Reformprozess in Deutschland Religionslehrkräfte positionieren sich zum Synodalen Weg

29.05.2021

Religionslehrkräfte sind das Gesicht der Kirche im Klassenzimmer. Sie haben eine Mittlerrolle zwischen der Institution Kirche und dem katholischen Nachwuchs. Wie steht die Berufsgruppe zum Synodalen Weg?

Schulklasse
Religionslehrer haben eine Mittlerrolle zwischen der Institution Kirche und dem katholischen Nachwuchs. © Vasyl - stock.adobe.com

Eine sechsköpfige Arbeitsgruppe, die die rund 500 Religionslehrkräfte im kirchlichen Dienst an Grund-, Mittel- und Förderschulen im Erzbistum München und Freising vertritt, hat ein Positionspapier zum Synodalen Weg verfasst. mk online hat darüber mit Sandrine Schnitzer, Religionslehrerin an der Grundschule Pullach bei München, sowie mit Christian Weber, Religionslehrer an der Grundschule in Sankt Wolfgang bei Dorfen und Mitglied des Sprecherrates der Religionslehrerinnen und Religionslehrer im kirchlichen Dienst, gesprochen.


mk online: Als Religionslehrkräfte nehmen Sie eine Mittlerrolle zwischen der Institution Kirche und dem katholischen Nachwuchs ein. Wie spannungsgeladen ist diese Rolle?


Christian Weber: Im Alltag eher wenig. Die Situationen, in denen Lehre und Regeln der Kirche wirklich hinterfragt werden, sind selten – etwa wenn Schüler wissen wollen, warum es nicht möglich ist, dass Frauen Priester werden oder Priester heiraten. Mitunter fühlt man sich auch nicht wohl in seiner Haut, wenn der Missbrauchsskandal in den Medien präsent ist und man als Vertreter der Institution wahrgenommen wird.

Was hat Sie dazu bewogen, ein Positionspapier zum Synodalen Weg zu verfassen?

Sandrine Schnitzer: Zum Beginn war uns noch nicht klar, wie wir uns als kleine Arbeitsgruppe von sechs Personen überhaupt bemerkbar und effektiv in den Synodalen Weg einbringen können. Im Zuge langer Gespräche haben wir dann beschlossen, ein Positionspapier zu verfassen, das wir nach und nach an Mitglieder des Synodalen Weges bringen möchten. Dabei ist uns wichtig, auf uns als Religionslehrkräfte im Kirchendienst aufmerksam zu machen, deren Position – ja, so finden wir – beim Synodalen Weg ansonsten kaum Gehör findet.

Kurz auf den Punkt gebracht: Was sind die wichtigsten inhaltlichen Positionen Ihres Papiers?

Schnitzer: Wir nehmen Bezug auf Themen, die in den vier Foren des Synodalen Wegs besprochen werden: Sexualität, Frauen in der Kirche, Gewaltenteilung und Zölibat. Wir versuchen dabei klarzumachen, warum Kinder und Jugendliche, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, durch die heutige Struktur und Haltung der Kirche dort oft keinen Zugang mehr finden. Und wir sprechen uns konkret dafür aus, dass das Priesteramt über die zölibatäre Lebensform hinaus geöffnet wird, Frauen Zugang zu Ämtern erhalten, Sexualität als Geschenk Gottes dargestellt und bei der Gewaltenteilung demokratische Standards erreicht werden.

Haben Sie schon Rückmeldungen zu Ihrem Positionspapier bekommen?

Weber: Zunächst von unseren eigenen Kolleginnen und Kollegen, die das Papier mit großer Mehrheit gutgeheißen haben. Hauptsächlich haben wir Kontakt mit Vertretern der Bistumsleitung, dem Diözesanrat und den diözesanen Vertretern des Synodalen Weges gesucht. Hier hat man sich meist zurückhaltend geäußert, weil man sich nach außen nicht schon vorab positionieren wollte. Jedoch wurde unsere Stellungnahme immer als Beitrag zur Diskussion begrüßt. Wir haben insgesamt den Eindruck gewonnen, dass unsere Positionen durchaus weit verbreitet und akzeptiert sind.

Sie betonen Ihre Bedeutung als das „Gesicht der Kirche“ im Klassenzimmer, das für viele Kinder und Jugendliche der letzte verbliebene Berührungspunkt mit der Kirche ist. Als wie kirchenfern erleben Sie die heutige Schülergeneration?

Weber: Wenn man Kirchenferne und -nähe danach beurteilt, wie vertraut man mit Ritualen und Formen katholischer Religiosität ist, dann muss man ehrlich sagen: Die große Mehrheit ist kirchenfern. Sie erlebt im Alltag kaum noch gelebten Glauben, und die letzten Berührungspunkte wie Erstkommunionfeiern, Beerdigungen und Taufen geben ihnen in der Regel keine bleibenden Impulse für ein religiöses Leben im Alltag.

Schnitzer: Kirchenferne muss aber nicht unbedingt Glaubensferne bedeuten. So machen wir immer wieder erstaunliche Erfahrungen, wenn wir mit Kindern über das Beten oder den Umgang mit existenziellen Erfahrungen ins Gespräch kommen. Die Suche nach Sinn und einer religiösen Deutung der Welt ist vorhanden, findet aber nicht unbedingt in Formen kirchlicher Religiosität Ausdruck.

Bei welchen Themen ist die Kirche für Kinder und Jugendliche besonders interessant? Wo kann sie punkten?

Schnitzer: In Extremsituationen wie bei Erfahrungen von Tod und Trauer. Hier wird das Weltbild der jungen Menschen sehr erschüttert und sie suchen Halt. Dort hat das Angebot der Kirche noch eine große Relevanz.

Weber: Auch beim Ministrantendienst oder in der Jugendverbandsarbeit kann die Kirche noch junge Menschen ansprechen und ihnen einiges bieten, etwa gute Gemeinschaftserlebnisse oder die Erfahrung, gebraucht zu werden und sich ausprobieren zu können.

In letzter Zeit war Unterschiedliches zur Situation an den Schulen zu hören: etwa, dass aus Gründen des Infektionsschutzes ein ökumenischer Religionsunterricht stattfinde, um Schulklassen nicht mischen zu müssen. Dann wieder hieß es, der konfessionelle Religionsunterricht falle zugunsten eines Ethik-Unterrichts für alle ganz aus; andernorts findet der katholische Religionsunterricht nach wie vor regulär statt. Wie ist die Lage aktuell?

Weber: Im Distanzunterricht findet Katholische Religionslehre planmäßig statt, während im Präsenz-/ Wechselunterricht sehr häufig die Modelle zusammen mit Evangelischer Religionslehre und Ethik angewandt werden – einfach weil es organisatorisch nicht anders geht, wenn man Durchmischungen in den Gruppen verhindern muss. Uns erreichen Rückmeldungen, die darauf hindeuten, dass der katholische Religionsunterricht in Grund-, Mittel- und Förderschulen spürbar in Mitleidenschaft gezogen ist. Etwa die Hälfte unserer Kolleginnen und Kollegen fühlt sich stark belastet, sie sind viel in den Notbetreuungen eingesetzt und der Religionsunterricht muss hinter den „Kernfächern“ zurückstecken. Auch kann man im Distanzunterricht die Stärken unseres Faches nicht richtig zur Geltung bringen. Glaubensvermittlung in schriftlichen Aufträgen und Arbeitsblättern funktioniert nur begrenzt. (Das Interview führte Joachim Burghardt, Redakteur der Münchner Kirchenzeitung)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Synodaler Weg

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