Reise in den Irak Papst Franziskus besucht die einstige IS-Hochburg Mossul

07.03.2021

Zwischen den Trümmern zerstörter Kirchen und Häuser im früheren Herrschaftsgebiet der Islamisten im Nordirak bekräftigt der Papst seinen Appell zu Geschwisterlichkeit. Den Opfern verlangt er damit viel ab.

Papst Franziskus gedenkt in einer Zeremonie der Kriegsopfer in Mossul.
Papst Franziskus gedenkt in einer Zeremonie der Kriegsopfer in Mossul. © kna

Mossul – Am letzten Programmtag seiner Irak-Visite hat Papst Franziskus seine Botschaft der Verständigung angesichts von Kriegsfolgen und Vertreibung im Norden des Landes erneuert. Inmitten der Ruinen des von Islamisten zerstörten Mossul bekräftigte er die Überzeugung, "dass die Geschwisterlichkeit stärker ist als der Brudermord, dass die Hoffnung stärker ist als der Tod, dass der Friede stärker ist als der Krieg". Die dezimierte Gemeinde der christlichen Stadt Karakosch (Bakhdida) rief er auf "zu träumen". Das Land habe "eine Zukunft der Hoffnung".

Ziel der letzten Etappe des Papstes vor einer Abschlussmesse im kurdischen Erbil war die Ninive-Ebene. Ursprünglich Kerngebiet der Christen, entvölkerte sich die Region um die Stadt Mossul nach dem Irakkrieg 2003 und dann über Nacht 2014 mit dem Einfall des IS. Zwar kehrten einige Christen in den letzten Jahren zurück, doch viele verließen unter dem Druck von Fundamentalismus und mangelnder Perspektiven das Land.

Die Vielfalt Mossuls existiert nicht mehr

Auf dem Helikopterflug nach Mossul konnte Franziskus belebte Dörfer sehen, grünende Getreidefelder und fruchtbare Äcker, aber auch in die Landschaft eingegrabene Militärstellungen und die Zelte des Hasan a-Sham Camp, wo immer noch Tausende vom IS Vertriebene leben. Unübersehbar auch, was den wirtschaftlichen Reichtum der Region ausmacht: Raffinerien. Nicht zuletzt in Hoffnung auf reiche Einnahmen durch Erdöl wählte die Terrormiliz "Islamischer Staat" Mossul als Zentrum für ihr mörderisches Kalifat.

Bis dahin war die Stadt am Tigris über Jahrhunderte ein Inbild der Vielfalt des Irak. In ihren Mauern lebten Bewohner unterschiedlicher Ethnien, Sprachen und Glaubensbekenntnisse. Nach der Eroberung durch den IS flohen eine halbe Million Menschen, unter ihnen mehr als 120.000 Christen.

Plädoyer gegen religiöse Gewalt

In Mossul erwartete den Papst eine vom Krieg zerstörte und weithin entvölkerte Stadt. Irakisches Militär in Kampfmontur sicherte die Straßen. Auf dem einst von belebten Kirchen und Moscheen umgebenen Platz Hosh al-Bieaa häufte sich bis vor kurzem Schutt. Man räumte ihn eigens für den Besuch frei. Von den Seiten ragen Betontrümmer herein, starren offene Zimmer ohne schützende Fassade.

Sein Gebet für die Opfer des Krieges verband der Papst mit einem Plädoyer gegen religiöse Gewalt: "Wenn Gott der Gott des Lebens ist - und das ist er -, dann ist es uns nicht erlaubt, die Brüder und Schwestern in seinem Namen zu töten." Ausdrücklich war die Bitte für die Getöteten im ganzen Nahen Osten formuliert. Jegliche Konkretisierung von Opfergruppen oder Schuldigen fehlte. Auch von den Tätern war als "Brüder und Schwestern" die Rede.

Leben ist stärker als Tod

Franziskus wurde von der kleinen Gruppe zugelassener Teilnehmer und einem Chor jubelnd begrüßt. Die Freudesbekundungen bildeten einen Kontrast zu der umgebenden Zerstörung, aber auch zu dem hohen Holzkreuz, das die Zeremonie überragte - es war aus den verkohlten Balken einer vom IS verwüsteten Kirche in Qamischli gefertigt.

Als treffendes Zeichen wertete der Dominikanerpater Olivier Poquillon den Besuch: Für die Botschaft, dass das Leben stärker sei als der Tod, könne kein Ort "besser geeignet sein als das Herz des gemarterten Mossul", sagte er am Rand der Feier. Nach den Worten des französischen Priesters von der Kirche Al-Saa'a nahe der berühmten Al-Nuri-Moschee war die Stadt einst "ein Mosaik, und die Kirchen waren ein Teil davon - eine Farbe fehlt".

Ein volkfesthafter Empfang

Der Papst beklagte in Mossul das "tragische Verschwinden der Jünger Christi" im ganzen Nahen Osten. Dies sei ein "unermesslicher Schaden" nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern bedeute auch eine kulturelle und religiöse Verarmung für die übrige Gesellschaft.

In der christlichen Stadt Karakosch - 30 Kilometer von Mossul entfernt - erlebte Franziskus erstmals auf der Reise einen volksfesthaften Empfang, allerdings auch ohne erkennbare Corona-Schutzmaßnahmen. Den Gläubigen sprach er Mut zu: "Unser Treffen hier zeigt, dass der Terrorismus und der Tod niemals das letzte Wort haben." Die Gemeinde rief er zum Zusammenhalt und zum Bewahren der eigenen Wurzeln auf - eine Mahnung, dass der Fortbestand des Christentums nicht nur durch äußere Faktoren bedroht ist. (kna)

Podcast-Tipp

Reisewarnung <span class="char"><span class="grunrechts"><span class="gruntext">Der Papst reist in den Irak und die Redakteure von missio München waren schon da. Mossul, Erbil, Karakosch und Nadschaf sind die Stationen der Papstreise, die die Redakteure des missio-Magazins vor einigen Jahren besucht haben. Im Norden des Irak ist Christian Selbherr der Frage nachgegangen, ob die vom „Islamischen Staat“ vertriebenen Jesiden und Christen wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Barbara Brustlein war mit Peter Scholl-Latour bei hohen geistlichen Würdenträgern in Nadschaf. Beide erzählen von einem Land, in dem das Wunderschöne und der Krieg oft nur wenige Kilometer auseinanderliegen.</span></span></span> > zur Sendung

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