Franziskus in Lateinamerika Papst trifft in Chile Opfer der Pinochet-Diktatur

16.01.2018

In Chile trifft Papst Franziskus auch Opfer der Militärdiktatur. Die Foltermethoden unter Pinochet waren womöglich noch ausgefeilter als in seinem Heimatland Argentinien. Ein Besuch in der "Villa Grimaldi".

Papst Franziskus und die Chilenische Präsidentin Michelle Bachellet
Papst Franziskus und die Chilenische Präsidentin Michelle Bachellet © imago/Agencia EFE

Santiago de Chile – Die "Villa Grimaldi", etwas abseits im Osten, nahe am Flughafen gelegen, gehört nicht zu den Wahrzeichen der chilenischen Hauptstadt Santiago. Das liegt einerseits daran, dass die meisten Gebäude auf dem Gelände von den Schergen der Militärdiktatur abgerissen wurden, als ihnen mit wachsender internationaler Aufmerksamkeit der Boden zu heiß wurde. Das liegt aber auch daran, dass die Aufarbeitung der Gräuel des Pinochet-Regimes (1973-1990) bis heute keineswegs zu den dringendsten Anliegen vieler Chilenen zählt. "Villa Grimaldi", das war das vielleicht berüchtigtste Folterzentrum des Landes. Hier wurde experimentell, wissenschaftlich, ja mathematisch gefoltert.

Angehörige der Vereinigung von Vermissten der Diktatur haben Papst Franziskus um Mithilfe gebeten. Drei Vertreter der Organisation wollen das Kirchenoberhaupt im Rahmen seines Besuches treffen, wahrscheinlich am Donnerstagmittag. "Wir werden ihn bitten, dass er den Militärs mitteilt, dass es ein Ende haben muss mit den geheimen Absprachen und dem Verschweigen. Wir wollen wissen, wo unsere Angehörigen sind - ohne Ausnahme", sagte einer der Opfervertreter am Dienstag chilenischen Medien.

Schlimmste Monate des Lebens

Unter General Augusto Pinochet wurden nach offiziellen Angaben rund 33.000 Menschen aus politischen Gründen eingesperrt und gefoltert. Rund 3.200 Personen starben an Folgen staatlicher Gewalt; 1.192 verschwanden spurlos.

Gefasst berichtet die Fremdenführerin in Villa Grimaldi über die schlimmsten drei Monate ihres Lebens. Von Oktober bis Dezember 1975 wurde die heute über 60-Jährige im Garten gequält. Als junges Mädchen gehörte sie damals zu den begeisterten Sozialisten, die mit Präsident Salvador Allende "das Land aufbauen" wollten. Als Freiwillige half sie beim Häuserbau. "Von meiner Schulklasse aus, wir schrieben gerade einen Test, konnte ich sehen, wie die Moneda bombardiert wurde", der Präsidentenpalast.

Die rechten Putschisten um General Pinochet verhafteten tags darauf auch die 17-Jährige, ließen sie später wieder frei. Sie heiratete, bekam ein Kind, protestierte weiter gegen die Diktatur. "Wir lebten schnell damals, sehr intensiv." Im Oktober 1975 die erneute Verhaftung: Villa Grimaldi.

Folter als "Abwechslung"

Beklemmend ist allein schon ihre Schilderung, hier vor den Nachbauten jener kleinen Holzhütten, wo heute Papageien kreischen und die Birken schön grün blühen. Wie beklemmend muss die tatsächliche Erfahrung gewesen sein: eingezwängt mit fünf Personen in einem nur einen Quadratmeter kleinen Verschlag, fensterlos, über Wochen, Monate. Die einzigen Abwechslungen: gefoltert zu werden und einmal pro Tag zur Toilette. Wechselweise mussten die Eingesperrten hocken oder stehen; für mehr reichte die Fläche nicht aus. "Hier hast du gelernt, zu sprechen oder zu schweigen."

Knapp 5.000 Oppositionelle wurden in den ersten Jahren nach dem Putsch in Villa Grimaldi misshandelt. Scheinerschießungen, Untertauchen. Die Ziele: Verrat von Namen; Erzwingen von Disziplin; Spaß an der Qual. 226 überlebten es nicht. Auf einer großen Mauer sind ihre Namen eingemeißelt.

Sie erkannten die Folterer schon am Schritt, wussten, wer da kam: der Vergewaltiger; oder der Mann vom "Grill", einem unter Strom gesetzten Metallbett. Gegen die Schmerzen danach half nur, viel zu trinken. Doch Wasser war streng rationiert im brutal heißen Sommer 1975. Wer nach der Rückkehr eine halbe Flasche vorfand, der wusste ganz genau, wie sehr sie sich die anderen ihre Ration vom Mund abgespart hatten. Eine grauenvolle Schicksalsgemeinschaft. Und immer die Schreie im Lager ertragen.

Nichts mehr gespürt

"Dass Schlimmste an der Folter ist, dass du den Glauben an die Menschen verlierst", sagt die Führerin ruhig. Einmal, berichtet sie, kam der Punkt, wo es ihr egal war, ob sie weiterlebte oder starb. Sie spürte nichts mehr, keine Schmerzen; einer ihrer Mithäftlinge schrie sie ins Leben zurück. Bis heute schätzt sie eine halbe Flasche Wasser hoch.

Auch die scheidende Staatspräsidentin Michelle Bachelet wurde im Januar 1975 für gut zwei Wochen in Villa Grimaldi gefoltert - "aber nicht so schlimm wie viele andere", wie sie selbst erklärt. So gut es ging, versorgte die damals 24-jährige Medizinstudentin ihre gequälten Mithäftlinge. Später floh sie in die DDR.

Unmittelbar nach Beginn der Demokratie in Chile 1991 wurden die Namen der Toten veröffentlicht. Viele gelten bis heute als verschwunden. Im November 2004 wurde der sogenannte Valech-Bericht mit rund 28.000 Namen von Folteropfern publiziert. Die Regierung hat ihnen eine symbolische Entschädigung gezahlt. (Alexander Brüggemann/KNA)


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