Synodaler Weg Pastoralreferent: „Jetzt darf gesagt werden, was gedacht wird“

21.05.2021

Rund eineinhalb Jahre nach dem Start des „Synodalen Weg“ hat sich in der Kirche auf den ersten Blick wenig geändert. Konstantin Bischoff ist sich aber sicher: Der Reformprozess hinterlässt Spuren.

Konstantin Bischoff ist Pastoralreferent und Pfarrbeauftragter in der Münchner Pfarrei Herz Jesu. Beim Synodalen Weg vertritt er den Berufsverband der Pastoralreferent*innen Deutschlands e.V.
Konstantin Bischoff ist Mitglied der Synodalversammlung. © privat

mk-online: Was hatte man sich nicht alles vom Synodalen Weg erwartet: Frauen in Weiheämtern, die Abschaffung des Zölibats für Priester, Anerkennung alternativer Partnerschaften. Eineinhalb Jahre später hat sich diesbezüglich wenig verändert – was hat der Synodale Weg bisher erreicht?

Konstantin Bischoff: Er hat erreicht, dass sich die Gesprächskultur in der katholischen Kirche in Deutschland positiv verändert hat. Jetzt darf gesagt werden, was gedacht wird. Diese eigentliche Selbstverständlichkeit ist in den letzten Jahrzehnten in der Kirche eben gerade keine Selbstverständlichkeit mehr gewesen. Ich erlebe den ganzen Prozess des synodalen Weges als sehr ehrlich. Hier sagen Menschen persönlich, wo sie Probleme und Hemmnisse sehen. Wir kommen vielleicht aus der Starre der Pontifikate von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. heraus und können jetzt wichtige Themen aufs Tapet bringen. Zugleich wird aber auch mit immer härteren Bandagen gekämpft.

Inwiefern hat es dem Synodalen Weg den Schwung genommen, dass dieser Kampf wegen Corona anders ausgetragen werden muss als eigentlich geplant?

Bischoff: Da bin ich hin und her gerissen. Die Coronakrise hat verhindert, dass wir auf der zweiten Vollversammlung, die ja eigentlich im September 2020 hätte stattfinden sollen, erste Beschlüsse fassen. Dafür gab es mehr Zeit für Austausch und Klärung unter den Synodalen. Aber ich glaube nicht, dass es überhaupt keine konkreten Entwicklungen gibt. So gab es zum Beispiel in den letzten Monaten zwei Foulspiele von römischer Seite – wenn man das so sagen kann – auf die anders reagiert wurde als üblich: Sowohl die Intervention Roms bezüglich Leitungsaufgaben von Laien im letzten Sommer, als auch das unsägliche „Nein“ zur Segnung homosexueller Partnerschaften, hat nicht zu dem geführt, was normalerweise in Kirche passiert. Statt eisigem Schweigen oder Ignorieren haben die Menschen sehr laut ihre Meinung gesagt. Auch einige Bischöfe haben klargestellt: So geht es nicht! Das ist weder unserer Art zu kommunizieren noch der Inhalt, den wir uns vorstellen. Diese Reaktionen sind zwar nicht ausschließlich Früchte des Synodalen Weges, aber Folgen der durch ihn veränderten Gesprächskultur und Wahrnehmung.

Statt bis zum Herbst dieses Jahrs dauert der Synodale Weg voraussichtlich noch bis Ende 2022 – was steht da noch auf der To-Do-Liste?

Bischoff: Ich wünsche mir definitiv eine Neubewertung von Homosexualität und außerehelicher Sexualität. Außerdem hoffe ich, dass sich die katholische Kirche in Deutschland die Schuld für Verletzungen, die zum Beispiel durch die Sexualmoral geschehen sind, eingesteht – und sich dafür entschuldigt. Hinzukommen muss ein eindeutiges Plädoyer für Geschlechtergerechtigkeit. Alles aber in dem Wissen, dass das nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann und ein Thema ist, das in der Weltkirche diskutiert werden muss. Also: Ich denke, auf dem Synodalen Weg wird noch einiges passieren. Bestimmt nicht nur mittels Abstimmungen. Diskussionen in den Medien aber auch Streit gehören da in meinen Augen als Kinder einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft dazu.

Sie sind kein bisschen desillusioniert?

Bischoff: Ich würde tatsächlich sagen, dass wir neu lernen, Kirche zu denken. Wir kommen weg von dem, was die Kirche uns seit Ende des 19. Jahrhunderts einzubläuen versucht: Im Zentrum steht Rom und wir sind alle nur Filialen. Diese Art Kirche zu denken wird an ihr Ende kommen. Wenn wir es hingegen mit dem Synodalen Weg und anderen Gesprächsprozessen in Europa schaffen, „katholisch“ wieder im Wortsinne zu prägen – also als weltumspannend, allgemein, groß, als einen Ort, wo gerade unterschiedliche Dinge unter einem Dach zusammenkommen können – dann gibt es eine Chance. Aber ich will auch keinen falschen Optimismus verbreiten: Wenn wir das nicht schaffen, dann werden wir in den nächsten Jahrzehnten sehr schnell verzwergen.

Zur Person

Konstantin Bischoff ist Pastoralreferent und Pfarrbeauftragter in der Münchner Pfarrei Herz Jesu. Beim Synodalen Weg vertritt er den Berufsverband der Pastoralreferent*innen Deutschlands e.V.

Der Autor
Korbinian Bauer
Radioredakteur
k.bauer@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Synodaler Weg

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