Renovabis-Kongress in Freising Orden berichten vom Wirken in Mittel- und Osteuropa

01.09.2016

Papst Franziskus hat die Kirche aufgerufen, an die Ränder zu gehen. Wie das aussehen kann, zeigen die Ordensgemeinschaften in Mittel- und Osteuropa. Sie stehen im Mittelpunkt des 20. Renovabis-Kongresses in Freising.

Erzbischof Heiner Koch eröffnete den 20. Internationalen Kongress Renovabis in Freising.
Erzbischof Heiner Koch eröffnete den 20. Internationalen Kongress Renovabis in Freising (Bilder: Renovabis) © Renovabis

Freising – Mit einem bekannten Musiker schlenderte Berlins Erzbischof Heiner Koch jüngst "Unter den Linden". Sein Begleiter ärgerte sich mal wieder über die Sparpläne der Kulturpolitiker in der Bundeshauptstadt: "Stellen Sie sich vor, sie würden in Berlin auf der Straße keinen Musiker mehr mit einem Musikinstrument sehen. Das wäre doch genauso schlimm, wie wenn man auf Berlins Straßen keine Ordensschwestern im Habit mehr sehen würde." Koch zeigte sich verblüfft - und so etwas sagt ausgerechnet einer, der kein Christ ist.

Die Zahl der Ordensmitglieder in Deutschland mag zurückgehen. Doch ihre Bedeutung und ihre Wertschätzung sind ungebrochen. Das gilt auch in Mittel- und Osteuropa. Unter dem Titel "Zeugen des Evangeliums - Gestalter der Welt" stehen die Ordensgemeinschaften im Zentrum des bis Freitag in Freising tagenden 20. Internationalen Kongress Renovabis. Und Koch, Trägervorsitzender des katholischen Osteuropa-Hilfswerks, weiß nur zu gut um die Strahlkraft der Ordensleute. "Wir stünden ganz arm da, wenn wir sie nicht hätten." Denn sie gingen mit großem Herzen auf die Menschen zu.

Junge Leute gehen weg

Eine dieser Hoffnungsträgerinnen, die sich mit 26 Mitschwestern den Aufgaben der Zeit stellt, ist Schwester Teodora Shulak. Die 36-Jährige Missionsschwester des Heiligsten Erlösers aus Lwiw in der Ukraine war Mitbegründerin der neuen Gemeinschaft, deren Provinzoberin sie heute ist. "Die aktuelle schwierige politische Situation in der Ukraine bedeutet für uns eine neue und ernste Herausforderung." Der Krieg im Osten des Landes habe die Probleme verstärkt: starke Korruption, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Menschenhandel und Zwangsprostitution im Ausland. Viele junge Leute gingen weg, weil sie für sich keine Perspektive mehr sähen.

Wo also ansetzen? Bei ihrer Arbeit kommt der Schwester zugute, dass sie nicht nur Theologie und Philosophie studiert hat, sondern auch eine psychotherapeutische Ausbildung in Rom absolvierte. Sie weiß, dass es darum geht, den Leuten das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. Wenn zwei Schwestern mit zwei Redemptoristenpatres für acht Tage ein Dorf besuchen, ist das für viele dort ein Zeichen der Hoffnung. In den Häusern treffen sie dann mit der ganzen Familie zusammen: "Wir hören zu, versuchen zu helfen und beten mit den Menschen."

Schwester Teodora Shulak, Provinzoberin in Lemberg/Ukraine
Schwester Teodora Shulak, Provinzoberin in Lemberg/Ukraine

Kunsttherapie für Alkoholkranke

Die Schwestern sind auch in der Gefängnisseelsorge tätig oder kümmern sich in einem Rehabilitationszentrum um Menschen, die alkohol- oder drogenabhängig sind. Neben Gesprächs- und Bibelkreisen organisieren sie Kurse für Ikonenmalerei, so dass Betroffene in einer solchen Kunsttherapie wieder Vertrauen in sich finden. In Ungarn ist Schwester Agnes Katalin Juhasz (63), studierte Biologin und Theologin, aktiv. Die Priorin des Ordens der Prämonstratenserinnen organisiert mit acht Mitschwestern und vielen in ihrem Sinne tätigen Laien unter anderem eine Tagesstätte für arme Kinder, in der sie am Tag bis zu 60 Mädchen und Jungen versorgen.

Mittlerweile gibt es sogar eine Fachmittelschule für sozial benachteiligte Jugendliche und für Kinder mit Behinderung im Alter von 14 bis 25 Jahren. "Wir haben 500 Schüler in der Schule, unter ihnen auch 30 bis 40 mit Behinderungen." 40 Prozent der Jugendlichen seien Roma. Eine Werkstätte für Menschen mit Behinderungen nennen die Schwestern seit 2006 ebenfalls ihr Eigen. Und weil das noch nicht genug war, übernahmen sie im Rahmen ihrer sozialen Tätigkeiten in der Stadt Zsambek auch noch offiziell einen Kinder- und Familienwohlfahrtsdienst sowie ein Seniorenheim.

Keine Zuschüsse aus Ungarn

Das Geld dafür versuchen die Schwestern über Fundraising und Wohltäter einzutreiben. Vom ungarischen Staat, dessen Ministerpräsident sich gern auf die christlichen Wurzeln des Landes beruft, gibt es keine Zuschüsse. Weitere Mittel stellt Renovabis zur Verfügung. Rund ein Viertel der von dem Hilfswerk geförderten Projekte seien 2015 von Orden beantragt und durchgeführt worden, sagt Geschäftsführer Gerhard Albert. Insgesamt seien so 7,5 Millionen Euro in 180 Projekte geflossen. Die Orden zeigten so der Kirche ein freundliches Antlitz. (Barbara Just/KNA)


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