Minimalismus Ordensmann ist freiwillig arm

10.10.2018

Hans-Georg Löffler ist Franziskaner. Er hat versprochen in Armut zu leben. So gelingt ihm das.

Freiwillig verzichten: Weniger ist mehr.
Freiwillig verzichten: Weniger ist mehr. © Rawpixel.com - stock.adobe.com

 

München – Verschiedene Äste sind der Wurzel der mittelalterlichen Bettelordentradition erwachsen: Dominikaner, Augustiner-Eremiten, Karmeliten, die franziskanische Familie. Ich gehöre seit 35 Jahren dem Franziskanerorden an und lebe nach den Gelübden: Armut, Gehorsam, ehelose Keuschheit. Wobei ich ehrlich sagen möchte: Ich versuche ihnen immer wieder und täglich neu gerecht zu werden. „Armut“ war dem heiligen Franziskus ein hoher Wert. Freiwillig wählte er den Weg der Entsagung, wandte sich entschieden ab von einem gesicherten Lebensentwurf für den sein familiärer wirtschaftlicher „background“ beste Voraussetzungen geboten hatte. Er erbettelte sich, was er zum Leben brauchte, und ertrug dafür das Unverständnis seiner früheren Freunde, das Gespött vieler, zu denen er sich vor seiner Bekehrung selber gezählt hatte. Diese Armut wählte er, um frei zu sein von Konventionen, Erwartungen und Ängsten. Er wählte sie, um mitfühlen zu können mit den Ärmsten der Armen, denen er sich zuwandte – was ihn, wie die Erzählung der Begegnung mit dem Leprakranken vor den Toren Assisis beschreibt, auch Überwindung kostete. Eine über 800-jährige Tradition verbindet heute immer noch Schwestern und Brüder der franziskanischen Familie weltweit in den verschiedenen Ordensgemeinschaften, aber auch in der franziskanischen Laienfamilie, dem Dritten Franziskanischen Säkularen Orden.

Das Leben der "modernen" Franziskaner

Wie leben Franziskaner heute das, was dem heiligen Franziskus heilig war? Sicherlich anders. Aber wir leben in Gemeinschaft: Franziskus hat seinen Berufungsweg allein begonnen, es schlossen sich aber schon bald andere an. Das Leben in Gemeinschaft ist für Franziskus ein wesentliches Charakteristikum. In einer Gesellschaft, in der es ein großes Ziel ist, „unabhängig“ zu sein, wollen wir uns heute immer noch „abhängig“ machen von einer Gemeinschaft, in der wir unser Leben miteinander teilen, unseren Glauben miteinander bekennen und feiern und uns einsetzen für die Menschen, mit denen wir das Leben teilen wollen. Die Dynamik, in die sich Franziskus stellte, als er „vom Pferd herabstieg“, um den Leprakranken zu umarmen, soll und will unser Leben heute noch bestimmen, runter vom „hohen Ross“, bei den Menschen sein, für die Menschen da sein, mit den Menschen leben. Es ist, als würde mich der heilige Franziskus am Strick meines Habites ziehen: „Das ist ja schön gedacht, Bruder, aber wie sieht das denn in der Realität aus: Ihr lebt in zum Teil viel zu großen Klöstern mit hohen Mauern, habt Sprechstunden, Computer, Handys, Übergewicht – widerspricht das nicht dem Ideal der Armut?“ Natürlich hat jeder die Arbeitsmittel, die er für seine Aufgaben braucht – aber ich würde betroffen dem großen Heiligen Recht geben müssen, etwas beschämt auch für manche Unachtsamkeit oder angesichts so vieler Selbstverständlichkeiten im Umgang mit Dingen, die ich nutze, weil sie fraglos „da“ sind.

Pater Hans-Georg Löffler ist Franziskaner
Pater Hans-Georg Löffler ist Franziskaner © privat

