Reise in den Irak Papst beschwört den Frieden zwischen den Religionen

06.03.2021

Ein wichtiger Brückenschlag zwischen katholischer Kirche und schiitischem Islam: Papst Franziskus hat im irakischen Nadschaf den Schiitenführer Ajatollah al-Sistani getroffen.

Der schiitische Großajatollah Ali al-Sistani und Papst Franziskus
Das Treffen zwischen dem schiitischen Großajatollah Ali al-Sistani und Papst Franziskus dauerte 45 Minuten. © IMAGO / UPI Photo

Bagdad – Der interreligiöse Dialog mit dem Islam und Appelle für ein gemeinsames Friedensengagement standen im Mittelpunkt des zweiten Tages der Irak-Reise von Papst Franziskus. Am Samstagmorgen traf er zunächst in der Stadt Nadschaf den schiitischen Großajatollah Ali al-Sistani zu einer privaten Unterredung. Später leitete er im südirakischen Ur ein interreligiöses Friedenstreffen. Ur gilt als Heimat der biblischen Gestalt Abraham, auf die sich Juden, Christen und Muslime gleichermaßen als Stammvater berufen. Am Abend feierte Franziskus in Bagdads chaldäischer Kathedrale eine Messe - als erstes römisches Kirchenoberhaupt im ostsyrischen Ritus.

Bei dem 45-minütigen Gespräch mit Großajatollah al-Sistani in der für Schiiten heiligen Stadt Nadschaf betonte der Papst laut Vatikanangaben die Bedeutung des interreligiösen Dialogs für den gesamten Nahen Osten. Zudem dankte der Argentinier dem 90-Jährigen für dessen stabilisierende Rolle in den vergangenen Jahren.

Friedliche Koexistenz der Religionen

Das geistliche Oberhaupt der Schiiten im Irak hob seinerseits die Notwendigkeit der friedlichen Koexistenz der Religionen hervor. Die Christen im Irak müssten in Sicherheit und mit allen bürgerlichen Rechten im Land leben können, sagte er nach Angaben seines Büros zu Franziskus. Al-Sistani sprach demnach auch das Schicksal der Palästinenser unter israelischer Besatzung an. Die religiösen Führer seien gefordert, insbesondere an die Großmächte zu appellieren, allen Völkern der Region ein Leben in Freiheit und Würde zu ermöglichen.

Viele Beobachter werten das Treffen des Papstes mit dem angesehenen Großajatollah als wichtigen Brückenschlag zwischen katholischer Kirche und schiitischem Islam. Anlässlich der Begegnung führt der Irak einen nationalen "Tag der Toleranz und Koexistenz" ein. Dieser solle an jedem 6. März begangen werden und an das "historische Treffen" des Papstes mit Großajatollah al-Sistani erinnern, teilte Ministerpräsident Mustafa al-Kasimi mit.

Interrreligöses Gebet

Bei der Begegnung mit Vertretern unterschiedlicher Religionen in der antiken Stadt Ur hob Franziskus die gemeinsamen Wurzeln von Juden, Christen und Muslimen hervor. Wahre Religiosität bedeutet nach seinen Worten: "Gott anbeten und den Nächsten lieben." Feindseligkeit, Extremismus und Gewalt seien dagegen "Verrat an der Religion". Auf dem Platz vor der Wohnstätte des Vaters Abraham scheine es, "als würden wir nach Hause zurückkehren", so der Papst.

In der heutigen Welt, die oft ein verzerrtes Bild von Gott zeichne, seien die Gläubigen aller Religionen aufgerufen, seine Güte zu bezeugen. Dies geschehe, indem man sie durch "Geschwisterlichkeit" sichtbar mache. "Gott ist barmherzig, und die größte Beleidigung und Lästerung ist es, seinen Namen zu entweihen, indem man den Bruder oder die Schwester hasst", betonte Franziskus. Gläubige dürften nicht schweigen, wenn Terrorismus die Religion missbrauche. Im Anschluss an die Rede sprachen die bei der Zeremonie anwesenden "Söhne und Töchter Abrahams" ein interreligiöses Gebet.

Zeichen der Hoffnung

Bei der Messe in Bagdad ermutigte Franziskus die hart geprüfte christliche Minderheit im Irak, auf die Zukunft zu vertrauen. Auch wenn die Liebe Christi in den Augen der Welt schwach erscheine, siege sie am Ende, sagte er in der chaldäischen Kathedrale vor rund 500 Teilnehmern. Die christlichen Märtyrer im Irak hätten wegen ihres Glaubens "Beleidigungen, Misshandlungen und Verfolgung" erlitten. Doch ihre Liebe sei stärker als die Sünde.

Der chaldäisch-katholische Patriarch Kardinal Louis Raphael I. Sako würdigte den Papstbesuch als Hoffnungszeichen "für eine menschlichere, brüderlichere, geeintere und friedlichere Welt". - Von den einst rund 1,5 Millionen Christen leben nach Krieg und Terror nur noch wenige Hunderttausende im Land.

Franziskus war am Freitag zu dem viertägigen Besuch im Irak eingetroffen. Er findet unter prekären Sicherheits- und Pandemiebedingungen statt. Am Sonntag reist der Papst in die kurdische Autonomieregion im Norden. Unter anderem will er in Mossul der Opfer des Krieges und der Gewalt durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" gedenken.


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