Fronleichnam 1945 in München Prozession zwischen Schutt und Staub

03.06.2015

Am 3. Juni 1945 begingen die Münchner zwischen Trümmern und Ruinen das erste kirchliche Fest nach dem Zweiten Weltkrieg: die Fronleichnamsprozession, die während der Nazizeit nur mit Einschränkungen gefeiert werden durfte.

(Screenshot: smb/Bild: Stadtarchiv München)

München – Mit großer Würde und eiserner Disziplin hält der 76-jährige Kardinal Michael Faulhaber die schwere Monstranz unter dem Baldachin und schreitet vorbei an Trümmern und Ruinen. Es ist der 3. Juni 1945. Um 7.30 Uhr beginnt die Prozession, sie dauert vier Stunden, wie die Historikerin Susanne Kornacker berichtet.

Auf vielen Straßen in der Münchner Innenstadt ist der Schutt erst notdürftig beiseite geräumt. Oft ist nur eine schmale Fahrbahn frei. An der Theatinerstraße säumen nur wenige Gläubige den Weg, sie stehen auf Trümmerbergen, es ist schlicht zu eng. Dafür folgen 25.000 Menschen in einer endlosen Schlange dem von Kardinal Faulhaber vorangetragenen Allerheiligsten. Auf den Plätzen und an der breiten Ludwigsstraße drängen sich weitere 10.000 Münchner, die niederknien und das Kreuzzeichen schlagen, als sie die Monstranz erblicken.

Erste Großveranstaltung nach dem Krieg

Die erste Fronleichnamsprozession nach dem Krieg ist auch die erste Großveranstaltung in der zerstörten Landeshauptstadt im Jahr 1945. Am 18. Mai hatte Kardinal Michael Faulhaber die amerikanische Militärregierung um die Erlaubnis für diese Prozession gebeten. Öffentliche Kundgebungen waren eigentlich noch streng verboten. Die Besatzungsbehörden stellten für den Fronleichnamstag am 31. Mai eine Genehmigung aus. Weil es an diesem Tag stark regnete, wird die Prozession auf den darauffolgenden Sonntag den 3. Juni verlegt.

Die Militärregierung geht mit der Anfrage Kardinal Faulhabers offenbar sehr unbürokratisch um. Sie erlaubt auch wieder die lange Wegführung durch die ganze Innenstadt, zum ersten Mal seit 1936 dürfen auch das Rathaus und öffentliche Gebäude zu Fronleichnam wieder geschmückt werden. Die Nationalsozialisten hatten zuvor den Kirchenzug durch die Innenstadt so klein und unauffällig wie möglich gehalten, und besonders Jugendliche, die daran teilnahmen, schickaniert, öffentlichen Musikkapellen war das Mitgehen untersagt.

Historisches Filmmaterial

Die Prozession am 3. Juni 1945 beginnt mit einem Pontikfikalamt in der nicht zerstörten Dreifaltigkeitskirche und führt dann an vier Altären am Marienplatz, vor der Ludwigskirche, der Feldherrenhalle und auf dem Promenadeplatz vorbei. Dort endet die Prozession, nach der die Teilnehmer laut Weisung der Militärregierung sich sofort zu zerstreuen haben. Willi Cronauer, der mit Widerstandskreisen gegen den NS-Staat Verbindungen unterhielt und schnell das Vertrauen der amerikanischen Besatzungsbehörden gewinnt, darf das Ereignis mit einem Team drehen. Das historische Material gehört zu den wenigen filmischen und deshalb besonders wichtigen Zeugnissen des kriegszerstörten Münchens. In einer der letzten Einstellungen ist eine Kornähre zu sehen, die aus einem Schutthaufen herauswächst. (alb)

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