Archiv des Erzbistums geht online Per Mausklick ins Matrikelbuch

15.07.2019

Das Erzbistum München und Freising stellt vier Millionen Seiten aus seinem Archiv online und bietet den verschiedensten Interessenten neue Forschungsmöglichkeiten.

Das älteste Dokument aus dem Archiv des Erzbistums München und Freising ist eine Urkunde, die Steuerzahlungen einer Pfarrei regelt. Jetzt ist es auch online einsehbar.
Das älteste Dokument aus dem Archiv des Erzbistums München und Freising ist eine Urkunde, die Steuerzahlungen einer Pfarrei regelt. Jetzt ist es auch online einsehbar. © SMB/Bierl

München – Ein Pfarrer im bayerischen Oberland lebt mit einer verwitweten Frau zusammen und hat mit ihr zwei Kinder. So steht das kommentarlos in einem der Visitationsprotokolle, die der Bischof von Freising und der bayerische Herzog 1560 anfertigen ließen, um die Lebensführung des Klerus zu erheben. Mit ein paar Mausklicks lassen sich die vom Archiv des Erzbistums München und Freising verwahrten Protokollbände und vier Millionen weitere Seiten ab dem 16. Juli online aufrufen. Am heimischen Computer, zu jeder Tages- und Nachtzeit sowie kostenlos.

Es ist ein Festtag für Ortshistoriker und Familienforscher, aber auch für Kirchen-, Kunst- und Sozialgeschichtler, die etwa über die Durchsetzung der katholischen Reform im 16. und 17. Jahrhundert, über Kirchenbauten oder über Todesursachen in einem bestimmten historischen Zeitraum mehr erfahren möchten. „Es passt in unsere demokratische Gesellschaft, dass jedermann, jede Frau, egal, mit welchem Hintergrund, Zugang zu unseren Informationen hat“, erklärt Archiv- und Bibiliotheksdirektor Johannes Merz. Dafür hat das Erzbistum rund zwei Millionen Euro für das technische System und die Erfassung der Dokumente ausgegeben. Rund zehn Prozent des Bestandes können Merz und seine Mitarbeiter zum Start präsentieren: „Wir schauen, dass wir das in den nächsten Jahren verdoppeln können.“

Audio

Zum Nachhören

Beitrag über das Online-Archiv im Münchner Kirchenradio

Michael Volpert, Roland Götz, Johannes Merz und Kristina Plabst (v.l.n.r.) haben dafür gesorgt, dass vier Millionen Archivseiten online gehen konnten.
Michael Volpert, Roland Götz, Johannes Merz und Kristina Plabst (v.l.n.r.) haben dafür gesorgt, dass vier Millionen Archivseiten online gehen konnten. © SMB/Bierl

Vielfältige Quellen

Das Besondere an der Online-Präsentation des Archivs der Münchner Erzdiözese ist die Vielfalt der ins Netz gestellten Quellen. Es sind also nicht allein die Tauf-, Trauungs- und Sterbebücher aus den Pfarreien, die sogenannten Pfarrmatrikel, sondern auch Urkunden, Verträge, historische Bistumsbeschreibungen oder eben die Visitationsprotokolle aus dem Jahr 1560. „Wir haben zunächst einmal Unterlagen digitalisiert, von denen wir uns eine besonders hohe Nachfrage von Forschern erwarten“, erläutert Archivoberrat Roland Götz, der das Konzept des Online-Auftritts mit erarbeitet hat.

