Besuch in der Klosterapotheke Ordensschwestern kennen die Schätze der Natur

28.08.2020

Im Garten des Kloster Beuerberg lässt sich nicht nur gut entspannen, sondern auch Kräuter finden. Schon vor vielen Jahren haben die Salesianerinnen sie genutzt und so manch ein geheimes Rezept entwickelt.

Die Apotheke im Kloster Beuerberg
Die Apotheke im Kloster Beuerberg © Kiderle

Beuerberg – Sibylle Reinicke zaubert eine kleine Papiertüte aus ihrem Korb, „Gebirgs-Pfefferminztee aus dem Kloster Beuerberg“ steht in schön geschwungener Schreibschrift darauf. Darunter ein Piktogramm des Klosters, das so wunderbar auf einer Anhöhe in der Landschaft bei Wolfratshausen liegt. „Besonders zu empfehlen bei Verdauungsstörungen und Unterleibsschmerzen sowie als Frühstückstee“, liest die Apothekerin vor. Das Tütchen, dem man seine 30, 40 Jahre vor allem am Design ansieht, ist ein Fundstück, das der Direktor des Diözesanmuseums, Christoph Kürzeder, kürzlich erst durch Zufall in einem Schrank im Kloster entdeckte. Ein Zeugnis vergangener Zeiten. Damals, bis in die 1970er Jahre, haben die Salesiannerinnen Pfefferminze auf eigenen Feldern angebaut, im Dachboden drei bis vier Wochen lang getrocknet und in ihrer Klosterapotheke verkauft. Ihr Gebirgs-Pfefferminztee, der entkrampfend wirkt, war weit und breit begehrt.  

Workshops in der Kloster-Apotheke  

Überhaupt gibt es viele interessante Geschichten rund um diese Klosterapotheke. „Solch einen alten Ofen hat sonst keiner mehr“, sagt Reinicke und zeigt auf einen bronzenen gemauerten Destillations-Ofen mit Kupferapparatur, aus der im unteren Viertel ein langes, dünnes Rohr herausragt. Sein Alter ist schwer zu schätzen. Benutzt haben die Beuerberger Salesianerinnen den Ofen wohl weit bis ins 20. Jahrhundert. „Aus vergorenen Pflanzenextrakten, beispielsweise Fruchtweinen, konnten die Schwestern auf diese Weise hochprozentigen Alkohol gewinnen, den sie für viele verschiedene Rezepturen vom Wundreinigungsmittel bis zum Hustensaft benötigten“, erklärt die Apothekerin, die sich seit Öffnung des Klosters für die Öffentlichkeit 2016 um das kleine Juwel mit den alten Holzschränken, braunen und weißen Gläschen und unzähligen Instrumenten kümmert. Und auch wenn die Ausstellung in Kloster Beuerberg läuft, also von Frühjahr bis Herbst, Workshops anbietet. Beispielsweise zum Herstellen von Salben, Pastillen oder Parfums. Wegen Corona allerdings sind Workshops heuer nur sehr begrenzt möglich.

Herstellung von Medikamenten war Schwerstarbeit  

Gegenüber steht ein großer schwerer Mörser, der fast bis zur Hüfte reicht. Darin wurden unter anderem Wurzeln und Harze zerkleinert, per Hand, die gesamte Körperkraft war hierfür nötig. Schwerstarbeit. „Dies haben eher nicht die Chorschwestern erledigt, sondern Laienschwestern“, berichtet Reinicke, „und zwar bis in die 1920er Jahre.“ Das Ergebnis, meist eine klebrige Masse, wurde benötigt, um Pillen, Salben, Pulver, Auflagen, Zäpfchen oder Hustensaft zu machen. Haben die Schwestern hautreizenden spanischen Pfeffer dazugegeben, half dieser, äußerlich angewandt, dank der Wärme, die am Körper entsteht, gegen Muskelverspannungen. Ein Vorläufer des modernen ABC-Pflasters sozusagen. Zur innerlichen Anwendung bekam die Masse noch weitere Zusätze, zum Beispiel Kräuter, manchmal Färbemittel, dann noch Zucker zum besseren Kleben. Anschließend wurde sie geknetet und zu längeren Würsten gerollt, um sie dann in einem Pillenbrett durch Schieben mit einem Teiler in die Form von Würfeln zu bekommen. Um aber Kügelchen (lateinisch Pilulae), also Pillen zu erhalten, haben die Apotheker den so genannten Pillendreher eingesetzt, ein kreisrundes hölzernes Brettchen mit Griff und flachem Hohlraum an der Unterseite. Mit kreisenden Bewegungen per Hand wurden runde Kügelchen erzeugt.  

Klostergarten ist Wohlfühl-Oase  

Bei den Salesianerinnen gab es mindestens jeweils zwei Schwestern, die sich um die Apotheke im Kloster kümmerten. Die Ältere gab ihr Wissen an eine Jüngere weiter. Nur eine Schwester, die in den 1950er Jahren ins Kloster kam, hatte Pharmazie studiert. Dadurch konnte die Apotheke eine Zulassung als öffentliche Apotheke erhalten. Die Schwestern versorgten die ganze Gegend und hatten nach dem Krieg damit eine gute Einnahmequelle. Um diese Pharmazie-Salesianerin ranken sich einige Gerüchte. Tatsache ist, dass sie in den 1960er Jahren das Kloster verließ – wohl wegen eines Mannes. Danach musste die Apotheke als öffentliche Einrichtung aufgegeben werden. Aber die Schwestern hatten eine gute Idee: Lange, bevor „Detox“ gehypt wurde, also eine Entgiftungs-Kur, hatten die Salesiannerinnen ihr Rezept. Sie brauten einen Medizinalwein mit Löwenzahn aus Beuerberg. Dieser wirkt abführend, also entgiftend, und hilft bei Verdauungsbeschwerden. Heute gibt es Likör unter dem Namen „Leo“, gebraut in Erinnerung an dieses geheime Salesianerinnen-Rezept im Kloster-Shop zu kaufen.  

Reinicke führt nach draußen in den wunderbaren Klostergarten. Hier blüht es in bunten Farben und unterschiedlichen Formen, eine Wohlfühl-Oase, nicht nur für gestresste Großstädter. Neben Blumen und Gräsern wachsen in unterschiedlich großen Beeten Kräuter, bekannte und weniger bekannte. „Salbei und Thymian sind ideal bei Halsweh und Husten“, berichtet die Apothekerin, „die Salesianerinnen bauten diese auch an und verarbeiteten sie zu Pastillen und Hustensaft.“ Bei Bauchgrummeln, Bauchweh und Verdauungsbeschwerden helfen Kümmel, Anis und Fenchel. Kamille wird gerne für Wundsalben verwendet.    

Vom ‚bitteren Nachgeschmack‘

„Und da ist Wermut“, sagt Reinicke und deutet auf eine grüne, etwas unscheinbare Pflanze, die ein bisschen aussieht wie zartere Petersilie. Wermut schmeckt bitter. Die Apothekerin erklärt, dass die menschliche Zunge vorne und seitlich süß, sauer, salzig und herzhaft schmecke, hinten bitter. „Daher kommt der Spruch vom ‚bitteren Nachgeschmack‘.“ Die Heilwirkung von Wermut ist blutbildend und blutreinigend. Nicht ganz so bekannt sind Digitalis (Fingerhut), Aconit (Eisenhut) und Schöllkraut. Die erste Pflanze ist herzstärkend, wer zuviel davon nimmt, bekommt allerdings Probleme, da das Herz zwar kräftig, aber immer langsamer zu schlagen beginnt, bis es ganz aufhört. Eisenhut sieht mit seinen blauen Blüten wunderschön aus, ist aber ein starkes Gift. Es stört die Reizleitung der Nerven und führt zu Atemlähmung und Herzstillstand. Die Homöopathie nutzt ihn bei Erkältung und fiebrigen Entzündungen. Das gelbe Schöllkraut wirkt verdauungsfördernd. Aber auch hier gilt: zu viel ist schädlich, da es lebertoxisch wirkt. Allerdings, und das dürfte weniger bekannt sein: Schöllkraut hilft als Tinktur aufgeträufelt gegen Warzen.  

