Missbrauchsskandal Orden kündigen Erhebung zu sexueller Gewalt an

22.05.2019

Die Klöster in Deutschland wollen den Kampf gegen Missbrauch verschärfen. Dazu wollen die Orden eigene Erhebungen durchführen.

Konferensvorsitzende Katharina Kluitmann: "Das Leid wird gesehen, und ihnen wird geglaubt."
Konferensvorsitzende Katharina Kluitmann: "Das Leid wird gesehen, und ihnen wird geglaubt." © takasu - stock.adobe.com

Vallendar – Es sind klare Worte, die Lioba Zahn findet. Die gelernte Therapeutin und Benediktinerin aus der Abtei Mariendonk hat unzählige Aufarbeitungsberichte zu Fällen sexuellen Missbrauchs gelesen. Daher wisse sie, wie häufig Kollegen, Eltern, Mitbrüder und Mitschwestern "etwas" bemerkt haben. Da hängte ein Mitbruder "merkwürdige" Fotos von Jungen auf; da gab es den Mitbruder mit dem Spitznamen "Grabbel-Pater" oder die Mitschwester, die als "hart aber herzlich" galt - "weil alle wussten, dass sie Kinder massiv verprügelte und sie anschließend 'zärtlich' tröstete."

Die Schwester lässt keinen Zweifel: "Das ist Teil unserer Gemeinschaften." Sie ist eine von vielen Referenten vom Missbrauchsopfer bis zum Vatikan-Experten, die bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) gesprochen hat. Bis zum Mittwoch tagten im rheinland-pfälzischen Vallendar rund 200 Ordensoberinnen und -oberen nichtöffentlich, um schwerpunktmäßig über Missbrauch zu beraten.

Noch keine systematische Untersuchung

Laut DOK-Vorstandsmitglied Peter Kreutzwald, Provinzial der Dominikaner in Deutschland, haben sich die Orden seit dem Missbrauchsskandal immer wieder mit dem Thema befasst. 2018 stellten die Bischöfe eine umfangreiche Studie zu sexuellem Missbrauch vor. Darin wurden die Orden nur berücksichtigt, wenn etwa ein Ordenspriester in Diensten eines Bistums stand und zum Täter wurde. Missbrauch bei Mönchen und Nonnen in den rund 1.600 deutschen Klöstern wurde nicht systematisch untersucht.

"Wir wissen noch immer nicht genug über das, was in den einzelnen Gemeinschaften geschehen ist und geschieht," sagte die Konferenzvorsitzende, die Lüdinghausener Franziskanerin Katharina Kluitmann. Das wolle man ändern - aber nicht mit einer großen Studie - denn davon hätten Fachleute aufgrund der sehr unterschiedlichen Ausrichtung der Orden abgeraten. Stattdessen hätten die Äbtissinnen und Äbte einstimmig eine Erhebung zu den Dimensionen sexueller Gewalt in Klöstern beschlossen. Diese solle in den nächsten Wochen starten und Anfang 2020 veröffentlicht werden.

"Immer geht es um Macht"

Ziel ist es laut Kluitmann, einen Überblick über die Anzahl der Betroffenen, Meldungen an die Staatsanwaltschaften, Zahlungen an Opfer, die Durchsicht von Personalakten und die unterschiedlichen Schutzkonzepte zu bekommen. Die Konferenzvorsitzende bezeichnete es als wichtig, den Betroffenen zu zeigen: "Das Leid wird gesehen, und ihnen wird geglaubt."

Auch geistlicher Missbrauch unter den rund 14.250 Ordensfrauen und rund 3.500 Ordensmännern, die in knapp 1.600 Niederlassungen leben, solle untersucht werden. Das sei beispielsweise der Fall, wenn Novizenmeister oder Beichtväter ihre Machtpositionen ausnutzten. Dadurch verlören die Betroffenen den Schutzraum ihrer Privatsphäre. Es gebe eine klare Parallele zwischen dem Missbrauch an Minderjährigen und Schutzbefohlenen und dem geistlichem Missbrauch: "Immer geht es um Macht, die falsch eingesetzt wird."

"Wegsehen und Schweigen ist gefährlich"

Kluitmann sagt, bei der Aufklärungsarbeit sei man "noch lange nicht am Ziel, aber wir haben Wegmarken, an denen wir weiterarbeiten können". Die Diskussionen unter den Äbtissinnen und Äbten über Missbrauch hätten zudem gezeigt: "Man kann deutlich offener reden, als das früher der Fall war."

Kreutzwald hebt hervor, wie eng die DOK als Einrichtung mit begrenzten Mitteln mit der Bischofskonferenz und dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung zusammenarbeite. Von den etwa 400 Ordensgemeinschaften in Deutschland hätten rund 230 Ansprechpartner für Fälle von sexuellem Missbrauch benannt. Bei 80 weiteren Gemeinschaften stünden die Ansprechpartner aus den Bistümern bereit. Viele kleine und überalterte Gemeinschaften seien nicht mehr in der Lage, eine solche Kontaktperson zu benennen. Die DOK führe aber Gespräche über externe unabhängige Anlaufstellen und biete Opfern möglichst schnelle und unbürokratische Hilfe. Benediktinerschwester Lioba Zahn sagte, die Orden seien es den Überlebenden schuldig, sexuelle Missbrauchstaten klar als Straftaten zu benennen. Ein Wegsehen und Schweigen sei gefährlich, "denn damit bieten wir den Nährboden für weitere Vertuschung". (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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