Papst meidet starre Festlegungen

04.05.2016

In seinem Schreiben "Amoris laetitia" geht Papst Franziskus ganz explizit auf die unterschiedlichen Facetten familiären Zusammenlebens ein, die heute existieren. Außerdem plädiert er für einen neuen Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen. Die Reaktionen sind weitgehend positiv.

Papst Franziskus sieht das Wohl der Familie als entscheidend für die Zukunft der Welt an. (Bild: imago)

Rom– Anfang April hat Papst Franziskus sein nachsynodales Schreiben „Amoris laetitia“ („Die Freude der Liebe“) veröffentlicht (wir berichteten). In diesem Abschluss-Dokument zur Familiensynode im Oktober 2015 regte der Papst unter anderem einen neuen Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen an. Dabei deutete er die Möglichkeit an, die Betroffenen unter bestimmten Umständen im Einzelfall wieder zu den Sakramenten zuzulassen. Welche Bedeutung hat das Dokument, das mit so großer Spannung erwartet worden war? Die entscheidende Klarstellung kam schließlich vom Papst selber. Auf die Frage, ob „Amoris laetita“ neue konkrete Zugangsmöglichkeiten für wiederverheiratet Geschiedene zur Eucharistie eröffne, antwortete er: Ja, aber. Ja, es gebe für sie neue Möglichkeiten – ohne dass er diese näher benannte. Aber es erstaune und „nerve“ ihn, dass die Medien diese Frage so sehr in den Vordergrund rückten. Denn Familie und Ehe stünden heute vor dringlicheren Problemen: Dass viele junge Leute nicht heiraten wollten, dass die Geburtenrate so niedrig sei, und dass oft beide Elternteile arbeiten müssten und die Kinder allein aufwüchsen.

Lebensnahes Bild von Ehe und Familie

Die ersten Reaktionen auf das umfangreichste Papstschreiben der vergangenen Jahrzehnte sind weitgehend positiv – wenn auch nicht ungeteilt. Es gibt Zustimmung für die neue Sprache, den Ton der Wertschätzung, den positiven Blick auf die Familie. Franziskus zeichnet ein facettenreiches und lebensnahes Bild von Ehe und Familie, spricht hymnisch von der ehelichen Liebe. Er benennt aber auch Probleme und Herausforderungen, und verzichtet dabei auf Idealisierungen wie auf Verurteilungen. Vor allem aber vermeidet Franziskus starre Festlegungen und strikte Positionen. Er will keine auf alle Fälle der Weltkirche anzuwendende gesetzliche Regelung schaffen, sondern Freiräume ermöglichen und Bewegungsfreiheit lassen. Klare Normen sind notwendig, doch sie können nie alle Sondersituationen umfassen, lautet die Linie. Franziskus wendet sich gegen eine voreilige Unterscheidung von regulären und irregulären Situationen. Er will alle integrieren, jedem einzelnen zur Teilnahme an der kirchlichen Gemeinschaft verhelfen. Für jeden gilt die unverdiente Barmherzigkeit Gottes.

Änderung im pastoralen Umgang

Damit folgt das Papier stark den Argumenten, die bei der Synode von der deutschsprachigen Gruppe eingebracht wurden. Gefragt sei ein differenzierter Blick für unterschiedliche Situationen. Gefragt sei aber auch die Begleitung der Betroffenen durch Priester, die den Betroffenen helfen, das Gewissen zu schärfen. Und generell müsse das Gewissen stärker in den Umgang der Kirche einbezogen werden, fordert Franziskus. In der katholischen Lehre bedeutet „Amoris laetitia“ sicher keine Änderung, wohl aber im pastoralen Umgang. Der Ball liegt nun im Feld der Bischofskonferenzen und der Diözesen. Das aber wiederum missfällt manchen Kirchenvertretern. Denn nun müssen die Ortskirchen für ihren Bereich nach geeigneter Umsetzung suchen und eigene Normen erarbeiten, sie können nicht mehr bequem auf Rom verweisen. Zugleich folgt daraus, dass nun von Land zu Land eigene Antworten und Lösungen auftauchen. Die dürften in Westeuropa anders aussehen als in Afrika, im deutschsprachigen Raum anders als in Warschau, Prag oder Budapest.

Tiefergehende Kritik

Aber es ist auch tiefergehende Kritik laut geworden. Manchem Kirchenvertreter geht das Verständnis für irreguläre Situationen deutlich zu weit, fehlt das klare Bekenntnis zur bisherigen Tradition. Der amerikanische Kardinal Raymond Burke etwa will den postsynodalen Text eher als Privatmeinung des Papstes verstehen, fragt nach seiner lehramtlichen Verbindlichkeit. Experten sehen hier freilich kein ernsthaftes Spaltungspotential für die Kirche.

