Jüdische Gemeinde Rabbiner erklärt Antisemitismus von heute

09.07.2018

Der Münchner Rabbiner Tom Kucera über die vielen Formen des Antisemitismus im heutigen Deutschland.

Tom Kucera ist seit 2006 Rabbiner in München.
Tom Kucera ist seit 2006 Rabbiner in München. © SMB/Fleischmann

München – Die Münchner jüdische Gemeinde Beth Shalom befindet sich ein wenig versteckt im Münchner Süden. Auf dem ersten Blick ist kein jüdisches Symbol zu erkennen. Ein kleiner Hinweis auf dem Klingelschild weist die Gemeinde aus – das war’s. Tom Kucera begrüßt mich mit einem Lächeln und hinter ihm öffnet sich ein langer heller Gang, in dem verschiedene Büros, Gemeindesäle und ganz am Ende die Synagoge zu finden sind. „Wir müssen leider etwas vorsichtiger sein als andere Religionsgemeinschaften“, erklärt der Rabbiner, „aber Angst haben wir keine.“ Zu Gottesdiensten oder während des Unterrichts jüdischer Kinder genießt die Gemeinde Polizeischutz. „Ich wünschte, dass es nicht so wäre, aber ich bin der Polizei dankbar“, sagt Kucera, der seit 2006 Rabbiner der Gemeinde in München ist.

Hemmschwelle sinkt

Aktuelle Statistiken und Studien rechtfertigen die Vorsichtsmaßnahmen. Zwar unterscheiden sie sich in Details, der Tenor ist aber, dass Antisemitismus immer offener gezeigt wird. Die Hemmschwelle sinkt. „Man kann sagen, dass 20 Prozent aller Deutschen eher negative Gefühle gegen Juden hegen“, sagt Rabbiner Kucera, „das ist mal mehr, mal weniger, aber pendelt sich immer auf diesem Wert ein.“ Dieser Prozentsatz bedeutet zwar nicht, dass all diese Personen rassistisch eingestellt sind oder gar Gewalt gegen Juden billigen oder begrüßen würden. Er zeigt aber deutlich, dass Sätze wie etwa „die Juden haben zu viel Einfluss in der Weltpolitik“ immer noch nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet sind.

Der Antisemitismus im Jahr 2018 in Deutschland ist facettenreich. Negative Ressentiments kommen längst nicht nur von rechtsradikaler Seite, sondern ebenso von Radikal-Islamisten arabischer oder türkischer Herkunft. „Das ist eine sehr unangenehme Wahrheit, der wir aber ins Gesicht sehen müssen“, sagt Kucera. Einer der vielen Gründe dafür ist die Politik Israels, die viele arabische Länder direkt tangiert. „Natürlich ist die jüdische Identität mit dem Staat Israel verbunden. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir die Politik des Staates gutheißen. Es ist kein Geheimnis, dass auch deutsche Juden die Politik Netanjahus kritisieren“, weiß der Rabbiner. Dennoch setzten viele Antisemitismus mit Antizionismus gleich. Das äußert sich dann direkt in der Gemeinde. „Wenn Israel ein Militärmanöver in Gaza durchführt, bekommen wir Drohbriefe oder Anrufe“, sagt Kucera, „das war schon immer so. Neu ist allerdings, dass die Menschen dahinter nicht mehr anonym bleiben.“

Populismus wächst an

Das sei die nächste Stufe, wenn der Hass nicht mehr gesichtslos ist. Sinkt die Hemmschwelle innerhalb einer Gesellschaft so weit, dass sich Personen nicht mehr hinter dem Vorhang der Anonymität verbergen, so ist zumindest die Akzeptanz von Antisemitismus gewachsen. „Es hat sich in der Gesellschaft etwas verändert“, konstatiert Kucera, „sie ist viel populistischer geworden. Ungarn, Italien, Bayern – das bekommen auch wir mit. Vor fünf Jahren war das noch anders.“

Dass Antisemitismus gänzlich aus der Gesellschaft verschwindet, wird wohl weiterhin ein Traum bleiben. Allerdings gebe es durchaus Mittel, ihn wieder deutlich abzuschwächen, meint der Rabbiner. „Die Menschen müssen in Kontakt miteinander treten. Sie müssen sich kennenlernen. Wie man das praktisch umsetzen kann, kommt immer auf jedes Projekt einzeln an. Ich weiß, es ist ein sehr allgemeines Rezept – aber eines, das funktioniert.“ (Lukas Fleischmann)

Der Autor
Lukas Fleischman
Radio-Redaktion
l.fleischmann@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt 70 Jahre Israel

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