Corona verstärkt Armut Rentner erhält das 20.000 Essen bei der Gemeinschaft Sant’Egidio

22.05.2021

In der Pandemie hat sich die Anzahl der Menschen verdreifacht, die sich am Wochenende bei der Mensa von der Gemeinschaft Sant’Egidio eine warme Mahlzeit holen. Die Ausgabe des 20.000. Essens ist daher auch ein deutliches Warnsignal für die wachsende Armut seit Beginn der Krise.

Mann umrahmt von zwei Damen
Rentner Ernst Schwab hat das 20.000 Essen der Gemeinschaft Sant’Egidio in Empfang nehmen dürfen. © Dr Andreas Heiss

München – Es gibt noch einiges zu tun: Nachdem die Helferinnen und Helfer von Sant’Egidio im gemeinsamen Plenum die Aufgaben besprochen und aufgeteilt haben, geht es noch für ein gemeinsames Gebet in die Kirche St. Sylvester in Alt-Schwabing, die direkt neben dem Englischen Garten liegt. Noch ein kurzes Innehalten bevor um 12 Uhr die Essensausgabe beginnt. Danach werden unten im Pfarrzentrum die heutigen Gerichte in hellblaue Taschen verpackt: Rinderbraten und Spinatknödel für die Vegetarier. Währenddessen sammeln sich langsam die ersten Menschen draußen vor der Tür. Ein geordnetes Gewusel: Jeder weiß, was zu tun ist, denn Corona verlangt einen geregelten Ablauf. An der Tür steht eine Helferin mit Desinfektionsspray, FF2-Masken und Wartenummern werden verteilt und reichlich Abstand gehalten. Alles ist ein bisschen wie immer, dennoch ist heute ein besonderer Tag, der ein wenig zum Feiern anmutet. Heute wird das seit Beginn der Pandemie 20.000. Essen ausgegeben.

Wachsende Armut in der Pandemie

 Mit reichlich Applaus darf der 78-jährige Ernst Schwab heute als Erster seine Essenstüte abholen. Dazu gibt es einen Blumenstrauß und eine Glückwunschkarte. Die geballte Aufmerksamkeit verunsichert den kleinen Herren zuerst, doch dann strahlt er bald bis über seine Maske hinaus. „Ich habe mich sehr gefreut“, erzählt der Rentner, der schon seit Jahren bei Sant’Egidio vorbeikommt. Bei all der Feierlichkeit kommt aber auch etwas anderes zutage: Die wachsende Armut in der Pandemie. Seit Beginn der Corona-Krise hat sich die Anzahl der Menschen, die bei Sant’Egidio Hilfe gesucht hat von 100 auf 300 erhöht, sodass das durch Spenden finanzierte Essen nun anstatt nur samstags auch sonntags ausgegeben wird. „Viele sind ganz neu in die Armut gefallen“, erzählt Sant’Egidios Leiterin Ursula Kalb. Sie beobachtet, dass vor allem Menschen aus prekären Beschäftigungsverhältnissen während der Pandemie arbeitslos geworden sind und ihre Wohnung verloren haben. Außerdem würden auch mehr ältere Menschen mit Migrationshintergrund vorbeikommen.

„Der Helferstamm ist bunter geworden“

Wenn mitten im reichen Schwabing am Wochenende die Menschen für eine kostenlose Mahlzeit anstehen, dann macht das auch etwas mit den Bewohnern dort, die meist gar keinen Kontakt zu der Armut in der Stadt haben. Ursula Kalb hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht: „Viele helfen nicht nur finanziell, sondern wollen auch bei der Essensausgabe mitanpacken, um auch ein bisschen demütiger in Bezug auf ihr eigenes Leben zu werden.“ Da vor allem in der Krise mehr Menschen Hilfe brauchen, sind auch mehr Menschen zum Helfen gekommen. Mittlerweile sind mehr als 150 freiwillige Helfer bei der Mensa von Sant’Egidio registriert. „Der Helferstamm hat sich seit der Pandemie verändert“, erzählt Judith Hahn, die schon seit sechs Jahren ehrenamtlich die Arbeit von Sant’Egidio unterstützt. Vorher seien überwiegend Ältere und wenig Jüngere dabei gewesen. Nun sei das anders: „Viele Leute haben die Menschen draußen in der Schlange gesehen und dann ihre Hilfe angeboten. Es sind daraufhin viel mehr geworden und so ist auch der Helferstamm viel bunter geworden.“

Eine große Familie

Bei Sant’Egidio geht es seit jeher nicht nur um die Essensausgabe, sondern auch um den persönlichen Kontakt, um die Gemeinschaft und die Freundschaft zwischen Bedürftigen und Helfenden. Doch auch das ist seit Beginn der Pandemie schwieriger geworden. Dennoch wird darauf geachtet, dass niemand vergessen wird oder allein bleibt. „Wer möchte, kann seine Kontaktdaten dalassen. Und wenn jemand lange nicht kommt, dann rufen wir an und fragen nach, ob alles in Ordnung ist“, erzählt Ursula Kalb und man merkt, dass es ihr bei dieser Arbeit nicht nur um das Helfen geht, sondern ganz selbstverständlich um ein Miteinander auf Augenhöhe. Während die Essensausgabe nun im vollen Gange ist, besteht Ernst Schwab darauf sich mit „der Ursula“ nochmal für ein Foto mit seinem Blumenstrauß knipsen zu lassen. Sie nimmt ihn herzlich in den Arm und beide strahlen trotz Maske in die Kamera. Drumherum geht das Gewusel weiter und man weiß am Ende gar nicht genau, wer jetzt hilft oder wem geholfen wird. Und das ist bei einer so großen Familie auch gar nicht so wichtig: Man ist füreinander da. (Eileen Kelpe, Volontärin beim Sankt Michaelsbund)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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