Miteinander reden statt übereinander: Rent a Jew

23.07.2019

Eine Radioredakteurin hat´s ausprobiert.....

Eva Haller und Maximilian Feldmann haben sich "mieten" lassen. Ich habe die Chance genutzt und sie alles gefragt, was ich immer schon mal über Juden wissen wollte.

„Rent a Jew“ – also: miete einen Juden. Über diesen Namen für ein Projekt bin ich in einer Pressemitteilung gestolpert. Darin ging es darum, dass eben jenes Projekt von der Bundeskanzlerin höchstpersönlich ausgezeichnet worden war und zwar mit dem Start-Social-Preis für Ehrenamt und sozialen Einsatz. Ich fand den Namen schon sehr respektlos und habe – wie neugierige Redakteurinnen das nun mal so machen - erstmal gegoogelt. Und bin dann auf die Homepage dieses Projekts gestoßen. Da kann man sich tatsächlich einen oder mehrere Juden mieten – natürlich nicht für irgendwelche Dinge, sondern, um sie alles zu fragen, was man immer schon mal über Juden wissen wollte. Trotzdem war es ein echt merkwürdiges Gefühl, auf der Homepage ein Formular auszufüllen und einen Juden zu beantragen. Ich hab´s trotzdem gemacht. Eine Woche später saßen Eva Haller und Maximilian Feldmann bei mir im Studio, als Interviewgäste für die Sendung Hauptsache Mensch im Münchner Kirchenradio.

Eva Haller ist verantwortlich für den provokativen Titel des Projekts.

Der Gründerin der Europäischen Janusz Korczak Akademie liegt Bildungsarbeit schon lange am Herzen. Sie selbst ist Tochter einer Ausschwitz-Überlebenden. „Meine Mutter hat mir gesagt, ein Rucksack voller Hass werde schwer zu tragen sein für mich. Und ich solle die Vergangenheit nicht vergessen, aber meinen Blick in die Zukunft werfen,“ erklärt sie ihren Ansatz. Zukunft, das heißt für sie, die Menschen heute miteinander bekannt zu machen. Maximilian Feldmann ist 28 Jahre alt, verheiratet, lebt in München und trägt Kippa.

Die beiden gehen zusammen in Schulklassen, Vereine oder Kirchengemeinden und lassen sich befragen. Die Idee dahinter ist, Juden einfach mal kennen zu lernen, also mit ihnen zu reden statt über sie. Rund 100 Juden unterschiedlichen Alters und mit ganz unterschiedlichen Biographien sind bundesweit unterwegs und lassen sich ausfragen über Schabbat, Kippa und Antisemitismus. Und das tun sie ehrenamtlich.

Und auch ich werde all meine Fragen los.

Maximilian Feldmann erzählt, dass er es schwierig gefunden hätte, eine Nicht-Jüdin zu heiraten, weil ihm die Pflege der jüdischen Tradition so wichtig sei. Denn: Wenn er den Schabbat feiern wolle – mit koscherem Essen und ohne elektrische Geräte – und seine Frau würde lieber auf eine Party gehen, dann sei das nun mal sehr kompliziert.

Wegen seiner Kippa habe er bisher noch keine negativen Erfahrungen gemacht. „Merkwürdig wird es nur, wenn die Leute drauf starren“. Er wünscht sich, dass man dann einfach mal nachfragt. Mit Respekt und auf Augenhöhe.

Wir lachen viel zusammen und stellen oft fest, dass die Religionen gar nicht so unterschiedlich sind. Der geheiligte Sonntag ist der Schabbat – mit ganz viel Familie und leckerem Essen und der Rosenkranz und der Gebetsriemen sind auch in ihrer Funktion ein bisschen ähnlich. Und wir alle finden es unmöglich, wenn solche Dinge aus modischen Dingen von Menschen getragen werden, denen die Religion egal ist.

Dieses Finden von Gemeinsamkeiten haben die beiden auch schon in vielen Schulklassen beobachtet. Vor allem, wenn muslimische Kinder da seien. Dann kämen oft Sätze wie: „Das gibt’s bei uns auch“. Oder: „Bei uns darf man kein Schwein essen. Was dürft ihr nicht essen?“

„Und am Ende,“ erzählt Eva Haller, „gehen alle mit leuchtenden Augen heim.“ Denn Menschen kennen zu lernen macht einfach viel mehr Spaß, als über sie zu reden.

Das ganze Gespräch mit Eva Haller und Maximilian Feldmann können Sie hier hören: mk-online.de/mensch

Die Autorin
Brigitte Strauß-Richters
Radio-Redaktion
b.strauss-richters@st-michaelsbund.de


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