"Letzte Gespräche" Papst Benedikt ganz persönlich

09.09.2016

Es ist eine Mischung aus Erklärungen und Geständnissen - und eine kleine Sensation. In dem am Freitag erscheinenden Buch "Benedikt XVI. - Letzte Gespräche" des Journalisten Peter Seewald lässt der emeritierte Papst tief in seine Seele blicken. Der 89-Jährige verrät, dass er als junger Mann verliebt war und warum er wirklich zurückgetreten ist.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (Bild: imago) © imago

München – Viele halten die Nachricht für einen Faschingsscherz. Die Nachricht, die sich am Rosenmontag im Februar 2013 wie ein Lauffeuer verbreitet, schlägt ein: Papst Benedikt XVI. tritt zurück. Undenkbar. Radikal. Konsequent. Selbst Kritiker zollen Benedikt für diesen Schritt ihren Respekt. Seitdem wurde immer wieder über die wahren Hintergründe seines Rücktritts spekuliert. Einige behaupten, Benedikt habe aus Enttäuschung über die Intrigen rund um den Vatileaks-Skandal das Handtuch geworfen. "Nein, das stimmt nicht, überhaupt nicht", erklärt der heute 89-Jährige in dem neuen Interviewbuch "Benedikt XVI. - Letzte Gespräche" des Münchner Autoren Peter Seewald , "im Gegenteil, die Dinge waren vollkommen bereinigt."

Gerade in einer Krisensituation hätte er sein Amt niemals aufgegeben. "Ich konnte zurücktreten, weil in dieser Situation wieder Ruhe eingekehrt war." Tatsächlich hat Benedikt schon früher immer wieder betont, "wenn die Gefahr groß ist, darf man nicht davon laufen." Und so hat er persönlich gelebt und in seine Ämter als Erzbischof von München und Freising oder auch als Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan ausgeübt.

"Rücktritt war richtig"

In dem Buch erklärt der emeritierte Papst, dass es gesundheitliche Gründe waren, die ihn zu dieser Entscheidung zwangen. Schließlich verlange das Amt des Nachfolgers Petri konkrete Entscheidungen. Im Gebet sei Benedikt zu der Überzeugung gelangt, "dass dann, wo das in absehbarer Zeit nicht mehr möglich sein würde, der Herr es auch nicht mehr von mir will und mich sozusagen von der Last befreit". Er sehe jeden Tag, gibt der 89-Jährige zu, dass der Rücktritt "richtig war". Seit langem wurde gemunkelt, dass Benedikts Arzt ihm damals dringend abgeraten habe, als Papst zum Weltjugendtag nach Rio de Janeiro im August 2013 zu fliegen. Benedikt,so die Befürchtung, hätte den Langstreckenflug und die Anstrengungen eines solchens Besuches vielleicht nicht verkraftet.

Auch auf den Vatileaks-Skandal rund um gestohlene Dokumente und Briefe aus der päpstlichen Wohnung im Apostolischen Palast durch seinen damaligen Kammerdiener Paolo Gabriele geht der emeritierte Papst ein. Dies habe ihn nicht in Weltschmerz oder Verzweiflung gestürzt, erzählt er Seewald: "Es war mir einfach unverständlich. Auch, wenn ich die Person ansehe, kann ich nicht verstehen, wie man so etwas wollen kann. Was man sich davon versprechen kann."

In Rom gab es auch immer wieder Berichte, wie sehr es im Vatikan "menschelt", dass Geistliche missgünstig, intrigant seien und nur an ihrer Karriere feilten. Auch dazu äußert sich Benedikt. "Nun, das weiß man ja", wird er in dem Buch zitiert, "ich muss ausdrücklich sagen, das ist zwar alles da, aber das ist doch nicht der ganze Vatikan." Hier gebe es auch viele Menschen, die mit Hingabe und Güte ihre Arbeit erfüllten. Aber, natürlich "die schlechten Fische sind halt auch im Netz". So hätten Untersuchungen ergeben, dass es eine von Papst Franziskus als "Gay-Lobby" bezeichnete homosexuelle Seilschaft gegeben habe. Dabei habe es sich um eine kleine, vier oder fünf Geistliche umfassende Gruppe gehandelt, "die wir aufgelöst haben", berichtet der emeritierte Papst. Doch der Eindruck stimme nicht, dass es im Vatikan von solchen Fällen wimmeln würde.

