Papsttum im Wandel Pater Hagenkord zu fünf Jahre Papst Franziskus

12.03.2018

Der Jesuit Bernd Hagenkord ist verantwortlicher Redakteur bei Vatican News, ehemals Radio Vatikan. Im Gespräch erklärt er unter anderem, wie sich das Papstamt seit dem Amtsantritt von Franziskus vor fünf Jahren gewandelt hat.

Ein Bild von historischer Bedeutung: der „alte“ Papst Benedikt XVI. (rechts) und der „neue“ Papst Franziskus in sichtbarer Harmonie.
Ein Bild von historischer Bedeutung: der „alte“ Papst Benedikt XVI. (rechts) und der „neue“ Papst Franziskus in sichtbarer Harmonie. © imago

Münchner Kirchenzeitung (MK): Vor fünf Jahren ist Papst Benedikt XVI. zurückgetreten – das war der erste freiwillige Amtsverzicht seit 718 Jahren. Inwiefern hat er durch diesen Verzicht das Papstamt verändert? Inwieweit war das ein Einschnitt weit über diesen 11. Februar 2013 hinaus?
PATER HAGENKORD: Ich behaupte mal, auch als Historiker ganz steil, das war der freiwillige Amtsverzicht überhaupt im modernen Papstamt. Ich glaube, dass wir das Mittelalter noch nicht einbeziehen sollten. Einerseits war das natürlich der einschneidendste Moment im Papsttum in den vergangenen 150 Jahren, andererseits setzt Benedikt damit auch eine Linie der Päpste fort. Ich nenne das Stichwort Desakralisierung, also der Papst tritt öffentlich auf, er lässt sich nicht mehr tragen, trägt keine Mitra mehr, Benedikt hat ja auch die Mitra aus dem Papst-Wappen genommen. Es war ein außerordentlicher Akt, aber er passt in eine Linie.

MK: Hat Benedikt durch seinen Rücktritt das Papstamt geöffnet, moderner gemacht?
PATER HAGENKORD: Auf jeden Fall. Denken wir nur an die Entwicklung der Medizin, die uns und natürlich auch Päpste länger leben lässt. Es gibt heute eine zunehmende Belastung durch häufige öffentliche Auftritte, durch deutlich mehr Staatsbesuche im Vatikan – das Papstamt muss heutzutage viel flexibler sein, weil die Welt nicht nach einem Schema funktioniert und Reaktionen, auch auf Politik und Krisen, schneller passieren müssen. Und da ist dem Papstamt durch den freiwilligen Amtsverzicht Benedikts eine weitere Option geschenkt worden, nämlich zu sagen: „Es geht nicht mehr“ und die Verantwortung zu übergeben.

MK: Inwiefern ist das „doppelte Papsttum“, von vielen zunächst argwöhnisch beobachtet, in der Praxis doch eigentlich eine reizvolle Konstellation?
PATER HAGENKORD: Also ich finde es wunderbar. Ich teile nicht die Einschätzung, dass Papst emeritus Benedikt sich zu viel äußern würde, überhaupt nicht. Ich zitiere den ehemaligen Papstsprecher Pater Federico Lombardi: „Er lebt ja nicht im Gefängnis.“ Ich finde sogar den Dienst, den Papst emeritus Benedikt im Augenblick leistet, noch viel prägender als den Rücktritt selbst. Nämlich tatsächlich zurückgezogen zu leben, zu beten, keine öffentliche Figur zu sein. Das zeigt, wie nachhaltig dieser Rücktritt ist und wie ernst er ihn nimmt. Also von daher weiß Papst Franziskus natürlich, dass er diese Möglichkeit auch hat, falls er das für nötig befindet.

