgern durch Israel. © Seebauer

Prien – „Conny, ich würde total gern den Jakobsweg gehen“, sagt Christian Seebauer zu seiner Frau. „Dann trau dich, wir kriegen das hin!“, entgegnet ihm die Mutter seiner beiden Töchter. Zwei Tage später sitzt der Familienvater im Zug – mit einem kleinen Rucksack und improvisierter Ausrüstung. Er hat den knapp neunhundert Kilometer langen, aber weniger überlaufenen Küstenweg entlang des Atlantiks gewählt. Beim Gehen wird ihm zum ersten Mal klar, was ihm in seinem Leben wirklich wichtig ist – „mein Glaube, meine Frau und meine Kinder“ – und was nicht – „Karriere machen, sich jagen lassen, diese durchgetaktete materielle Welt“.

Der Diplom-Ingenieur ist zu diesem Zeitpunkt Anfang 40 und hat sich gerade selbstständig gemacht. Zuvor war er Verwaltungsdirektor einer großen deutschen Bank, finanziell sehr erfolgreich, aber „total unglücklich“. Ständig musste er seinen eigenen Werten zuwiderhandeln, erzählt der aus Prien am Chiemsee stammende Katholik. Es sei eigentlich nur um den Profit gegangen, darum, „abzuzocken, Menschen kaputtzumachen, Firmen auszuschlachten“. Noch heute bekommt der inzwischen 51-Jährige Herzrasen, wenn er daran denkt.

Immer wieder hat er versucht, aus diesem System auszubrechen und kleinere Pilgerwanderungen unternommen – in den Alpen oder von Kapelle zu Kapelle am Inn oder an der Amper entlang. Dennoch ist er, den immer wieder Depressionen plagen, am Ende im Burnout gelandet – einer Phase, in der er sich selbst und Gott nicht mehr gespürt hat. „Ich habe da meinen Glauben verloren. Ich bin zwar trotzdem ins Bett gegangen und habe gebetet, aber umsonst – ich habe nichts umgesetzt“, erinnert sich der gläubige Christ an diese schwierige Zeit.

Das Leben ändern

Der große Zusammenbruch erfolgt aber erst nach dem Jakobsweg. Ein halbes Jahr später sucht Christian Seebauer Hilfe in der Psychiatrie. Der große, sportlich wirkende Mann, der normalerweise fünf Sprachen beherrscht, kann nicht mehr lesen und schreiben. Auch andere Menschen erkennt er nicht mehr. In diesem Moment wird ihm klar: „Du brauchst Hilfe. Du musst dein Leben komplett ändern.“

Da fällt ihm Manuel ein. Den 33-jährigen Spanier hat er auf dem Jakobsweg getroffen. Einen todunglücklichen Milliardär, der den Küstenweg ohne Geld gegangen ist und alles, was er erbettelt hat, mit seinem deutschen Weggefährten geteilt hat. Seither hegt Christian Seebauer den Wunsch, auch einmal etwas ohne Geld zu versuchen. Sein Traum wäre es, den Appalachian Trail zurückzulegen – einen etwa 3.500 Kilometer langen Fernwanderweg durch 14 US-Bundesstaaten, für den man mehrere Monate braucht. Doch dazu sagt seine Frau momentan Nein. Wenn er das mache, brauche er nicht wiederkommen, schließlich hätten sie zwei kleine Kinder.

Israel National Trail

Seit 1995 gibt es den sogenannten „Israel National Trail", der auf rund 1.000 Kilometern von Dan nahe der libanesischen Grenze nach Eilat am Roten Meer führt.

Eines Nachts recherchiert Christian Seebauer im Internet nach Fernwanderwegen. Als er die ersten Bilder der Wüste Negev sieht, ist ihm klar: „Du musst den Israel Trail gehen“ – einen immerhin gut tausend Kilometer langen Weg quer durch das Heilige Land. Nach rund zweieinhalbmonatiger Vorbereitung bricht Christian Seebauer auf. Ohne Geld. Nicht weil er keines hat oder sich auf Kosten anderer durchschnorren will, erklärt er, sondern weil er „Nächstenliebe erleben“ und „echte Gefühle spüren“ möchte. In seinem Bekanntenkreis haben ihn zuvor viele für verrückt erklärt. Wie wolle er als Deutscher – noch dazu aus Dachau, in dessen Nähe er nach dem Studium in München gezogen ist – in Israel betteln?

Das gibt es nicht für Geld

Eine jedoch glaubt an sein Vorhaben: Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. „Wenn es in einem Land geht, dann in Israel“, gibt sie Christian Seebauer mit auf den Weg. Sie wird Recht behalten. Während seiner 50-tägigen Tour stößt der Deutsche ständig auf Menschen, die ihn nicht nur mit Wasser und Brot sowie einem Schlafplatz versorgen, sondern ihn begleiten und ihm die Angst vor dem Alleinsein nehmen.

Besonders lebhaft erinnert er sich an eine Begegnung in der Wüste. Er ist „körperlich total am Ende“, als er drei junge Israelinnen trifft. Eine von ihnen, Laisa, reicht ihm eine angeknabberte Paprika und umarmt ihn. Ihn, den Bettler, der schwitzt, stinkt und sich schämt. Die Erinnerung an dieses Glücksgefühl, einfach als Mensch angenommen zu werden, bringt den sonnengebräunten Mann mit den Lachfalten um die Augen fast zum Weinen. „Das sind alles Dinge, die man sich für Geld nicht kaufen kann“, stößt er mit tränenerstickter Stimme hervor.

Beziehung zu Gott ändert sich

Aber nicht nur sein Verhältnis zu den Mitmenschen wandelt sich in Israel, auch seine Beziehung zu Gott verändert sich. Er beginnt, seine Gedanken mit ihm zu teilen, anstatt auswendig gelernte Gebete aufzusagen, sich bei ihm zu bedanken, wenn ihm etwas geschenkt wird, und ihm seine Ängste anzuvertrauen, zum Beispiel vor der besonders schweren Etappe über den Mount Karbolet: „Lieber Gott, mach mich leicht, schenk mir Flügel, dass ich da drüberfliege“, betet er in der Nacht zuvor. Und tatsächlich: Am nächsten Tag fühlt sich Christian Seebauer „wahnsinnig gut“. Leichtfüßig, schnell und scheinbar ohne Kraft bezwingt er den Bergrücken. „Ich habe mit jedem Schritt gespürt, der liebe Gott ist in meinem Körper drin“, sagt er rückblickend über diese Etappe.

Und heute, vier Jahre später? Wirkt der Israel Trail noch nach? Ja, antwortet Christian Seebauer. Zwar sei er kein besserer Mensch geworden, aber ein dankbarerer. Sein Abendgebet falle ehrlicher aus, mehr wie ein richtiges Gespräch. Und er habe nach wie vor den Wunsch, zu pilgern und das Gelernte nie mehr ganz loszulassen – vorausgesetzt, seine Frau ist einverstanden.

Die Autorin
Karin Hammermaier
Münchner Kirchenzeitung
k.hammermaier@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Pilgern: Der Weg ist das Ziel 70 Jahre Israel

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