Aschermittwoch der Künstler in München Radikal und kompromisslos

02.03.2017

Identität, Flucht, Grenzen: Darum ging es in der Predigt von Kardinal Reinhard Marx beim diesjährigen Aschermittwoch der Künstler. Eindrucksvoll umrahmt von der Berliner Theatergruppe Anu.

Performance des Berliner Theaters Anu in der Münchner Frauenkirche © Kiderle

München – Drei Schauspieler ziehen an langen weißen Seilen ein Floß durch den Mittelgang des Münchner Liebfrauendoms. „Soll ich loslassen?“, ruft wiederholt einer nach dem anderen. Dann fällt eine Schauspielerin zu Boden – und mit ihr die beiden Darsteller auf dem Floß. Diese Performance des Berliner Theaters Anu eröffnet den diesjährigen Aschermittwoch der Künstler. Sie nimmt Bezug auf Théodore Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“, das auf der Titelseite des Liedblattes abgebildet ist. Es zeigt ein Schiffsunglück aus dem Jahr 1816, das nur 15 Menschen überleben, weil die Rettungsboote die Seile zu einem notdürftig aus den Schiffsmasten gezimmerten Floß mit 150 Menschen an Bord kappen. Das Bild hängt heute im Louvre und hat die französische Identität mitgeformt.

Grenzen überwinden

Wie die Seile der Akteure durchziehen die Themen Identität, Flucht und Grenzen den anschließenden Gottesdienst mit Kardinal Reinhard Marx. So spricht eine Schauspielerin zum Kyrie mit zwei Seil-Enden in den Händen: „Du nimmst dich aller an, die ausgegrenzt werden“ und „Du hilfst uns, Grenzen zu überwinden“. Und bei den Fürbitten erinnert die Schauspielerin, die sich mit einem Segel in der Hand auf einem Seil dem Altar nähert, an „alle, die in ihrem Leben an Grenzen stoßen und nicht mehr weiterwissen“, an „alle, die auf der Flucht sind und an unüberwindlichen Grenzen zu verzweifeln drohen“, aber auch an „alle Künstlerinnen und Künstler, die mit ihrem Schaffen Grenzen überwinden“.

Kardinal Marx knüpft in seiner Predigt daran an. „Als Christen zu Beginn der österlichen Bußzeit wissen wir, wir finden unsere Identität nicht vorbei an der Person Jesu von Nazareth, dem Bild des unsichtbaren Gottes. Der Weg in der österlichen Bußzeit soll uns helfen, das Bild, das Gott von Anfang an von uns hat, wiederzugewinnen, die Gottebenbildlichkeit, die jedem Menschen geschenkt ist, neu zu entdecken.“ Der Ritus der Bilderverhüllung helfe dabei, neu sehen zu lernen, wer Jesus sei.

Szene aus der Ouvertüre des Theaters Anu © Kiderle

Diese Symbolhandlung wird auch vor dem Gottesdienst im Münchner Dom ausgeführt. Eine weiße Leinwand schiebt sich – an einem Seil nach oben gezogen – vor das große Holzkreuz im Chorbogen. Auf sie wird eine Installation des Münchner Künstlers und Schauspielers Stefan Hunstein projiziert. Darin ist ein Kind zu sehen, das – sein Gesicht in die Hände gestützt – vor brennenden Kerzen sitzt. Die Videoarbeit trägt den Titel „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und bezieht sich auf Hans Christian Andersens gleichnamiges Märchen – und das darin beschriebene unbemerkte Sterben eines Kindes.

Die Wahrheit über den Menschen erkunden

Kardinal Marx betont, Künstler könnten mit ihren Werken helfen, das Bild wiederzuentdecken, das Gott in jeden Menschen hineingelegt habe. „Denn diesen Weg können wir nicht gehen, ohne wirklich radikal und kompromisslos die ganze Wahrheit über den Menschen zu erkunden, alle Höhen und Tiefen, alle Sehnsüchte und Ängste, ja auch alle Verbrechen und Abgründe, alle Schuld, alles Versagen, alle Schönheit, alle Hässlichkeit“ – wie sie Künstler ins Bild, ins Wort und in die Musik brächten. Der Erzbischof kritisiert daher die Unterdrückung der Freiheit der Kunst und des Wortes weltweit und ruft zum Gebet für verfolgte und inhaftierte Kunst- und Medienschaffende auf.

„Erneuere uns nach dem Bild deines Sohnes“, betet Kardinal Marx bei der Segnung der Asche, die den Gläubigen anschließend aufgelegt wird – als äußeres Zeichen für Umkehr und Neubeginn. Nach dem Gottesdienst, in dem zwei Werke des deutsch-amerikanischen Komponisten Sidney Corbett uraufgeführt werden, nutzen etliche Künstler die Gelegenheit zum Austausch in der ehemaligen Karmeliterkirche – nicht zuletzt über die Themen Identität, Flucht und Grenzen. (Karin Hammermaier)

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