Bewahrung der Schöpfung Professor Haszprunar: Artenexperte und engagierter Katholik

13.07.2020

Sein Arbeitsplatz ist von Millionen von Käfern und Schmetterlingen umgeben: Gerhard Haszprunar ist Chef der bayerischen Naturkundesammlungen, die zu den größten und bedeutendsten der Welt zählen, und im Diözesanrat aktiv.

Professor Haszprunar in seinem Garten mit Dahlien
Professor Haszprunar in seinem Garten mit Dahlien. © SMB/Bierl

München – Neue Dauergäste empfängt die Zoologische Staatssammlung in München in der Regel frostig. Wenn Sammler ihre Schmetterlinge oder Käfer aus aller Welt an die Institution schenken, kommen die Kästen zuerst einmal tagelang in eine Kühlkammer in der minus 30 Grad herrschen und in die Kohlendioxid eingeleitet wird. Dann verbringen sie 14 Tage in Quarantäne und die Prozedur wird wiederholt. „Wir nennen das die Methode Doppelhammer, um verborgene Larven abzutöten, die uns sonst diese Stücke auffressen“, erklärt Gerhard Haszprunar. Die will der aus Wien stammende Professor für Systematische Zoologie an der Münchner Universität für kommende Generationen bewahren.

Mücken und Grizzlybären

In Personalunion ist er auch Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns (SNSB) und gleichzeitig Direktor der Zoologischen Staatssammlung. „Dort haben wir ungefähr 25 Millionen Sammlungseinheiten vom Gurkenglas mit 500 Exemplaren einer exotischen Mückenart bis zum Grizzlybären.“ Haszprunar ist verantwortlich für eine der größten naturkundlichen Sammlungen der Welt, deren Anfänge bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Es ist ein kostbarer Schatz, der ständig an Bedeutung gewinnt, weil er Auskunft über die Vielfalt und Lebensbedingungen zahlreicher Arten und ihr Genmaterial gibt. Das Herbar, also die botanischen Objekte, suchen vor allem südamerikanische Forscher gerne auf. Dort lagern tausende von getrockneten Pflanzen aus der Amazonasregion oder der Atacamawüste, von denen heute viele bedroht sind. Sie könnten bisher unbekannte medizinische Wirkstoffe enthalten oder Gene, sodass die ebenfalls aufbewahrten Samen einmal für Neuzüchtungen wichtig werden können.

Gen- und Artenpool für die Menschheit

Die bayerischen Entdecker Johann Baptist von Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius haben diesen Teil der Sammlung von 1817 bis 1820 zusammengetragen, zu der auch Vögel, Affen und Fledermäuse, Schildkröten und Amphibien, aber auch Orchideen oder Palmen gehören. „Erwerben, erhalten, erfassen und erforschen“, so beschreibt die Internetseite der SNSB die Aufgabe ihrer Einrichtungen. „Zuallererst betreiben wir natürlich Grundlagenforschung“, erklärt Haszprunar. Aus der ergeben sich aber beim Artenschutz oft praktische Erkenntnisse. „Wir haben uns zum Beispiel in einem Projekt gefragt, ob Biolandwirtschaft tatsächlich für mehr Artenvielfalt sorgt; das ist ja zunächst einmal nur eine Behauptung.“ Die entsprechende Studie habe ergeben, dass ökologisch bewirtschaftete Flächen tatsächlich einen dreimal so hohen Insektenbestand aufweisen wie konventionelle. „Natürlich kann man fragen, wer braucht diese Viecherl denn schon.“ Der Professor verweist dann auf die Blütenbestäubung, aber Insekten sind auch unentbehrliche natürliche Müllentsorger, die abgestorbene Pflanzen und Tiere wieder in den Nährstoffkreislauf zurückführen.