So lassen sich zum Beispiel wichtige Eckpunkte im Leben der berühmten Künstlerbrüder Asam jetzt recht einfach recherchieren. Von der Taufe Egid Quirins in Tegernsee bis zur Hochzeit und Beisetzung Cosmas Damian Asams, die in den Matrikeln der Münchner Frauenkirche verzeichnet sind. Ebenso kann man den Vertragsentwurf für die Neugestaltung des Freisinger Doms durch die Brüder finden, inklusive Begleitschreiben für das Domkapitel, das der Beauftragung und dem Kostenvoranschlag zustimmen musste. Auch das älteste Dokument des Archivs ist jetzt weltweit online verfügbar: eine Urkunde des seligen Bischofs Otto von Freising, eines bedeutenden mittelaterlichen Gelehrten, dem Umberto Eco in seinem Roman „Baudolino“ ein Denkmal gesetzt hat. Es ist ein makellos erhaltenes Stück Pergament, aus dem Jahr 1147. „So richtig spektakulär schaut es aber nicht aus“, gibt Götz zu, „es ist nicht größer als eine Postkarte.“ Inhaltlich regelt es eine Steuerangelegenheit zwischen dem Bistum und der Pfarrei Petershausen.

Schutzfristen für jüngere Dokumente

Neuere Dokumente aus dem 20. Jahrhundert sind allerdings nicht zu finden, auch keine Fotos. Das erlauben die Urheber- und Persönlichkeitsrechte nicht. „Bei Bildern aus der Erzbischofszeit von Kardinal Joseph Ratzinger müssten die Fotografen in jedem Einzelfall angefragt werden“, erklärt Götz. „Außer sie sind vor 70 Jahren verstorben, was ja rein rechnerisch nicht geht.“ Auch aktuelle Bauakten oder -pläne, die bereits jetzt digitalisiert ins Archiv kommen, haben eine Schutzfrist von 40 Jahren. Und brisante persönliche Mitteilungen, wie aus dem Visitationsprotokoll von 1560, dürfen ebenfalls erst nach Jahrzehnten öffentlich eingesehen werden.

Wie die Geschichte des in wilder Ehe lebenden Priesters ausging, geht aus den Akten übrigens nicht hervor. Falls er sich geweigert haben sollte, das Zusammenleben mit seiner Familie aufzugeben, hat er möglicherweise im sogenannten Pfarrerkarzer auf dem Freisinger Domberg eingesessen, damit er sich die Sache noch einmal gut überlegen konnte.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

© imago images / Westend61

München am Mittag Miteinander statt nur zusammen

Die Caritas hilft in allen Lebenslagen – auch wenn Familien mit ihren Problemen kommen. Weil nicht genügend Zeit für die Kleinen da ist, weil die Eltern erschöpft sind, weil Kinder mit schulischen...

17.07.2019

Chefrestauratorin Karin Eckstein bearbeitet die Musik-Handschrift mit dem Heizspatel.
© Kiderle

Zu Besuch bei einer Buchrestauratorin Geduldig wie Papier

Tausende wertvolle Handschriften lagern in der Bayerischen Staatsbibliothek. Um sie zu erhalten, braucht es eine ruhige Hand und Leidenschaft für die Bücher. Chefrestauratorin Karin Eckstein hat sich...

17.07.2019

Der Würzburger Generalvikar Thomas Keßler (rechts) verabschiedete Johannes Merz im Januar als Kanzler des Bistums Würzburg.
© Markus Hauck/POW

Johannes Merz tritt Stelle an Neuer Leiter für Archiv des Münchner Erzbistums

Das Archiv und die Diözesanbibliothek der Erzdiözese München und Freising bekommen mit dem 1. April einen neuen Chef: Johannes Merz kommt aus Unterfranken.

01.04.2019

Bis heute werden die Neupriester im Freisinger Dom geweiht.
© Kiderle

Überblick Geschichte des Erzbistums München und Freising

Von den römischen Soldaten bis zur Neugestaltung des Freisinger Dombergs gibt der frühere Archivdirektor Peter Pfister einen Überblick über wichtige Personen und Ereignisse im Erzbistum.

31.07.2018

© Roland Götz/EOM

Ausflug ins Kloster Beuerberg Im Archiv stöbern

Was haben die Salesianerinnen alles notiert über ihr kontemplatives Leben in Beuerberg? Wen und wie haben sie informiert über verstorbene Schwestern? Roland Götz vom Archiv des Erzbistums hat einige...

01.09.2016

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren