Inklusion an Schulen Partnerklassen - „gemeinsam“ ist besser als nur „zusammen“

17.07.2020

Inklusion dürfte eines der meistdiskutierten Themen in der deutschen Schullandschaft sein. In Rosenheim bemühen sich zwei Partnerschulen, sie täglich Wirklichkeit werden zu lassen.

v.l.: Alexandra Bogris, Rektorin der Grundschule Erlenau; Corinna Muttray, Förderschullehrerin; Brigitte Stettner, Grundschullehrerin; Matthias Bogenberger, Rektor der Philipp Neri Schule © SMB/Witte

Rosenheim - Grundschullehrerin Brigitte Stettner strahlt über das ganze Gesicht: „Es hängt vom persönlichen Engagement ab, wie sehr man bereit ist, zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Ich muss sagen, für mich ist es wunderschön, und ich wünsche mir, dass das noch ganz viele Jahre so weitergeht.“ Seit knapp acht Jahren leitet die Lehrerin an der Rosenheimer Grundschule Erlenau eine „Partnerklasse“. Partnerklasse deshalb, weil ihre Schüler etwa ein Viertel der Unterrichtszeit mit den Kindern der Förderschullehrerin Corinna Muttray verbringen. Muttray unterrichtet Schüler mit geistiger Behinderung an der Philipp Neri Schule. Etwa ein Viertel der Zeit verbringen die beiden Klassen zusammen, mit Fächern wie Kunst, Musik und Sport. Bei den Kernfächern wie Deutsch oder Mathematik wird für jedes Kind ein Wochenarbeitsplan erstellt, hier arbeitet jeder Schüler dann individuell auf seinem Niveau. In den Zeiten der gemeinsamen Arbeit teilen sich die Klassen dann auf und „besuchen“ die Kinder des anderen Schultyps.

Grundschüler beeinflussen Schüler der Partnerklasse

Das Verhalten der Grundschulkinder beeinflusst die Schüler der Philipp Neri Schule in vielerlei Hinsicht, haben die beiden Lehrkräfte beobachtet.  So lernen die Kinder mit Behinderung schneller, sich vor Wortbeiträgen zu melden – einfach, weil sie es sich bei den Grundschülern abgeschaut haben. Anderes Beispiel: vor einiger Zeit hat die Grundschulklasse Referate zum Thema Länder Europas vorbereitet. Zwei der Kinder aus der Förderschulklasse waren davon so begeistert, dass sie auch mitmachen wollten und sich den Mitschülern mit Referaten präsentierten. Auch in Sachen Miteinander profitieren beide Seiten: Corinna Muttray erzählt, dass sich eine Schülerin vor Jahren beim Weg in die Turnhalle partout nicht an die Hand nehmen lassen wollte. Die Lehrerin musste aber fürchten, dass das Mädchen sich andernfalls vom Unterricht entfernt. Gleichzeitig war es von ein paar Mädchen in der Partnerklasse so fasziniert, dass es sich von ihnen ohne Weiteres bei der Hand nehmen und zur Turnhalle führen ließ.

Umgang miteinander wird „normal“

Dabei ist die Kooperation bei weitem nicht aufs Schulgelände begrenzt: die Klassen unternehmen auch gemeinsame Ausflüge, etwa in die Kinderoper. Seit Jahren fahren die Partnerklassen auch gemeinsam für eine Schulwoche ins Schullandheim. „Dabei hatten wir schon allerhand bemerkenswerte Erlebnisse“ so Brigitte Stettner. „Einmal hat es ein Junge mit Down-Syndrom geschafft, drei Mädchen einer anderen Schule, die sich auch im Schullandheim aufgehalten hat, so zu becircen, dass sie ihm bereits am ersten Abend das Essen an den Tisch geliefert haben – der Junge hat nicht gesprochen, sondern nur durch Gesten gezeigt, was er möchte.“ Erlebnisse wie diese sorgen dafür, dass bei Grundschülern und Kindern mit Behinderung die Hemmschwellen sinken und beiden Seiten von der „Eigenart“ der jeweils anderen profitieren. Der Rektor der Philipp Neri Schule, Matthias Bogenberger, sieht in dem Konstrukt in pädagogischer Hinsicht eine Win-win-Situation, “weil jedes Kind die Ressource mitbringt, um zu lernen: das Grundschulkind die Grundschullehrerin, das Förderschulkind die Förderschullehrerin. Die Kinder bekommen von beiden Welten das Beste mit.“

Gewünscht: mehr Unterstützung, mehr Toleranz

Obwohl die beiden Lehrerinnen ein eingespieltes Team sind und sowohl Grundschule wie Philipp Neri Schule ihr Möglichstes tun, um das Inklusionsprinzip umzusetzen, ist das im Alltag alles andere als leicht. Rektorin Alexandra Bogris erinnert an die Eröffnung der Grundschule: „Als die Schule 1997 bezugsfertig war, war sie nicht auf Inklusion oder auf Partnerklassen ausgelegt. Aber es wurden Lösungen gefunden.“ Vor allem, um das Raumproblem zu lösen, wurden Klassen ausgelagert: zwei Klassen der Grundschule in die Philipp Neri Schule, zwei Klassen dieser Schule hinüber in die Grundschule. Ein Vorteil: so liegen die Partnerklassen zumindest Tür an Tür. Ideal sind die Verhältnisse trotzdem nicht: alle Puffer-Klassenzimmer oder auch kleinere Räume, die man für die Partnerklassenarbeit hatte, mussten wegen der steigenden Schülerzahlen inzwischen anderweitig genutzt werden, erklärt die Rektorin. „Aber die Haltung macht´s und wir arbeiten und kämpfen, dass wir´s immer weiterführen können“, so Bogris. Sie wünscht sich, dass dieser Kampf eines Tages nicht mehr nötig sein wird, dass Integration und Inklusion Normalität werden.

Der Autor
Willi Witte
Radio-Redaktion
w.witte@st-michaelsbund.de


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