Erik Flügge fordert klarere Kommunikation Politikberater: Kirche muss über ihren Schatten springen

12.06.2019

Laut einer aktuellen Studie wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder bis 2060 halbieren. Schuld an der Krise ist auch die Kommunikation, sagt der deutsche Politikberater und Autor Erik Flügge. Im Interview zeigt er Fehler, aber auch Chancen der Kirchen auf.

Erik Flügge
Erik Flügge © imago

mk online: Herr Flügge, was läuft denn Ihrer Ansicht nach falsch in Sachen Kommunikation in der Kirche?
Erik Flügge: Das grundlegende Problem kirchlicher Kommunikation ist, dass sie viel zu oft nicht funktioniert. Ein einfaches Beispiel ist die Pfingstpredigt des Ratsvorsitzenden der evangelischen Kirche aus diesem Jahr und die beginnt mit den Worten: „wie gut, dass der Heilige Geist über uns ausgegossen wird und unsere Herzen erreicht.“ Das ist so eine „verschwurbelte“ Sprache, wie soll man eigentlich einen Geist überhaupt ausgießen, wie soll ich mir das vorstellen und was will er mir eigentlich mit diesem seltsamen Satz überhaupt sagen.

mk online: Wo liegt denn aber das Problem bei der Sprache in der Kirche?
Flügge: Kommunikation will ja eine Verbindung herstellen, sprich mein Gegenüber soll mich verstehen können, das ist eigentlich ganz einfach. Was kirchliche Sprache und Kommunikation aber ständig macht, ist genau gegen dieses Prinzip zu verstoßen. Sie sollen eben nicht genau verstehen, was gemeint ist. Vor einer Weile hat man zum Beispiel bei der katholischen Kirche mit dem Satz geworben „werde was du bist“. Und niemand hat verstanden, was die eigentlich von einem wollten. Der Witz ist: die wollten, dass die sich auf eine kirchliche Stelle bewirbt. Da muss man aber einfach sagen: „bitte bewerben Sie sich“.

mk online: Was muss die Kirche denn Ihrer Ansicht nach tun, um wieder verstanden und gehört zu werden?
Flügge: Wenn die Kirche wieder verstanden werden will, dann braucht es ganz offensichtlich neue Berufsbilder. Theologinnen und Theologen haben jetzt schon häufig genug bewiesen, dass man sie nicht versteht. Ich bringe es manchmal auf die Formel: wo zwei oder drei Theologen in meinem Namen beisammen sind, da wird es kommunikativ wirklich schwierig. Ich glaube es braucht echte Spezialistinnen und Spezialisten für Glaubenskommunikation, die das von der Pike auf lernen, wie Verständlichkeit geht, aber die müssen natürlich erstmal ausgebildet werden.

Erik Flügge (33) ist deutscher Politikberater und Autor. Von ihm sind unter anderem die Bücher „Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ und der SPIEGEL-Bestseller „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ erschienen. Er ist ein gefragter Redner und war auch Gast auf dem Katholikentag in Münster.

mk online: Wo müssen die Kirchenverantwortlichen denn in Zukunft mutiger sein?
Flügge: Kommunikation heute erfordert im Grunde genommen Kontrollverluste zuzulassen. Das können sie sehr gut sehen bei all diesen YouTube-Stars oder Menschen, die gerade in den Medien stark rezipiert werden. Das sind alles Leute, die, selbst wenn sie für größere Institutionen sprechen, das in einem eigenen Ton machen, in einer eigenen Art und dabei sehr wenigen Regeln unterliegen. Das heißt, da muss Kirche über ihren Schatten springen und zulassen, dass sie nicht mehr alles unter Kontrolle hat in der Kommunikation.

mk online: Was muss Kirche riskieren, um langfristig bestehen zu können?
Flügge: Wenn die Kirche langfristig bestehen will, dann muss sie das Risiko eingehen, Dinge zu tun, die für eine Masse an Menschen funktionieren und theologische Argumente und auch Glaubensfragen bei diesen Formen hintenanstellen. Also nicht alles darf im ersten Schritt zerredet werden anhand des eigenen Glaubens, sondern muss erstmal entwickelt werden anhand der Frage: funktioniert es denn, oder funktioniert es nicht, und dann muss ich mir überlegen wie ich das mit dem Glauben übereinbringe.

mk online: Laut einer aktuellen Studie wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder bist 2060 halbieren. Wie kann man da jetzt noch gegensteuern, oder ist der Zug bereits abgefahren?
Flügge: Dass die Kirchen kleiner werden, diesen Prozess wird man nicht aufhalten können, aber man kann ihn verlangsamen und man kann sich darauf einstellen. Ich glaube, dass in beiden Kirchen in der evangelischen wie in der katholischen viel mehr daran gearbeitet werden muss, dass es zu Direktkontakten kommt, dass man nicht mehr nur einlädt: „Sie können ja in die Kirche kommen“, sondern sie müssen im Grund genommen weniger Angebote machen und gleichzeitig mehr selber rausgehen und mit den Leuten Kontakt aufnehmen, dann haben Sie mehr Erfolg. (Das Interview führte Linda Burkhard)

Erik Flügge war 2018 zu Gast in der Sendung "Hauptsache Mensch" des Münchner Kirchenradios. Hier können sie das Gespräch nachhören.


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