Neue Ausstellung Perfekte Täuschungen in der Münchner Kunsthalle

29.08.2018

Keiner lässt sich gern in die Irre führen. Doch macht es die Kunst, überwiegt die Begeisterung, vor allem wenn der Betrachter den Trick durchschaut hat. In München kann man sich nun der "Lust der Täuschung" hingeben.

"Lust der Täuschung" heißt die neue Ausstellung in der Münchner Kunsthalle.
"Lust der Täuschung" heißt die neue Ausstellung in der Münchner Kunsthalle. © SMB/Kerscher

München – Ein überdimensionales Auge erwartet den Besucher am Eingang zur neuen Ausstellung in der Münchner Kunsthalle. Wer es wagt, mitten durch den Augapfel hindurchzuschreiten, der sollte gleich seine eigenen Pupillen schärfen; denn unter dem Motto "Lust der Täuschung" gilt es, sich bis 13. Januar 2019 einzulassen auf einen unterhaltsamen und faszinierenden Parcours der Kunstgeschichte. Seit der Antike die Künstler das Spiel mit der Wahrnehmung. Vermeintliche Realitäten werden in Frage gestellt. Kann man der eigenen Beobachtung noch trauen?

Zwei große Schwarz-Weiß-Porträts von Evan Penny aus dem Jahr 2011 hängen an der Wand und zeigen den Künstler, "wie er (nicht) war" und "wie er (nicht) sein wird". Als junger und alter Mann hat er sich fotografiert. Doch die Personen, die ihm als Grundlage dienten, sind in Wirklichkeit zwei durchaus lebendig erscheinende Silikonbüsten, die unmittelbar neben den Fotografien stehen. Das Auge, weiß die Wissenschaft, nimmt schneller und mehr war, als das Gehirn verarbeiten kann. Die große Menge an Reizen muss deshalb reduziert, gefiltert und mit Erfahrungen abgeglichen werden.

Das Auge wird getäuscht, nicht der Verstand.
Das Auge wird getäuscht, nicht der Verstand. © SMB/Kerscher

In Abgründe schauen

Als die Gebrüder Lumiere 1896 erstmals ihre bewegten Bilder einem Publikum zeigten, soll ein Teil der Leute aus dem Saal hinausgerannt sein. Die Angst war ihnen in die Glieder gefahren, dass der auf der Leinwand zu sehende Zug unmittelbar auf sie zurasen könnte. Der erfahrene Kinobesucher kann da nur müde lächeln: Denn das Auge wird bekanntlich getäuscht, nicht der Verstand.

Die Herausforderungen für die Sinne sehen heute anders aus. Deshalb mutig in der Schau eine Virtual-Reality-Brille aufgesetzt. Hoch geht es dann mit dem Aufzug in den 80. Stock eines Hochhauses. In "Richie's Plank Experience" (2017) von ToastVR erwartet einen beim Ausstieg ein Holzbrett, das einlädt über Häuserschluchten zu balancieren. Ein seltsames Gefühl im Magen macht sich breit; nicht jedem ist es geheuer, in welche Abgründe er schaut. Dabei müsste der Mensch doch wissen, dass er auf festem Boden steht.

Ein Porträt zusammengefügt aus verschiedenen Perspektiven
Ein Porträt zusammengefügt aus verschiedenen Perspektiven © SMB/Kerscher

Sehen gleich Glauben?

Dass Sehen oft auch Glauben bedeutet, wusste sich schon die Kirche zu eigen zu machen. In einem als Kapelle gestalteten Raum hängt in der Apsis ein Ölgemälde von Joseph-Marie Vien dem Jüngeren. Es zeigt Christus am Kreuz (1819) mit einem so plastisch erscheinenden Körper als ob dieser aus weißem Porzellan geformt sei. Genauso wie der realistisch dargestellte Kopf von Johannes dem Täufer, den der spanische Bildhauer Jose de Mora (1642-1724) schuf, sollte solche Arbeiten die Gläubigen zu Mitgefühl und Kontemplation anregen.

Gleich zwei Motive bietet das Riefelbild von Guido Reni aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Auf einem entsprechend gefalteten Karton ist nach links hin Jesus zu erkennen, von rechts seine Mutter Maria. Auch der zeitgenössische Erfurter Maler Michael Triegel versteht es, mit seinen im Nazarener-Stil gehaltenen Werken vieldeutig zu spielen. Im "Osterstillleben" (2002) stehen die Lilien und ein weißes Tuch für die christliche Symbolik. Einzig das gehäutete Tier mag nicht so recht als "Agnus Dei" durchgehen. Ein Opferlamm ist es auch nicht, sondern ein Hase, dem das Fell abgezogen wurde und der heute das Fest zunehmend dominiert.

Der "ungläubige Thomas" legt auf einem Gemälde von 1650 seinen Finger in die Wunde Christi.
Der "ungläubige Thomas" legt auf einem Gemälde von 1650 seinen Finger in die Wunde Christi. © SMB/Kerscher

Nichts ist so, wie es erscheint

Bisweilen möchte der Besucher am liebsten selbst der Sache auf den Grund gehen und wie der "ungläubige Thomas" auf einem Gemälde von 1650 die Hand in die Wunde Christi legen. Doch für alle Objekte gilt: Berühren verboten. Auch für die Birne in der Glasvitrine, die schon ein paar braune Flecken aufweist und dringend verzehrt werden sollte. Doch an ihr und dem Apfel könnte sich der Obstfreund die Zähne ausbeißen. Beide sind aus Marmor.

Wer meint, den schwarzen Monobloc-Resin-Stuhl von Sam Durant auf andere Plastikstühle stapeln zu müssen, sollte sich hüten - er ist aus Porzellan. Nichts ist hier so, wie es auf den ersten Blick scheint. Nicht einmal das "Schweigegeld 27" von Randall Rosenthal (2015). Aus dem Kuvert ragen verlockend mehrere 100-Dollar-Noten heraus - leider nur bemaltes Holz. (Barbara Just/kna)


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