Schülerschwund im Religionsunterricht „Reli“ ist in Gefahr

27.08.2019

Jetzt ist die Zeit für eine echte Reform, sonst wird Religion zum Exotenfach. Ein Kommentar von Tanja Bergold.

Religionsunterricht verliert immer mehr an Bedeutung.
Religionsunterricht verliert immer mehr an Bedeutung. © gpointstudio - stock.adobe.com

Die Zahl der Katholiken sinkt – ergo sinkt auch die Zahl der Schüler, die den Religionsunterricht besuchen. Insgesamt 75 Prozent sind noch mit dabei: Ein Schwund von elf Prozent innerhalb der letzten zehn Jahre. Logischerweise gibt es auch immer weniger Religionslehrer. Kaum zu glauben, dass „Reli“ auf einmal auf der Liste der bedrohten Arten steht. Das Fach, bei dem man trotz Notengebung irgendwie immer entspannen konnte. Die Lehrer waren fast immer die nettesten und als mündliches Abiturfach war es beliebt – es galt immer als relativ easy. Und: Man konnte ihm nicht entkommen. Denn von der ersten bis zur neunten oder zehnten Klasse war es Pflichtfach. Gleichberechtigt neben Mathe, Deutsch und Sport. Fast einzigartig – denn alle anderen Nebenfächer wie Geschichte, Bio oder Erdkunde hatte man nur zeitweise. Natürlich wird keiner gezwungen, hinzugehen. Es gab und gibt ja noch Ethik– was zu meinen Schulzeiten gemeinerweise noch am Nachmittag stattfand und nur die Kinder von wirklichen Hardcore-Eltern gingen dorthin.

Profitieren vom gemeinsamen Religionsunterricht

Und jetzt ist der Religionsunterricht vom Aussterben bedroht. Was tun? Abschaffen? Ist denke ich eine schlechte Option. Eine noch schlechtere ist: Warten, bis ein Wunder geschieht. Und gar keine – meiner Meinung nach – ist: Einfach so weitermachen. Es muss sich etwas ändern. Aber was?

Was ich ehrlich gesagt nie verstanden habe. Warum werden evangelische, muslimische oder katholische Schüler getrennt? Luther ist zum Beispiel ein großes Thema im katholischen Religionsunterricht. Und Themen wie: Christ sein, anderen Religionen begegnen oder die Einzigartigkeit des Menschen: Ich traue Lehrern zu, das Kindern unterschiedlicher Konfession gemeinsam zu vermitteln – und den Kindern, das zu kapieren. Im Gegenteil – sie können vielleicht voneinander profitieren und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten besser verstehen.

Das besonders Wertvolle am Religionsunterricht war und ist aber doch nicht die reine Vermittlung von Wissen und Lehre. Sondern die Möglichkeit über Themen zu reden, die im Schulalltag zu kurz kommen. Freundschaft – Wut – schlechtes Gewissen – Liebe und Sex. Umso wichtiger, wenn hier Kinder gemeinsam unterrichtet werden und die Möglichkeit haben, sich unter pädagogischer Leitung offen und ehrlich auszutauschen. Ohne Druck – darum würde ich in diesem Fach die Noten gleich mitabschaffen. Und bitte nicht das Totschlagargument bringen, das da lautet: Dann lernen die Kids ja nichts. Warum unterschätzen wir die Jugend eigentlich so oft?

Unterricht soll keine Einbahnstraße sein

Vielleicht profitieren die Kirchen und Religionen auch von der Jugend und ihren Vorschlägen Themen wie: Sexualität, Frauen, Zölibat, Kirchensteuer. Schule und Unterricht soll doch keine Einbahnstraße sein, in der die allwissenden Lehrer den dummen Schülern endlich mal Wissen und Meinung geigen. Religionsunterricht ist wichtiger denn je. Alle Menschen stellen sich die Frage nach dem Sinn, sind auf der Suche, wollen sich orientieren, brauchen Vorbilder. In der jetzigen Form jedoch ist „Reli“ in Gefahr, zu einem „Exoten-Fach“ zu werden. Und genau darin liegt eine große Chance, die die Kirchen mutig und schnell nutzen sollten: Denn sonst wird aus der Angst vor dem Bedeutungsverlust – ein echter Bedeutungsverlust.

Die Autorin
Tanja Bergold
Leiterin Programmentwicklung im Münchner Kirchenradio
t.bergold@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

© SMB

Die Bergold und der Pater „Reli“ ist in Gefahr.

Die Bergold und der Pater wollen den Religionsunterricht retten. Mit unterschiedlichen Ideen! Hören Sie rein!

05.09.2019

Die Kirche baut ein moderne Schule und die Kinder sind ab der Grundsteinlegung mit dabei.
© klimkin - pixabay

Bildung Kirche eröffnet neue Grundschule in München

Von Containerlandschaft zu moderner Schule - 35 Erstklässler sind ab der Grundsteinlegung beim Bau ihrer neuen Schule in München-Haidhausen dabei.

02.09.2019

Volkspartein und Katholische Kirche stehen im Regen - Sie verlieren an Zuspruch.
© andreas160578 - pixabay

Landtagswahl in Sachsen und Brandenburg Volksparteien und Katholische Kirche vor gleichem Problem

Die Volksparteien in Deutschland haben ein Problem. Das gleiche wie die katholische Kirche. Ein Kommentar von Christian Moser.

02.09.2019

"Friday for Future" - Demo in München im Juni 2019.
© imago

Klima Jugendliche legen Finger in die Wunde

Der Diözesanjugendpfarrer Richard Greul beurteilt es positiv, dass Themen wie Nachhaltigkeit und Umwelt bei den Jugendlichen im Trend liegen. Die Regel des heiligen Benedikt kommt ihm dabei in den...

26.08.2019

© smb s.schmid

Sendung vom 30.4.2019 "Wir klatschen in die Hände..."

Der Morgenkreis nimmt auch bei Kleinkindern schon einen festen Platz im Tagesablauf in der Krippe ein. Denn gerade die Jüngsten brauche viel Zeit zum Ankommen in der Einrichtung. Bei der Gestaltung...

30.04.2019

Fünf Jahre dauert eine Ausbildung zur Erzieherin.
© johoo - stock.adobe.com

Erziehermangel Von der Schülerin zur Erzieherin

Seit mehr als 175 Jahren bilden die Armen Schulschwestern an der Fachakademie für Pädagogik junge Frauen aus. Am kommenden Freitag informieren sie über die Ausbildung.

28.01.2019

Deutsch lernen mit Experimenten
© smb/sschmid

St. Matthias in Fürstenried Nachhaltige Bildung im Kindergarten

Deutsch lernen soll Spaß machen – im Kindergarten Sankt Matthias in Fürstenried gelingt das durch Experimente im Vorkurs Deutsch.

02.01.2019

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren