Im Kino: "Corpus Christi" Priester mit Vorstrafenregister

03.09.2020

"Corpus Christi" erzählt die Geschichte eines jungen Ex-Häftlings, der sich in einer kleinen Gemeinde als Priester ausgibt und in der Seelsorge seine wahre Berufung findet. Ob sich der Kinobesuch ab dem 3. September lohnt, lesen Sie hier.

Daniel (Bartosz Bielenia) begeistert die Gemeinde mit seinen unkonventionellen Gottesdiensten.
Daniel (Bartosz Bielenia) begeistert die Gemeinde mit seinen unkonventionellen Gottesdiensten. © Arsenal Filmverleih

München – „Corpus Christi“ von Regisseur Jan Komasa ist ein polnischer Film, der in unserem Nachbarland bereits jede Menge Filmpreise abgeräumt hat. Sogar für den Oscar war der Streifen in diesem Jahr nominiert. Wie der Titel schon verrät – und wie es bei polnischen Filmen häufig der Fall ist – spielt die katholische Kirche dabei eine bedeutsame Rolle.

„Corpus Christi“ beruht auf einer wahren Begebenheit, nach der ein junger Mann nach der Entlassung aus dem Jugendknast sich in einer kleinen Gemeinde als Priester ausgab und dort auch einige Monate als Seelsorger wirkte und Messen hielt. Eine Geschichte, die förmlich nach einer filmischen Aufarbeitung ruft.

Im Film heißt dieser junge Mann Daniel. Er ist 20 Jahre alt und hat in der Jugendhaftanstalt eine besondere Beziehung zum Gefängnisseelsorger aufgebaut. Am liebsten möchte er nach seiner Entlassung zu Beginn der Handlung ins Priesterseminar gehen, aber das ist aufgrund seiner Vorstrafen nicht möglich.

Der Zufall kommt zur Hilfe

Deshalb vermittelt ihm der Pfarrer eine Arbeitsstelle in einem Sägewerk in einem kleinen Ort auf dem Land. Als Daniel dort aber ankommt, geht er nicht ins Sägewerk sondern in die Kirche und gibt sich als Priester auf Pilgerreise aus. Und wie es der Zufall so will, ist der Ortspfarrer schwer krank und bittet ihn unter der Hand um Aushilfe in der Gemeinde.

Obwohl Daniel ständig um seine „Enttarnung“ fürchten muss, blüht er in seiner Rolle als Hirte der Gemeinde auf. Dabei entwickelt er sich nicht vom Saulus zum Paulus, sondern entdeckt vielmehr seine wahre Berufung. Er bleibt auch als Priester der Sünder mit dem Vorstrafenregister, er sagt weiterhin dem Alkohol und auch Drogen zu, aber er schafft es, die Gemeinde mit seinen authentischen Predigten und Aktionen zu erreichen und in seinen Bann zu ziehen. Grandios vielschichtig wird dies verkörpert von Hauptdarsteller Bartosz Bielenia.

Traumatisierte Gemeinde

Dabei hat es Daniel in dem kleinen Städtchen eigentlich besonders schwer, da die Bewohner durch einen tragischen Autounfall traumatisiert sind, bei dem sieben – vor allem junge – Menschen ihr Leben verloren. „Corpus Christi“ versucht also nicht den wahren Kern der Geschichte in eine Verwechslungskomödie mit Slapstickeinlagen auszugestalten. Den Zuschauer erwarten zwar immer wieder kleine humorvolle Szenen, aber vornehmlich ist der Film eine Charakterstudie, die sich auch dem katholischen Gemeindeleben auf authentische Weise nähert.

Man muss dabei kein dröges Drama befürchten, vielmehr ist „Corpus Christi“ kurzweilig, spannend und nimmt den Betrachter mit auf die „Erweckungsreise“ eines jungen Mannes. Zwar gab es in jüngster Zeit viele gute und wichtige Filme, die den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufgearbeitet haben – daneben gelang es aber kaum einem Werk so gut wie „Corpus Christi“, sich jenseits der üblichen Klischees und Überzeichnungen ernsthaft und unterhaltsam mit den Themen Glaube, Kirche und Vergebung auseinander zu setzen. Einzig und allein die deutsche Synchronisation trübt das Sehvergnügen etwas, da nicht nur der Kirchengesang dadurch etwas holprig daherkommt. Deshalb ein Tipp für Cineasten: Vermutlich lohnt es sich, das polnische Original mit deutschen Untertiteln anzuschauen. Insgesamt jedoch gehen für „Corpus Christi“ – egal in welcher Sprache – beide Daumen des Rezensenten nach oben.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de

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Dieser Artikel gehört zum Thema Filmtalks

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