Ein Raubüberfall und seine Folgen Pfarrer will Tätern vergeben, damit er wieder leben kann

16.04.2017

Mitten in der Nacht wurde Pfarrer Amit Sinha Roy von zwei maskierten Räubern geweckt, mit einem Brecheisen bedroht und mit Kabelbinder gefesselt. Dieser Überfall ist fünf Jahre her. Erst Monate später hat er eine Therapie begonnen. Seitdem arbeitet er daran, dass er den Tätern vergeben kann.

Pfarrer Amit Sinha Roy weiß nicht, ob er den Tätern, die ihn überfallen haben, jemals vergeben kann.
Pfarrer Amit Sinha Roy weiß nicht, ob er den Tätern, die ihn überfallen haben, jemals vergeben kann. © fotolia/Brian Jackson

Tuntenhausen – Das mit der Vergebung, das ist so eine Sache. Auch für einen katholischen Pfarrer. Das hat Amit Sinha Roy festgestellt: „Ob ich diese Weite des Herzens jemals haben werde, zu sagen: ich reiche Dir jetzt die Hand, wollen wir das Ganze abhaken, ob ich diese Größe jemals aufbringen werde, das wage ich zu bezweifeln.“

Es ist eine Geschichte wie aus dem Krimi: Mitten in der Nacht wird der Tuntenhausener Pfarrer Amit Sinha Roy von zwei maskierten Räubern geweckt, weil sie den Tresor im Pfarrhaus nicht aufbekommen. Der völlig überrumpelte Geistliche öffnet den Tresor. Die Beute: 70 Euro. Das reicht den beiden nicht, also suchen sie den Geldbeutel des Pfarrers mitsamt Scheckkarte. Im Angesicht des Brecheisens, mit dem sie ihn bedrohen, teilt er ihnen auch die Geheimnummer mit. Die Täter fesseln Sinha Roy mit Kabelbindern an Händen und Füßen, reißen das Telefonkabel aus der Wand und drohen zurück zu kommen, falls die Geheimnummer nicht stimmt.

Nach einiger Zeit kann sich der Geistliche befreien, geht ins benachbarte Pfarrheim und ruft von dort aus die Polizei. Bis die ersten Beamten kommen, versteckt er sich draußen, aus Angst, die Täter könnten zurückkehren. Insgesamt hat all das weniger als zwei Stunden gedauert. Doch diese zwei Stunden haben das Leben von Amit Sinha Roy verändert.

Therapie erst nach vielen Monaten begonnen

Fünf Jahre ist der Überfall jetzt her. Unter den Folgen leidet der 46-jährige noch heute. Beim Gottesdienst bricht ihm manchmal der Kreislauf weg. Aber das ist nur ein Symptom des inneren Kampfes, den er täglich mit sich ausficht. Vor der Therapie, die er jetzt seit vier Jahren macht, habe das Leben ohne ihn stattgefunden. Es sei alles leer gewesen in ihm, sagt er. Er habe sich auch über nichts mehr freuen können: „Ich habe es zwar gesehen, wenn draußen ein schöner Schmetterling vorbeigeflogen ist. Aber ich habe es nicht wirklich wahrgenommen und im selben Moment auch wieder vergessen.“

Doch ein gestandenes Mannsbild, gelernter Bierbrauer, zweiter Bildungsweg, bodenständiger bayrischer Dialekt, Pfarrer einer der wichtigsten Wallfahrtskirchen in Bayern – einer wie er geht doch nicht in Therapie. Dazu hätten ihm zwar Viele geraten, aber er habe darauf gewartet, dass das schon von allein wieder besser werde, wie nach einem Schnupfen oder einer Grippe, erklärt er. Erst als die Vorladung zum Prozess kam, wusste er, er wird sich der Geschichte noch einmal stellen müssen.

Damals hatte ihn der Pfarrer von Bad Reichenhall auf die Trauma-Ambulanz aufmerksam gemacht. Die hätten dort nach dem Einsturz der Eishalle sehr gute Arbeit geleistet. Seither ist Amit Sinha Roy dort in Behandlung. Vergebung ist dabei ein großes Thema

Schrittweise arbeitet er sich vor zu dem Punkt, an dem er sagen kann: „Ich kann diesen beiden wirklich vergeben. Was nicht heißt, dass die morgen aus dem Gefängnis entlassen werden sollen.“ Vergebung bedeute für ihn, dieses Ereignis so in sein Leben zu integrieren, das er nicht wütend werde, wenn er daran denke. Denn sonst würden die Täter ja immer noch über sein Leben bestimmen und er wäre ihnen weiterhin ausgeliefert.

Vergebung und Versöhnung

Abgezeichnet hatte sich dieser Weg schon am Morgen nach dem Überfall. Im Gottesdienst hatte Sinha Roy den Gemeindemitgliedern mitgeteilt, die Messe würde ein bisschen kürzer ausfallen. Er könne nämlich nicht predigen, weil er in der Nacht überfallen worden sei. Und wenn Papst Johannes Paul II seinem Attentäter vergeben könne, dann müsse er das auch können. Heute weiß er nicht mehr so genau, was er sich darunter vorgestellt habe. Der Gedanke sei ihm auch in dem Moment gekommen, in dem er ihn ausgesprochen habe. „Aber ich messe mich immer wieder an diesem Satz, den ich öffentlich gesagt habe.“

Die Täter wurden übrigens zu 10 und 11 Jahren Haft verurteilt. Sie hatten mehr als nur den einen Überfall auf dem Kerbholz. Einen der entscheidenden Hinweise zu deren Ergreifung hatte der Tuntenhausener Pfarrer selbst geliefert: Nach einem ähnlichen Überfall auf den ehemaligen Pfarrer der Wieskirche, Prälat Georg Kirchmeir hatte er auf einem Fahndungsfoto die Handschuhe eines der beiden Täter wieder erkannt und der Polizei den Hinweis gegeben, sie sollten die beiden Fälle doch einmal zusammen betrachten. Eine Woche später wurden die Täter verhaftet.

Ob das Urteil gerecht ist, das will Pfarrer Amit Sinha Roy nicht beurteilen, das sei auch Sache der Justiz. „Aber als der Richter das Strafmaß verkündet hat, da habe ich ganz tief durchatmen können, weil es jetzt endlich vorbei war.“ Und Genugtuung habe er auch durchaus empfunden. „Denn es ist nicht meine Aufgabe, die Konsequenzen auf dem Handeln der Täter zu tragen. Das ist deren eigene Sache.“

An der Vergebung arbeitet der Pfarrer täglich. Das ist etwas, was er tun kann. Aber das Thema Versöhnung ist noch mal ein anderes. Dazu braucht es zwei Menschen, die wirklich miteinander in Kontakt sind. Aber das ist auch für einen Pfarrer sehr schwer: „Ich bin kein Heiliger. Das wird vielleicht noch die nächsten 347 Jahre dauern.“

Das Gespräch zwischen Pfarrer Amit Sinha Roy und unserer Kollegin Brigitte Strauß können Sie am 17., 19. und 21.April in der Sendung "Hauptsache Mensch" im Münchner Kirchenradio hören.


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