Folge der Coronakrise Pandemie begünstigt sexuelle Ausbeutung von Kindern

27.01.2021

Die Coronakrise und ihre Beschränkungen gefährden insbesondere Kinder und Jugendliche, die in ihrem Umfeld Missbrauchstätern ausgesetzt sind.

Noch mehr zum Schweigen verurteilt: missbrauchte Kinder in der Coroankrise.
Noch mehr zum Schweigen verurteilt: missbrauchte Kinder in der Coronakrise. © Imago

Rom/München - Klickzahlen auf entsprechenden Internetseiten und erste Studien belegen es: die Coronapandemie befeuert den Konsum von Darstellungen sexueller Ausbeutung an Kindern und reale Missbrauchstaten. Für den Jesuitenpater Hans Zollner vom Centre for Child Protection (CCP) ein Grund zur Sorge. In der neuesten Folge des Podcasts Würde.Leben weist der Präsident des kirchlichen Kinderschutzzentrums in Rom auf diese Entwicklungen hin. Durch staatlich angeordnete Ausgangsbeschränkungen, Kurz- und Heimarbeit seien Kinder und Jugendliche Missbrauchsverbrechen besonders im familiären Umfeld noch stärker ausgeliefert als sonst. „Es ist natürlich schwerer, sich Hilfe zu suchen, wenn die Täter ständig in der Nähe sind“, so Pater Zollner. Diese fühlten sich zudem weniger beobachtet und in ihrem Tun noch sicherer als vor der Pandemie: „Die Kinder und Jugendlichen dürfen nicht mehr in den Kindergarten oder in die Schule, Lehrer oder Erzieher haben gar keine Chance mehr, Anzeichen von Missbrauch zu erkennen.“ 

Täter mit mehr Zeit und unter Stress

Die Täter stünden zudem selbst unter den Bedingungen des Lockdowns, „sind unausgelastet oder gestresst, das senkt die Hemmschwelle und steigert das Risiko.“ Schon im vergangenen Sommer hätten Studien in Spanien und Italien ergeben, dass die gemeldeten Fälle etwa um etwa ein Drittel gestiegen seien. „Dabei müssen wir aber von einer extrem hohen Dunkelziffer ausgehen.“ Ebenso beunruhigt den Präventionsexperten, „dass die Zugriffe auf Internetseiten mit Darstellungen sexuellen Missbrauchs und sexueller Gewalt an Kindern deutlich zugenommen haben“. Weltweite Erhebungen gehen von einer Verdoppelung bis Verdreifachung solcher Seitenaufrufe seit dem Beginn der Pandemie aus.

Wirtschaftliche Vorteile

Pater Zollner beklagt, „dass die technischen Möglichkeiten nicht ausgeschöpft werden, um solche Abbildungen zu finden, zu löschen und diejenigen zu bestrafen, die die sie hochgeladen haben.“ Dafür seien vor allem ökonomische Gründe ausschlaggebend: „Kein Social Media-Unternehmen hat ein Interesse an Einschränkungen, weil sich durch viele Klicks der wirtschaftliche Nutzen erhöht.“ Von politischer Seite würden Eingriffe mit Hinweis auf die Freiheit des Internets abgeblockt. Erst vor Weihnachten habe die EU eine Regelung abgeschafft, die Plattformbetreiber stärker zur Verantwortung zieht: „Die Gesetzgeber sind auf internationaler Ebene offensichtlich nicht bereit, die Konsequenzen zu ziehen und Kinder wirklich umfassend zu schützen“, so Pater Zollner.

Achtsamkeit für die Schwächsten

In der neuen Folge des Podcasts Würde.Leben ruft er dazu auf, gerade in der Corona-Pandemie verstärkt auf sexuellen Missbrauch zu achten: „Diejenigen, die sich nicht melden können, weil sie zu klein oder von der Kommunikation abgeschnitten und Drohungen ausgesetzt sind, kommen zurzeit nicht in den Fokus.“ Das sei „bestürzend, deshalb muss die Gesellschaft das stärker in den Blick nehmen“. Mut macht dem Jesuitenpater, „dass wir am CCP in den vergangenen Monaten ein stark zunehmendes Interesse an unseren E-Learning-Angeboten zur Prävention von Missbrauch festgestellt haben“. Offenbar sei vielen Menschen bewusst, dass mehr zum Schutz gefährdeter Kinder und Jugendlicher getan werden müsse.

Podcast-Tipp

Würde.Leben Der jahrzehntelang vertuschte Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche hat die Würde und das Leben tausender Betroffener zerstört. Das Vertrauen in Priester, Seelsorger und engagierte Gläubige hat dadurch schwer gelitten. Pater Hans Zollner hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Missbrauch aufzuklären, damit die Vertuschungen endlich aufhören und Prävention glaubwürdig ist. Er leitet das Centre for Childprotection, das Kinderschutzzentrum, das der päpstlichen Universität Gregoriana angegliedert ist. Pater Zollner gilt als einer der führenden Präventions-Experten und wird weltweit gehört. > zur Sendung

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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