Mit Benedikt XVI. seit Jahren auf Erfolgskurs: Autor Peter Seewald. (Bild: Sung-Hee Seewald) © Sung-Hee Seewald

Freigabe von Franziskus

Überhaupt Franziskus. Freundschaftlich spricht er über seinen Nachfolger auf dem Stuhl Petri. Der zwar andere Akzente setze als Benedikt in seinem Pontifikat. Aber die beiden Päpste verstehen sich gut. Benedikt hat Wort gehalten und lebt zurückgezogen im ehemaligen Kloster "Mater ecclesiae" im Vatikan, und redet dem amtierenden Papst nicht rein. Benedikt ist kein Schattenpapst. So bestand er nun auch darauf, dass Papst Franziskus die Veröffentlichung des Interviewbuches freigab. Franziskus habe diese Zustimmung ohne weitere Auflagen gegeben, heißt es.

Der Argentinier wird sich wohl auch in einigen Passagen selbst gefunden haben. Denn Benedikt gibt auch sehr Persönliches preis, zu Studienzeiten war er verliebt. Dies habe Benedikt schwer zu schaffen gemacht. "Die Entscheidung für den Zölibat ist ihm nicht leichtgefallten", berichtet Autor Peter Seewald im Interview der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt". Seewald: "Die Entscheidung für den Zölibat ist ihm nicht leichtgefallen." Joseph Ratzinger sei ein sehr "smarter Typ gewesen, ein hübscher junger Mann, ein Schöngeist, der Gedichte schreibt und Hermann Hesse liest". Einer seiner Kommilitonen habe Seewald erzählt, Benedikt hätte "durchaus eine Wirkung auf Frauen gehabt - und umgekehrt auch". Papst Franziskus hatte ebenfalls einmal gebeichtet, dass er mit 17 Jahren eine Freundin hatte. Im Seminar habe ihm "für eine Woche ein Mädchen den Kopf verdreht".

Kritik am "hochbezahlten Katholizismus" in Deutschland

Kritisch unter die Lupe nimmt Benedikt den seiner Meinung nach "etablierten und hochbezahlten Katholizismus" in Deutschland. Hinzu kämen angestellte Katholiken, die der Kirche in einer Gewerkschaftsmentalität gegenüberträten, äußert sich der emeritierte Papst gegenüber Seewald. Kirche sei für sie nur der Arbeitgeber, den man kritisch sehe. Diese Art von Katholiken kämen nicht aus der Dynamik des Glaubens, sondern seien eben in so einer Position. Für Benedikt XVI. besteht die große Gefahr der Kirche in Deutschland darin, dass sie so viele bezahlte Mitarbeiter habe und dadurch ein Überhang an "ungeistlicher Bürokratie" vorhanden sei. Der 89-Jährige, der seit seiner Berufung zum Präfekt der Glaubenskongregation durch Papst Johannes Paul II. 1982 in Rom lebt, vergleicht dabei die Situation in Deutschland mit der in Italien. Das Land könne sich so viele bezahlte Mitarbeiter gar nicht leisten, in Italien müsse man großteils auf das freiwillige Engagement der Menschen setzen. Dieser Überhang an Geld in Deutschland betrübe ihn. Dazu komme die Häme, die in deutschen Intellektuellen-Kreisen gegenüber der Kirche gepflegt werde. Kritisch äußert sich Benedikt auch über die deutsche Kirchensteuer, die eine gesetzlich festgelegte Abgabe der Kirchenmitglieder ist."Ich habe in der Tat große Zweifel, ob das Kirchensteuersystem so, wie es ist, richtig ist." Damit meine er nicht, fügt der 89-Jährige hinzu, dass es überhaupt eine Kirchensteuer gebe. "Aber die automatische Exkommunikation derer, die sie nicht zahlen, ist meiner Meinung nach nicht haltbar", meint der Papa emeritus.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, will Benedikts Kritik am "etablierten und hochbezahlten Katholizismus" so nicht stehen lassen. Dies beträfe allenfalls die Bürokratie der Generalvikariate, meint Sternberg. "Zudem möchte ich daran erinnern, dass er selber als Münchner Erzbischof mit dieser Struktur gearbeitet und nichts geändert hat." Sternberg vermisse bei der Kritik solide Korrekturvorschläge des emeritierten Papstes. (Susanne Hornberger/KNA)

Das Interviewbuch "Benedikt XVI. - letzte Gespräche" können Sie hier bestellen.


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