Wir teilen, was wir haben, was wir erarbeiten und erwirtschaften, das ist so; jeder bekommt, was er zum Leben braucht, inklusive Feriengeld, und es weckt bei manchen, die bei uns zu Besuch sind, „eigentümliche“ Gefühle: kein eigenes Auto, kein eigener Fernseher, kein eigenes Bankkonto. Und dazu sagt jeder Bruder freiwillig „Ja“. Und doch: An der eigenen Verantwortung kommt auch im klösterlichen Leben niemand vorbei. Ich fühle mich in eine Lebensform berufen, durch die ich mich formen lassen möchte, mich weiterentwickeln, meine eigenen kleinen oder auch größeren Dämonen überwinden – ich möchte mich auf dem Weg halten – aber ich bin noch lange nicht am Ziel – und bedarf auch der Vergebung, um neu zu beginnen. Die Last der Tradition wird mir bei einer Reflexion wie dieser deutlich, konkret: Als die Franziskaner ins Lehel gerufen wurden, war dieser Münchner Stadtteil ärmlich – heute ist es eine gesuchte Adresse häufig für Menschen mit höheren Einkommen, auch viele, die mit Wohnraum spekulieren wollen. Die Frage, ob wir Franziskaner nicht besser in einen anderen Stadtteil Münchens umziehen, um dort gegebenenfalls wahrhaftiger zu leben und uns vom Charisma unseres Gründers authentischer für Menschen einzusetzen, wurde immer wieder unter Mitbrüdern diskutiert – die Brüder haben sich entschieden, hier zu bleiben, hier mit den Menschen Leben zu teilen, auch für die Armen da zu sein und im Rahmen unserer – deutlich begrenzten – personellen Möglichkeiten in diesem Lehel franziskanische Akzente, Gedanken und Projekte zu leben.

Eine andere Art Armut

Es gibt neben der materiellen Armut eine andere Qualität von Armut, die Entwicklungen in unserer Gesellschaft widerspricht: Nichts „Besonderes“ sein zu wollen, die Anerkennung bei Gott und nicht bei den Menschen zu suchen, sich einfach in Dienst nehmen zu lassen, verfügbar zu sein, nicht herrschen, nicht urteilen zu wollen. Natürlich freue ich mich, wenn Menschen mich loben – aber sie dürfen nicht zum Objekt meiner Selbstverwirklichung werden. Ich bewundere oft Mitbrüder, die „in der Welt“ bestimmt tolle Karrieren gemacht hätten: als Professoren, als IT-Spezialisten, mit ihren kreativen Begabungen, auch in verantwortungsvollen Aufgaben und Diensten der Kirche. Aber sie stellen sich in die Gemeinschaft der Brüder, sie lassen sich in Dienst nehmen für Menschen, sie wählen einen unteren Weg im Zusammenleben und -wirken mit anderen. Das gemeinschaftliche Leben kann eine ganz eigene Erfahrung von Armut bedeuten, andere, die „das Sagen haben“, Entscheidungen, die nicht mit den eigenen (begrenzten) Einsichten übereinstimmen, die aber mitgetragen werden wollen, das Aushalten von Eigenarten, Schrulligkeiten. Auch sehe ich Herausforderungen unserer Zeit, die uns heute mehr betreffen als den heiligen Franz: Umweltschutz, die Fragen, die aus der Globalisierung erwachsen, vor denen wir die Augen nicht verschließen können und auf die Menschen von Franziskanerinnen und Franziskanern heute Antworten erwarten. Armut, franziskanische Armut bedeutet für mich: ein einfacher Lebensstil, Hab und Gut zu teilen, nicht zu raffen, mit und da zu sein für die Menschen, nicht zu urteilen. „Brüder lasst uns anfangen“, schreibt der heilige Franziskus in seinem Testament.
(Pater Hans-Georg Löffler OFM ist Pfarradministrator von München-St. Anna.)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Minimalismus

Das könnte Sie auch interessieren

Minimalismus-Grundsatz: "Weniger ist mehr"
© loookash - stock.adobe.com

Deshalb ist weniger heutzutage mehr 7 Gründe, um minimalistisch zu leben

Immer mehr Menschen leben nach den Grundsätzen „Weniger ist mehr“ und „Qualität statt Quantität“. Hier sieben Antriebskräfte des Minimalismus- Trends.

08.10.2018

Wer an einem aufgeräumten Schreibtisch sitzt, ist innerlich strukturierter und hat seine Aufgaben besser im Griff.
© jackfrog - stock.adobe.com

Minimalismus Einfachheit als spirituelle Aufgabe

Warum ist manchmal weniger mehr? Was hat "simplify your life" mit Minimalismus zu tun? Bestseller-Autor Werner Tiki Küstenmacher erklärt es.

07.10.2018

© Mayr

Einblicke ins Klosterleben Die große Einfachheit

Ein aufwändiger Bildband stellt den Alltag in fünf Frauenklöstern in Bayern, Südtirol und im Engadin vor.

23.03.2017

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren