Benedikt XVI.: 5. Jahrestag des Rücktritts Päpste sind und bleiben Menschen

11.02.2018

Die Nachricht kam an jenem 11. Februar 2013 wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Papst Benedikt XVI. verkündete seinen Rücktritt vom Papstamt. Zum fünften Jahrestag deutet Professor Klaus Unterburger diese Entscheidung im Licht der Papstgeschichte.

In den Tagen nach seiner Ankündigung beherrschte Benedikt die Schlagzeilen.
In den Tagen nach seiner Ankündigung beherrschte Benedikt die Schlagzeilen. © imago

München – Etwas Unerhörtes war geschehen: Der Papst tritt zurück. Mancher hat die Meldung am 11. Februar 2013 erst für einen Faschingsscherz gehalten. Es gab Stimmen, die meinten, dadurch sei das Papstamt säkularisiert, entzaubert worden. Fünf Jahre später lohnt es sich, mit mehr Abstand darauf zu blicken, wie sich dieser Rücktritt in die Geschichte des Papsttums einordnet.

Seit der Spätantike hat sich in der westlichen Kirche ein Rechtstext durchgesetzt, der Papst Symmachus (498-414) zugeschrieben wurde: Der erste Sitz, also der Papst, richtet in der Kirche alles, kann aber selbst von niemandem gerichtet werden. Das Papst-amt als Letztinstanz und Garant der Einheit der Kirche: Diese Vorstellung wurde in der Kirchengeschichte immer wichtiger. Untergeordnete Instanzen mögen versagen können, der Papst sorgt dafür, dass die Kirche im wahren Glauben bleibt. Der berühmte „Dictatus papae“ Papst Gregors VII. (um 1075) ist Ausdruck dieses Selbstverständnisses: Der Papst besitzt Amtsheiligkeit (Satz 23); die römische Kirche könne nie selbst in Irrtum fallen (Satz 22).

Professor Klaus Unterburger ist Inhaber des Lehrstuhls für Historische Theologie/Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Uni Regensburg.
Professor Klaus Unterburger ist Inhaber des Lehrstuhls für Historische Theologie/Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Uni Regensburg. © MK

Notfallrecht im Mittelalter

Dennoch waren die Päpste Menschen mit Schwächen; das Kirchenrecht speicherte diese Erfahrung, dass Päpste unwürdig waren, Irrtümer vertraten; dass es unsicher sein konnte, ob jemand zu Recht ins Papstamt gekommen ist. Man diskutierte im Mittelalter Fragen wie die, was geschehe, wenn ein Papst nicht mehr in der Lage sein würde, die Kirche zu regieren. Immer wieder wurden Päpste im Mittelalter zum Rücktritt genötigt oder gar abgesetzt; als Rechtfertigung musste die Begründung herhalten, sie seien nicht legitim in ihr Amt gekommen oder sie würden vom Glauben abweichen. So bildete sich ein Notfallrecht aus: Der Papst darf von niemandem gerichtet werden, außer er weicht vom Glauben ab. Die Einschränkung „vom Glauben abweichen“ wurde meist weit verstanden, so dass auch Schisma, notorisch kirchenschädigendes Verhalten und die Unfähigkeit, das Amt auszuüben, darunter fielen.

Der Amtsrücktritt Coelestin V. 1294 leitete eine Epoche ein, in der immer wieder zunächst mit dem Häresieprozess gegen einen Papst (Bonifaz VIII.) gedroht wurde und die dann tatsächlich mit dem Notstandsrecht ernst machte. Das Konstanzer Konzil (1414-1418) hatte es mit drei Papstprätendenten zu tun: Einer trat zurück, zwei wurden abgesetzt. Bei einem solchen Notstand müsse sich auch ein Papst einem Konzil fügen, da dieses die gesamte Kirche repräsentiere.

These gegen Luther

Diese Vorgänge waren ein Stachel für das Papsttum. Auch Luther hatte gegen einen Papst, der in seinen Augen dem Evangelium untreu wurde, an ein Konzil appelliert und sich auf die Häresieklausel gestützt. Die propäpstlichen Theoretiker wollten diese Schwachstelle eliminieren. Gegen den Protestantismus wurde seit dem 16. Jahrhundert immer häufiger die These vertreten, ein Papst könne grundsätzlich nicht vom Glauben abfallen oder ähnlich schwere Fehler begehen; eher werde ihn Gott sterben lassen. Die souveräne, sakrosankte päpstliche Letztinstanz, die im Gewirr der Meinungen letzte Sicherheit gibt: Sie wurde in den vergangenen Jahrhunderten immer wichtiger.

Das Problem aber blieb: Die Päpste wurden immer älter, damit wuchsen die Kontingenzen. So sehr das Amt sakrosankt war – immer wieder gab es ein ungutes Gefühl, ob ein gebrechlicher Papst es wirklich ausüben konnte; die Päpste waren und blieben Menschen. So hat nicht der Rücktritt Benedikts XVI. das Papstamt entzaubert, sondern eine Spannung, ein Problem gelöst, das schon vorher da gewesen ist. Die Kirchengeschichte hat viel über solche Situationen diskutiert und es ist nicht das Papstamt, das säkularisiert wurde, sondern nur eine antiprotestantische Überhöhung der vergangenen Jahrhunderte. Revolutionär und neu ist etwas anderes: Der Titel „papa emeritus“ und das Tragen päpstlicher Gewänder durch diesen. Ob dies ein Fehlgriff war oder eine neue Entwicklung einleitet, wird die Zukunft zeigen. (Professor Klaus Unterburger)

Die Erklärung von Papst Benedikt XVI. am 11. Februar 2013

Liebe Mitbrüder,

ich habe euch zu diesem Konsistorium nicht nur wegen drei Heiligsprechungen zusammengerufen, sondern auch, um euch eine Entscheidung von großer Wichtigkeit für das Leben der Kirche mitzuteilen. Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben.

Ich bin mir sehr bewusst, dass dieser Dienst wegen seines geistlichen Wesens nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden darf, sondern nicht weniger durch Leiden und durch Gebet. Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen.

Im Bewusstsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten, so dass ab dem 28. Februar 2013, um 20.00 Uhr, der Bischofssitz von Rom, der Stuhl des heiligen Petrus, vakant sein wird und von denen, in deren Zuständigkeit es fällt, das Konklave zur Wahl des neuen Papstes zusammengerufen werden muss.

Liebe Mitbrüder,
ich danke euch von ganzem Herzen für alle Liebe und Arbeit, womit ihr mit mir die Last meines Amtes getragen habt, und ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler. Nun wollen wir die Heilige Kirche der Sorge des höchsten Hirten, unseres Herrn Jesus Christus, anempfehlen. Und bitten wir seine heilige Mutter Maria, damit sie den Kardinälen bei der Wahl des neuen Papstes mit ihrer mütterlichen Güte beistehe. Was mich selbst betrifft, so möchte ich auch in Zukunft der Heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen.


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