Erste Bilanz nach 100 Tagen Pastorales Versuchsfeld Geisenhausen

05.08.2019

In einer niederbayerischen Marktgemeinde wird ein neues Modell erprobt, in der Ehren- und Hauptamtliche gleichberechtigt einen Pfarrverband leiten. Bei mk online ziehen die Beteiligten eine erste Bilanz.

Baustelle an der Kirche und in der Leitung: Sankt Martin in Geisenhausen.
Baustelle an der Kirche und in der Leitung: Sankt Martin in Geisenhausen. © Kiderle

Geisenhausen b. Landshut – Jede Woche trifft sich Josef Degenbeck mit den Sekretärinnen im Geisenhausener Pfarrhaus, um Tauf- oder Heiratsurkunden durchzugehen und dann rechtsgültig zu unterschreiben. Dafür ist er verantwortlich und er steht für die Richtigkeit gerade. Der 64-Jährige ist nicht der Ortspfarrer und auch kein hauptamtlicher Seelsorger. Der gelernte Industriekaufmann ist Rentner und gehört ehrenamtlich dem Leitungsteam des Pfarrverbandes in der niederbayerischen Marktgemeinde an.

Geisenhausen ist eine Art pastorales Experiment für neue Wege und Leitungsformen im Erzbistum München und Freising, das nun seine ersten hundert Tage hinter sich hat. Ein Team aus drei ehrenamtlichen und zwei hauptamtlichen Mitgliedern führt gleichberechtigt den Pfarrverband mit seinen rund 4.800 Katholiken.

Zeitintensives Ehrenamt

Josef Degenbeck ist manchmal fünf Stunden in der Woche mit seinen Aufgaben beschäftigt, vor den Sommerferien waren es aber auch schnell einmal 20 und mehr Stunden. „Mir war von Anfang an bewusst, dass es ein zeitintensives Ehrenamt ist, aber dass es so zeitintensiv ist, war mir nicht klar“, sagt er. Neben ihm sitzt Inge Neudecker und nickt. Sie ist Verwaltungskraft beim Bayerischen Trachtenverband. Ihr leitendes Ehrenamt, „geht nur durch Absprache mit dem Arbeitgeber“. Sie kann tagsüber Termine wahrnehmen, muss die versäumten Dienststunden aber nachholen.

Die dritte ehrenamtliche Leiterin kann beim Interviewtermin nicht dabei sein: Sabine Fries muss in ihrem Friseursalon die Kunden bedienen. Vor allem die vielen Besprechungs- und Repräsentationstermine haben die Ehrenamtlichen im Geisenhausener Leitungsteam überrascht: bei Gruppen und Arbeitskreisen in der Pfarrei, aber auch bei Terminen der politischen Gemeinde und in den Vereinen am Ort. „Aber sind wir nicht vertreten, dann sind wir auch nicht sichtbar“, erklärt Josef Degenbeck. Gerade das ist dem Team aber wichtig: dass die Pfarreien selbstverständlicher Teil des gesellschaftlichen und religiösen Lebens am Ort bleiben.

Besprechungen und Repräsentationstermine

Darum nehmen sich die Mitarbeiter Zeit, um beim Kindergartenfest genauso dabei zu sein wie beim Feuerwehrabend. Weil die Hauptamtlichen das neben ihren anderen Aufgaben nicht alleine schaffen, sind hier die ehrenamtlichen Leiter gefragt. Das bedeutet auch, sich vorzubereiten, etwa wenn ein Grußwort gefragt ist. Manchmal haben sie den Eindruck gewonnen, dass Vereinsvertreter dann etwas enttäuscht waren. Sie hätten den Priester im Team, den indonesischen Ordensmann Altus Jebada, der gerade auf Heimaturlaub ist, oder die Gemeindereferentin Rosi Bär-Betz erhofft. Ehrenamtliche Vertreter einer Pfarrei, die denselben Stellenwert wie die „Profis“ haben, das sind die Geisenhausener noch nicht gewöhnt. „Wie auch“, sagt Josef Degenbeck, „die kennen das Modell ja auch erst seit hundert Tagen und müssen das zusammen mit uns noch lernen.“

Audio

Zum Nachhören

Beitrag im Münchner Kirchenradio zum Geisenhausener Leitungsmodell.

Öffnen die Kirchentüren für neue Ideen: Gemeindereferentin Rosemarie Bär-Betz, Josef Degenbeck und Inge Neudecker.
Öffnen die Kirchentüren für neue Ideen: Gemeindereferentin Rosemarie Bär-Betz, Josef Degenbeck und Inge Neudecker. © SMB/Bierl

Pragmatische Ehrenamtliche

Gemeindereferentin Rosi Bär-Betz merkt aber schon nach dieser kurzen Zeitspanne, wie das neue Leitungsmodell ihre Arbeit und ihre Sicht darauf verändert hat. „Die Ehrenamtlichen sind in vielem pragmatischer und weniger verkopft als wir Hauptamtlichen, die natürlich theologischer und verwaltungstechnischer denken.“ Gerade ringen das Leitungsteam und der Pfarrgemeinderat um die Geburtstagsbesuche im Pfarrverband. Die Zahl der freiwilligen Helfer dafür geht zurück. Sie haben die Glückwünsche der Pfarrei bisher meistens im Bekanntenkreis weitergegeben. Jetzt gibt es aber mittlerweile immer mehr Geburtstagskinder in Geisenhausen. Viele sind zugezogen, fremd und haben nur wenig Verbindung zur Kirche. Die verbliebenen Helfer fühlen sich unsicher, wenn sie bei diesen Bürgern die Klingel drücken sollen.

Nun ist die Frage offen, wer wird in Zukunft besucht und von wem. Dabei warnen die ehrenamtlichen Leiter aus ihren eigenen Erfahrungen davor, die Mitglieder des Pfarrgemeinderates zu stark zu belasten. Auch wenn ihnen ein ausgedehnter Besuchsdienst am Herzen liegt. Nach den Sommerferien will das Leitungsteam mit dem Gremium eine Lösung ausarbeiten. Nach den bisherigen Erfahrungen ist Rosi Bär-Betz aber zuversichtlich, „dass wir eine goldene Mitte finden“. Bisher habe das Team, in dem jede Stimme gleich gilt, immer eine gemeinsame Linie gefunden. Bei strittigen Fragen gilt grundsätzlich das Mehrheitsprinzip, bisher sei es aber nicht nötig gewesen, es anzuwenden, so die Gemeindereferentin. Beim jetzt zu erarbeitenden Pastoralkonzept für den Pfarrverband gibt es sowieso kaum Meinungsunterschiede.

Glauben lebendig erhalten

Das Leitungsteam ist sich einig, dass die Kirche nicht nur für die Gottesdienstbesucher und Alteingesessenen da sein darf. Geisenhausen erlebt gerade einen starken Zuzug, weil sich Familien hier noch ein eigenes Haus leisten können. Inge Neudecker möchte sie mit der Pfarrei in Verbindung bringen, zum Beispiel durch Gottesdienste direkt in den Wohnvierteln: „Dass die jungen Erwachsenen und Familien nicht zu uns in die Kirche kommen müssen, sondern wir zu ihnen.“ Und da wird deutlich, warum sie sich vom Pfarrgemeinderat hat überzeugen lassen, dem Leitungsteam beizutreten, übrigens ohne jede Aufwandsentschädigung. Inge Neudecker will den Glauben in ihrer Gemeinde, in ihrem Umfeld lebendig erhalten. Das ist anstrengend ist und kostet Zeit, „aber ich bekomme viel zurück und sammle Erfahrungen, die ich sonst nicht gemacht hätte“.

In zwei Jahren will das Erzbischöfliche Ordinariat den Versuch evaluieren, also fachlich bewerten. Vielleicht wird dann sogar ein Modell für die Seelsorge im Erzbistum daraus. Denn nach allen Prognosen ist klar, dass die Zahl der hauptamtlichen Seelsorger und Priester um ein Drittel zurückgehen wird. Und dass ganz normale Katholiken Pfarreien mit managen und leiten müssen, so wie es in Geisenhausen ausprobiert wird.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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