Alarm auf der Wiese

Als Naturwissenschaftler ist Haszprunar alarmiert, weil das Insektenaufkommen in den vergangenen drei Jahrzehnten allein in Deutschland um 75 Prozent zurückgegangen ist. Es herrscht Alarm, auf der Wiese, im wald und auf dem Feld. Das Artensterben betrifft nicht allein Insekten und es geht immer mit dem Verlust neuen Wissens einher: „Es gab einen Frosch in Australien, dessen Hormonphysiologie geeignet gewesen wäre, ein neues Mittel gegen Gastritis zu entwickeln“, bedauert Haszprunar, „aber den gibt´s jetzt nicht mehr.“ Der 63jährige Vater von drei erwachsenen Kindern hat aber nicht allein den potentiellen Nutzen vieler Arten im Blick. „Wir haben gesellschaftspolitisch akzeptiert, dass es richtig und notwendig ist, altes Kulturgut zu bewahren, das gleiche gilt für das, was in Jahrmillionen durch die Evolution als Schöpfung entstanden ist.“ Als engagierter Katholik formuliert Haszprunar es kurz und knapp so: „Bei diesem Schutzauftrag geht es letztlich um den Respekt gegenüber dem Schöpfer.“

Aquarium im Kinderzimmer

Da deutet er auf seinen Kleingarten mit 200 Quadratmetern, in dem Rosen, Phlox und Dahlien blühen und eine Robinie Schatten spendet. Der SNSB-Generaldirektor pflanzt so, dass Insekten möglichst lange durchs Jahr Nahrung bekommen. Darum fühlen sich Rosenkäfer bei ihm wohl oder auch das Taubenschwänzchen, eine früher häufige Schmetterlingsart. Haszprunars Liebe zur Natur ist Familienerbe. Sein Vater war einer der führenden Forstbeamten in Österreich. „In den Ferien bin ich oft drei, vier Wochen mit ihm durch den Wald gestreift und habe ökologische Zusammenhänge kennengelernt.“ Und schnell kam auch das erste Aquarium in Haszprunars Kinderzimmer, dem eine Reihe weiterer folgten. Das hat ihn schließlich zur Forschung an Tiefseeschnecken geführt. In seiner Direktionsaufgabe bleibt ihm dazu kaum noch Zeit, „da geht es vor allem um Wissenschaftsmanagement, internationalen Austausch, den Erhalt und die Entwicklung der Sammlung und um Finanzmittel dafür.“ Trotz der umfangreichen Verpflichtungen ist er auch noch Mitglied im Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum München und Freising. „Das ist für mich ein Gremium und Gesprächsforum, in dem ich auf verschiedensten Ebenen von der Pfarrei bis zum Erzbischof naturwissenschaftliche Thesen diskutieren und auch vermitteln kann.“ Seit acht Jahren versucht er den Artenschutz und die Erhaltung der natürlichen Vielfalt stärker in die kirchlichen Debatten hinein zu tragen.

Biodiversität ist katholisches Thema

„Seit der Enzyklika Laudato Si geht das natürlich einfacher und keiner fragt mich mehr, warum Biodiversität ein katholisches Thema sein soll.“ Das sei in den Köpfen angekommen, aber in der „praktischen Umsetzung gibt es noch viel Luft nach oben, auch wenn einige Pfarreien ganz toll agieren.“ Haszprunar beklagt sich über „hochgiftige“ Thujenhecken auf kirchlichen Friedhöfen, die kein „Stäuberl Nahrung oder Nistplätze für Tiere bieten“ und öde Rasenflächen vor Kirchen oder Pfarrhäusern. Von Blühwiesen oder Insektenhotels auf Kirchengrund ist er dagegen begeistert. Da könnte jeder Pfarrgemeinderat und auch jeder einzelne Gläubige etwas tun. Überhaupt ist der Wissenschaftler davon überzeugt, dass die Kirchen wichtig sind, damit der Artenschutz keine „vorübergehende gesellschaftliche Modeerscheinung“ bleibt: „Die Kirche hat aus ihrer Natur heraus immer eine Langzeitperspektive, anders als die Politik, die in Wahlperioden denkt.“ Diesen Vorteil gelte es beim Einsatz für die Schöpfung zu nutzen, „auch um Dinge zu sagen, die akut vielleicht nicht so populär sind, etwa bei der Fleischproduktion und der Landwirtschaft“. Schließlich will Gerhard Haszprunar, dass sich auch die Generation seiner Enkelkinder lebende Käfer und Schmetterlinge anschauen kann und nicht nur in den Kästen der Zoologischen Staatssammlung. Auch wenn die Insekten durch die eiskalte „Methode Doppelhammer“ bestens konserviert sind.


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