MK: Sie begleiten, beobachten die Päpste seit vielen Jahren hautnah – wie hat Ihrer Meinung nach Franziskus das Papstamt in den vergangenen fünf Jahren verändert?
PATER HAGENKORD: Jeder Papst erfindet das Amt sozusagen neu. Wir können uns bloß nicht mehr richtig erinnern durch das sehr lange Papsttum von Johannes Paul II. Franziskus hat eine globale Perspektive eingebracht und – abgesehen von all der Dynamik – halte ich das für das Wichtigste und Bleibende: Europa gibt nicht mehr den Takt vor. Und egal, was aus einzelnen Initiativen des Papstes wird, das bleibt.

MK: Überhaupt: Welche Veränderungen sehen Sie im 21. Jahrhundert?
PATER HAGENKORD: Da greif ich nochmal zurück. Wir müssen die Balance zwischen lokal und universal neu austarieren. Das, was der Papst Synodalität nennt, bedeutet: Europa ist nicht mehr die wichtigste Kirche. Wie kriegen wir es hin, dass es vielleicht auf dasselbe Problem in verschiedenen Kulturen und Regionen verschiedene Antworten gibt? Und es trotzdem eine Kirche bleibt. Das ist die Herausforderung.

MK: Wie gestaltet sich das Papstamt in Zeiten, in denen immer weniger Priester werden wollen und es immer weniger Gläubige gibt?
PATER HAGENKORD: Der Papst, egal wer das Amt innehat, ist medial weltweiter Bezugspunkt. Fast täglich. Und das spielt natürlich für die Gläubigen eine Rolle, anders als früher, wo man kaum etwas vom Papst hörte. Deswegen muss er auch dort zu Gemeinden, Pfarreien, Bistümern, Ländern sprechen, wo die Katholikenzahl zurückgeht. Dieser Papst tut es dergestalt, dass er vom Grundzug des Verkündigens spricht, also Christen sind Verkündiger – immer. Egal, wie viele es sind.

MK: Bei der Verkündigung spielen Soziale Medien ja mittlerweile eine wichtige Rolle. Benedikt hat 2012 den päpstlichen Twitter-Kanal freigeschaltet, den Nachfolger Franziskus selbstverständlich übernommen und der mittlerweile über 617.000 Follower hat. Der Papst ist natürlich auch bei Instagram und Facebook und erreicht somit viele Gläubige. Wie wichtig sind heute, in unserer schnelllebigen, mitunter oberflächlichen Zeit, Soziale Medien für das Papstamt?
PATER HAGENKORD: Es ist eine Form der Kommunikation. Es ist nicht die einzige, zumal ja auch viele christliche Botschaften ein paar mehr Worte brauchen. Aber um zu kommunizieren, um da drinzustecken und nicht nur Sender und Empfänger zu spielen, ist das ungemein wichtig.

MK: Lassen Sie uns in die Zukunft schauen: Welche Duftmarken wird Franziskus noch setzen?
PATER HAGENKORD: Ich glaube, ihm geht es darum, die vielen Dinge, die er angefangen hat, auch weiterzuführen. Die vergangenen zwei Jahre waren nicht so spektakulär wie die ersten drei, aber dies liegt auch in der Natur der Sache. Kirchenreform, Kuriereform, die pastoralen Impulse – Stichworte hier die Enzyklika „Amoris Laetitia“, Familie, Ökumene, oder seine Friedensbemühungen – müssen sich jetzt in der Mühe der Ebene bewähren. Der Apparat, die Kurie ist mit etwa viereinhalbtausend Mitarbeitern nicht so groß, aber es will schon ordentlich durchdacht sein, wenn man das umbaut. Man benötigt erst ein Konzept bevor man umbaut, und da ist schon einiges passiert.

MK: Wie lange wird es das Papstamt noch geben?
PATER HAGENKORD: Immer. Es gehört zum Katholischsein dazu. Und je mehr die einzelnen Teile der Welt, die Regionen ihre eigene Kultur, ihre Identität als Christen finden, braucht es Identifikationsfiguren. Und das ist für uns eben – hier auf Erden zumindest – der Papst. (Das Interview führte Susanne Hornberger, Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung)

Die Autorin
Susanne Hornberger
Chefredakteurin Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


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