Aktionstag am Ammersee Private Kapellen öffnen für Besucher

21.08.2018

Gewöhnlich kommt da niemand Fremdes rein: in all die kleinen Haus- und Hofkapellen in Familienbesitz. Doch rund um den Ammersee sind am Sonntag 24 von ihnen ausnahmsweise öffentlich zugänglich - und zudem voller Musik.

Besucher lauschen der Musik an der Gutskapelle St. Anna.
Besucher lauschen der Musik an der Gutskapelle St. Anna. © Ammerseerenade

Dießen – Diesem Jesus lag schon eine Katze zu Füßen: "Sie hat sie ihm abgeschleckt, weil ihr die Farbe so gut schmeckte; danach mussten wir die Figur restaurieren lassen", erzählt Anneliese Wernseher. Damals zierte ihr Erlöser noch das Wohnzimmer, inzwischen ist er haustiersicher untergebracht: in einer eigenen Kapelle, die sich Wernseher mit ihrer Familie 2012 auf ihren Bauernhof, den "Tonihof" im oberbayerischen Dießen, hat bauen lassen.

Das kleine Gotteshaus "Zum Auferstandenen Heiland" ist eines von 24, die beim "Haus- und Hofkapellentag" mitmachen: Dieser bildet am kommenden Sonntag den Auftakt zum Klassikfestival "Ammerseerenade" und ermöglicht Besuchern, rund um den Ammersee in private Sakralbauten hineinzuschauen, die normalerweise für die Öffentlichkeit verschlossen sind.

Aus Dankbarkeit Kapelle errichtet

"Wir wollen ungewöhnliche Einblicke bieten", erklärt Doris Pospischil die Intention des Kapellentags, der heuer zum vierten Mal stattfindet. "Das lockt Neugierige, da kommen sogar Atheisten", ergänzt die Leiterin der "Ammerseerenade". "Und ob gläubig oder nicht: Alle Besucher kommen in Berührung mit Musik." Denn in den einzelnen Kapellen wird gesungen und gespielt, und zwar nicht nur Klassik, sondern zum Beispiel auch Pop und Swing, Rock und Blues.

Auf dem "Tonihof" sind volkstümliche Weisen mit Harfe, Kontrabass und Steirischer Harmonika zu hören. Das Programm in der Dießener Burgwaldstraße 11 startet um 12.30 Uhr mit einer Andacht, die ein Pater aus dem nahen Kloster Sankt Ottilien hält. Das sei für sie ein Zeichen der Dankbarkeit, sagt Wernseher. Aus Dankbarkeit habe sie ihre Kapelle auch errichten lassen: "Ich hatte vor einigen Jahren zwei Unfälle, von denen ich Gott sei Dank gut genesen bin." Ein Gotteshaus zu bauen, "das war für mich einfach eine Aufgabe zum Erfüllen", erklärt die 51-jährige Familienmutter.

Kapelle Unsere liebe Frau (Bierdorf 10) in Dießen.
Kapelle Unsere liebe Frau (Bierdorf 10) in Dießen. © Ammerseerenade

Ein Gotteshaus im Garten

Etwa ein Dutzend Quadratmeter ist ihre Kapelle groß. Drinnen stehen sich zwei Holzbänke gegenüber, ein paar Kerzen, Blumen, Heiligenfiguren und eben der restaurierte Jesus ergänzen die Ausstattung. Die Wände sind innen so weiß wie außen. Der Bau ist also ziemlich schlicht gehalten - und gleichwohl auffällig für jeden, der daran vorbeigeht. Denn das haben ja nun die wenigsten: ein eigenes Gotteshaus im Garten.

Wie viele Privatkapellen es genau gibt, lässt sich nicht sagen. Eine Annäherung bietet die bayerische Denkmalliste: Sie verzeichnet 1.049 Haus- und Hofkapellen, die wenigsten davon in Unterfranken, nämlich neun, und die meisten - ganze 614 - in Oberbayern.

In Oberbayern befindet sich auch das bereits erwähnte Kloster Sankt Ottilien. Die imposante Benediktiner-Erzabtei ist zwar nicht gerade das, was man sich unter einer kleinen Privatkapelle vorstellen mag, macht aber bei dem Aktionstag der "Ammerseerenade" trotzdem mit. Unter dem Titel "Erinnerung - Heilung - Versöhnung - Freude" erinnert die Abtei in der Ottilienkapelle ab 17 Uhr an die Jahre 1945 bis 1948 - an jene Zeit, als Sankt Ottilien als Hospital für "Displaced Persons" diente, also für im Krieg deportierte Menschen. Umrahmt von Gospel- und Streichermusik werden dazu historische Bilder sowie Daten und Fakten präsentiert.

„Klangräume" im Münchner Kirchenradio

4§§Einmal im Monat sprechen die Kirchenmusiker von Sankt Michael über die Messen, die in den nächsten Wochen in der Jesuitenkirche aufgeführt werden. Ein Gespräch über Komponisten, große Musik und Liturgie. Hier geht es zu den Podcasts.§§

Danach findet auch der offizielle Abschluss des Kapellentages in Sankt Ottilien statt. In der dortigen Sankt-Michael-Kirche beginnt um 19 Uhr eine Gesprächsrunde unter der Überschrift "Musik im Dialog". Dafür sind prominente Teilnehmer eingeplant: der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, der ehemalige bayerische Staatsminister Thomas Goppel (CSU) sowie der nigerianische Priester und Menschenrechtler Francis Obiora Ike. Laut Ankündigung reden sie über "Musik als hervorragendes Medium der Diplomatie und gesellschaftlicher Klebstoff".

Wenn die Diskussion anfängt, dann hat die Dießener Heiland-Kapelle von Anneliese Wernseher schon längst wieder geschlossen. Für Menschen - und natürlich für Katzen. Anneliese Wernseher lacht. "Menschen", sagt sie, "können aber einfach bei uns läuten, wenn sie sich die Kapelle mal anschauen mögen. Dann sperre ich gerne auf." (kna)

Am „Kappellentag" der „Ammerseerenade" gibt es verschiedene Routen. Diese finden Sie hier.


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