Anderen wiederum geht das Papier nicht weit genug. Der etwa von Kardinal Walter Kasper ins Gespräch gebrachte „Bußweg“ zur Heilung von gescheiterten Ehen kommt nicht mehr zur Sprache. Auf das äußerst umstrittene Thema Homosexualität geht das Papier nur recht kurz ein. Und
kryptisch bleibt auch der Hinweis auf die Erfahrungen der Ostkirchen mit verheirateten Priestern. Mancher sah hier den Wink zu einer Zölibats-Diskussion.

Mit „Amoris laetitia“ ist die kirchliche Diskussion um Ehe und Familie keinesfalls zu Ende. Die Debatten und vermutlich auch manche Spannungen gehen weiter. Denn indem der Papst Türen geöffnet und die Ortskirchen in die Pflicht genommen hat, müssen diese nun um geeignete Lösungen ringen. Jetzt sind vor allem die nationalen Bischofskonferenzen gefragt. (Johannes Schidelko)

Das Papstschreiben „Amoris laetitia“ ist nach den Worten des Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, „wegweisend für den Dialog der Kirche mit der pluralen Lebenswelt der Gläubigen“. Der Text sei „in einladender Sprache verfasst“ und „von großer pastoraler Zuwendung zu den Menschen dieser Zeit geprägt“. Die Katholische Landvolkbewegung (KLB) hat erklärt, das Beispiel der wiederverheiratet Geschiedenen zeige, wie wichtig dem Papst „eine menschennahe Seelsorge“ sei. Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) fordert eine „Weiterentwicklung“ der kirchlichen Aussagen zu Empfängnisverhütung, vorehelichen sowie gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Papst Franziskus habe die Diskussion zu Ehe und Familie mit seinem jüngsten Schreiben neu eröffnet, sagte der BDKJ-Bundesvorsitzende, Wolfgang Ehrenlechner. Der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, hat das Schreiben gelobt: Trotz mancher Differenzen seien sich evangelische und katholische Kirche „völlig einig in dem, was wir uns wünschen, nämlich die Ehe als lebenslange verbindliche Beziehung – und diese Verbindlichkeit sollte keine Last sein, sondern eine Freude“. (kna)

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx sieht neuen Spielraum beim Umgang mit Lebensmodellen, die katholischen Normen widersprechen. Das im April veröffentlichte nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus über Ehe und Familie, „Amoris laetitia“ („Die Freude der Liebe“), stehe für die „Erneuerung einer anspruchsvollen Seelsorge“, schreibt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in einem Beitrag für die Vatikanzeitung „Osservatore Romano“. Gerade im Bereich Sexualität, Partnerschaft und Familie dürfe sich die Kirche nicht damit begnügen, „von oben herab ein Ideal zu predigen“, sondern müsse dazu ermutigen, dem Evangelium in den jeweiligen Lebenssituationen zu folgen. „Es geht dabei um eine Seelsorge, die Ernst macht mit der Anforderung, der individuellen Biographie und Lebenssituation tatsächlich konkret gerecht zu werden, die die Menschen mitbringen, wenn sie zu uns kommen“, so Marx. Allgemeine Normen und Regeln der Kirche seien im konkreten Fall „nicht immer passgenau“, meint der Erzbischof von München und Freising. Die menschliche Klugheit sei gefragt, um aus jeder Situation das Bestmögliche zu machen, indem man sich nur zum Teil oder auch gar nicht an die Regel halten könne, weil dabei nichts Sinnvolles herauskäme. Kluges Handeln dürfe dabei nicht mit „Mauschelei“ oder Laxheit verwechselt werden. Oberstes Gesetz sei immer das Seelenheil des einzelnen Menschen. Nun gelte es, Priester und pastorale Mitarbeiter besser im Sinne einer individuellen Gesprächsführung und Begleitung auszubilden, die Menschen in verworrenen Lebenssituationen auch wieder zu den Sakramenten wie der Eucharistie führen könnten. Franziskus ändert in seinem Apostolischen Schreiben nach den Worten des Kardinals nicht die katholische Lehre. „Stattdessen führt er diese Dogmatik wieder auf ihren Kern und auch auf ihre Sprache hin, die vom Evangelium her kommt“, betont Marx. Der Papst verbinde die kirchliche Lehre mit dem „Lichtschein der Barmherzigkeit, die das kirchliche Handeln grundsätzlich bestimmen muss“. Zudem stärke er in seinem Schreiben den Respekt vor dem individuellen Gewissen und auch vor der jeweiligen Kultur der einzelnen Ortskirchen. (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Amoris laetitia

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