Salesianerinnen mischen Weihrauch  

Im Beuerberger „Gift-Garten“ findet sich überraschenderweise Petersilie. „Es sind die Samen der Blüten, die giftig sind“, erklärt Reinicke. Es gebe den Spruch: „Petersilie helfe dem Mann aufs Pferd und der Frau unter die Erd.“ Denn: Die Petersilienwurzel sollte „die Manneskraft stärken“. Wurde die Frau dann ungewollt schwanger, nahm so manche die Samen der Petersilienblüte ein, „hoch genug“ dosiert, löst es leicht eine Fehlgeburt aus, ist dann aber oft tödlich. Weihrauch übrigens mischten die Salesiannerinnen in Kloster Beuerberg ebenfalls. Und räucherten damit auch Räume aus. „Beispielsweise nach Todesfällen oder bei ansteckenden Krankheiten, zum Teil auch mit Kräutermischungen, beispielsweise mit Rosmarin, Thymian, Salbei und Wachholder, das wirkt antiseptisch.“ Natürliches Heilen, das jahrhundertealte Wissen um Heilkräuter erfährt seit Jahren einen Boom. „Wir haben eine Sehnsucht nach dem Nachvollziehbaren“, erklärt Reinicke, „bei Kräutern weiß ich, was drin ist, was mir guttut und was nicht.“ Das Misstrauen gegen Chemie und die Sorge um die Vergiftung der Umwelt steige allgemein. Die Schwestern in Kloster Beuerberg besaßen ein breites Wissen und Können rund um Naturheilkunde, von dem wir heute profitieren. Nicht nur das, es zieht uns magisch an.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Chefredakteurin Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

Abtei Praglia von außen
© Altmann

Besuch im größten Benediktinerkonvent Italiens

Kunstgefüllte Basilika, Klosterladen bekannt für Kosmetika, Nuklearphysiker als Abt - Die Abtei Praglia, in der Nähe von Padua, hat so manche Überraschung zu bieten.

23.09.2020

Norbert Krieger bei der Weinlese
© Weinzierl-Bruderschaft Landshut

Der Strumpfwein von der Isar

Schon im Mittelalter wurde in Altbayern Wein angebaut. Sein Ruf war allerdings nicht der beste. Zwei Iniativen in Landshut und Freising wollen das mit neuen Traubensorten ändern.

17.09.2020

Kardinal Marx mit Mallersdorfer Schwestern
© Priesterseminar

Schwestern ziehen aus

Die Mallersdorfer Schwestern geben ihre Niederlassung im Münchner Priesterseminar auf. Ihr Abschied wurde gebührend gefeiert.

14.09.2020

Wie von Künstler Christo verhüllt: Die Fassade des Freisinger Diözesanmuseums
© Freisinger Diözesanmuseum/Thomas Dashuber

Dieses Denkmal ist ein Geschenk

Bis 2022 wird das Freisinger Diözesanmuseum noch saniert. mk online hat einen exklusiven Einblick in die Baustelle bekommen.

13.09.2020

Stadtmuseum vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Landsberg am Lech
© imago

Unterschätzte Kultur- und Freizeiteinrichtungen

1200 nichtstaatliche Museen hat Bayern zu bieten. Der Freistaat berät sie durch eine Landesfachstelle. Deren neuer Leiter Dr. Dirk Blübaum erläutert im Interview die Bedeutung regionaler und oft auch...

17.08.2020

Schild „Tugend kann zum Laster werden.“ im Kloster Beuerberg.
© Kiderle

Tugendreich - Neue Zeiten. Alte Werte?

Am Pfingstsamstag öffnet die neue Ausstellung im Kloster Beuerberg ihre Pforten für Besucher. Die Coronakrise hat das diesjährige Thema topaktuell gemacht.

30.05.2020

Christoph Kürzeder am Rednerpult
© SMB

Lust und Tugend Diözesanmuseum stellt Pläne und Vorhaben für 2020 vor

Das Museumsgebäude am Freisinger Domberg wird noch saniert. Trotzdem kündigt Direktor Christoph Kürzeder für dieses Jahr eine Ausstellung an, die für Debatten sorgen wird.

29.01.2020

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren