Dorfleben gestalten Rathaus und Pfarrzentrum unter einem Dach

26.03.2021

Erst war es nur die Vision eines engagierten Kirchenpflegers. Mit der Hilfe eines Sponsors konnte sie dann letztlich umgesetzt werden. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

Gemeindezentrum in Hohenbrunn
Das Gemeindezentrum befindet sich in der Ortsmitte, gleich neben der Kirche St. Stephanus. © Kiderle

Hohenbrunn – Ein lang gezogenes rotes Ziegeldach vereint jetzt im Zentrum von Hohenbrunn (Dekanat Ottobrunn) die kommunale und die katholische Gemeinde. Das Gebäude ist zum Teil ein Neubau, zum anderen Teil ein denkmalgeschützter Altbau. Dass die Wände zwischen beiden Gebäudeteilen durchlässig wurden und ein neu entstandener, schmucker Festsaal von 125 Quadratmetern sogar gemeinsam genutzt wird, ist einer Vision zu verdanken, die Kirchenpfleger Jürgen Blöchinger entwickelt hat und für die er einen ortsansässigen Sponsor begeistern konnte. Aber der Reihe nach.

Wenn Steine sprechen könnten, dann würde dieses alte Haus aus dem 18. Jahrhundert berichten, dass auf dem Speicher Futter gelagert wurde und hinter der imposanten Fassade die Wohnräume des Pfarrherrn, seiner Kapläne und Haushälterinnen lagen, im mittleren Teil das Vieh untergebracht war und sich ganz hinten ein großes Tor zur Scheune mit den Kutschen öffnete. Und gleich gegenüber lag der ummauerte barocke Pfarrgarten, wo Hochwürden das Brevier beten konnte. Doch die Zeiten haben sich gewandelt – und mit ihnen das Gebäude.

Leben im Dorf

Aus dem Pfarrhaus wurde im vorderen Teil das Rathaus und im hinteren Teil ein Pfarrzentrum in immer desolaterem Zustand. Über Jahrzehnte wurde nichts verändert, nichts investiert. Dabei ist die Lage der Immobilie ideal: im Zentrum des Ortes, gleich neben der Kirche St. Stephanus. Wenn Blöchinger, der seit sieben Jahren Kirchenpfleger ist, heute von seiner Idee erzählt, dann sprudelt es aus ihm heraus. Der gelernte Bauingenieur kann nicht nur die Ärmel hochkrempeln, sondern ist auch mit den Genehmigungsverfahren der Erzdiözese vertraut, bei der er die Hauptabteilung „Beschaffungsmanagement“ leitet. Er weiß, dass ein Platz 85 auf der Warteliste der Bauvorhaben nicht zum Erfolg führen wird und dass ein zugesagtes Pfarrheim mit 40 Quadratmetern Nutzungsfläche nicht das ist, was dieser Ort braucht. „Hier war es jeden Abend dunkel. Das wird ein Schlaf-Dorf, wenn wir nichts tun“, so waren seine Gedanken. „Wir wollen Feste feiern und Action machen“, lautete die Vision.

Neubau statt Umbau

Blöchinger ist ein kommunikativer Typ, der Menschen zu begeistern weiß. Und als er mit einem ortsansässigen Sponsor ins Gespräch kommt, der auch schon die evangelische Gemeinde an seinem Wohnort und die israelitische Kultusgemeinde in München gefördert hat, da funkt es und das „Wunder von Hohenbrunn“, wie eine Zeitung titelte, nimmt seinen Lauf. Mit einer ersten Spendenzusage „haben wir Druck aufgebaut“. Neubau statt Umbau ist der Plan, und nach vielen Gesprächen mit allen Beteiligten ist das Ergebnis, dass die Erzdiözese an ihren zugesagten 1,25 Millionen Euro festhält, die Kommune 1,8 Millionen Euro beisteuert und der private Sponsor ganz tief in die Tasche greift und eine „astronomisch hohe, gerade Zahl“ gibt. Und das ist noch nicht alles, denn die dreitausend Einwohner von Hohenbrunn sammeln 60.000 Euro Spenden, eine Gruppe von 20 Ehrenamtlichen leistet tausend Stunden Arbeit auf der Baustelle. Dass Blöchinger für seine Idee zweitausend Stunden ehrenamtlich gearbeitet hat, ist vielleicht noch untertrieben.

Sponsor liegt Kirche am Herzen

Die Corona-Pandemie hat nun leider dafür gesorgt, dass noch keine Feste gefeiert werden können. Die Büros im zweiten und dritten Obergeschoss des Neubaus, die an die Kommune vermietet wurden, sind bezogen, die erste Etage der Pfarrgemeinde mit Gruppenräumen für Pfadfinder und Ministranten wurde im Februar gesegnet – „das war eine Art Nottaufe“, sagt Blöchinger. Und im ebenerdigen Festsaal steht schon eine farbig gefasste Figur des heiligen Stephanus aus dem 15. Jahrhundert, des Namenspatrons des Hauses. „Der heilige Stephanus ist gegen den Strom geschwommen, das ist auch heute wichtig“, interpretiert der Sponsor, der namentlich nicht genannt werden möchte, die Skulptur. „Mir liegt die Kirche am Herzen, wir müssen da etwas tun!“, begründet er sein Engagement.

Mit Partnern Visionen verwirklichen

Blicke ins noch geschlossene Haus gewährt die digitale Monitor-Wand am Eingang. Vorbei die Zeiten mit verblichenen Zetteln in maroden Schaukästen – Blöchinger denkt auch hier modern. „Das kostet so viel wie ein Auto, und das sollten alle Pfarreien haben“, sagt er energisch. „Es ist fünf vor zwölf“, konstatiert er mit Blick auf die Kirche. Und er rät Pfarreien in einer ähnlichen Lage: „Sucht nach Ideen, sucht nach Partnern“ – nur so ließen sich Visionen verwirklichen. (Annette Krauß, freie Mitarbeiterin der Münchner Kirchenzeitung)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Bauen im Erzbistum

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