Zur Instruktion der Kleruskongregation Richtschnur für geltendes Kirchenrecht

11.08.2020

„Ein Papier der Hilflosigkeit“, „realitätsfern“ – „Rolle rückwärts“ - Die Kritik an der Instruktion zur pastoralen Umkehr der Pfarreien war groß. Kirchenrechtler Prof. Dr. Stephan Haering von der LMU München haben die Reaktionen überrascht.

Der Codex Iuris Canonici - das Gesetztbuch des Kirchenrechts
Der Codex Iuris Canonici ist das Gesetzbuch des Kirchenrechts. © SMB/Kerscher

mk online: Die Veröffentlichung der Instruktion der Kleruskongregation hat für viel Aufsehen in Deutschland gesorgt. Viel Kritik wurde laut. War diese , Ihrer Meinung  nach, gerechtfertigt?

Prof. Dr. Stephan Haering: Ich war etwas überrascht, dass kritische Stimmen laut geworden sind. Ich konnte mich zunächst nicht mit dem Dokument befassen. Aber nachdem ich es gelesen hatte, musste ich feststellen: Es veranschaulicht die Bestimmungen des allgemeinen kirchlichen Rechts. Das Dokument beinhaltet nichts Neues. Die Instruktion setzt insoweit einen Akzent, dass die missionarische Funktion der Pfarrei besonders hervorgehoben wird.

Inwiefern ist eine solche Instruktion bindend?

Haering: Eine Instruktion hat einen speziellen rechtlichen Charakter. Sie ist eine Anweisung an diejenigen, die rechtliche Bestimmungen anzuwenden haben.  Die Instruktion gibt ihnen eine Richtschnur, wie das zu geschehen hat. Das heißt: Die Instruktion ist kein allgemeines Gesetz, das für Sie und mich gilt. Vielmehr ist sie eine Handlungsanweisung für diejenigen die eine partikulare Ordnungen schaffen wie ein Gesetzgeber auf diözesaner Ebene, oder auch diejenigen, die berechtigt sind, Verwaltungsverordnungen zu erlassen. Diese müssen sich an den Inhalten der Instruktion orientieren. Die Instruktion schafft - wie gesagt -  kein neues Recht. Sie gibt Klarstellungen im Hinblick auf die Anwendungen geltenden Rechts.

Viele Bischöfe in Deutschland haben das Dokument kritisiert. Welche Möglichkeiten haben denn die Ortsbischöfe, sich gegen eine solche Instruktion zu stellen?

Haering: Die Instruktion, die vom Apostolischen Stuhl kommt, beinhaltet zunächst einmal geltendes Recht. Man kann Einwände erheben, wenn man das für unangemessen oder für nicht praktikabel hält. Vielleicht ist manches aus praktischen Gründen gar nicht anwendbar: Niemand kann zum Unmöglichen verpflichtet werden. Es besteht die Möglichkeit, sich an den Apostolischen Stuhl zu wenden und die Gründe, die dagegen sprechen, zu nennen.

Jetzt haben wir zunächst formal über die Instruktion gesprochen. Wenn wir uns nun dem Inhalt zuwenden. Was ist für Sie die Kernaussage dieses Schreibens?

Haering: Die Kernaussage des Schreibens besteht wohl schon darin, dass der missionarische Akzent bei allen kirchlichen Strukturdebatten nicht aus dem Blick geraten darf. Das ist das Besondere an diesem Dokument. Dann betont das Schreiben natürlich auch die sakramentale Struktur der Kirche und den Gedanken, dass der die Leitung wahrnimmt, der sakramental dazu befähigt ist. Das droht, in der Diskussion bei uns ein bisschen aus dem Blick zu geraten. Das heißt nicht, dass Leitung ausschließlich von Klerikern - von Priestern und Bischöfen -  ausgeübt werden darf. Es können auch andere Gläubige daran beteiligt werden. Aber ohne diesen sakramentalen Rückhalt von Leitung geht es eben nicht.

Können Sie darauf noch ein bisschen mehr eingehen und erklären, warum es in der katholischen Kirche so existenziell ist, dass ein Pfarrer an der Spitze der Pfarrei steht?

Haering: In der Pfarrei wird – gewissermaßen -  in der kleinsten Form abgebildet, was Kirche ist. Sie wird immer wieder von Neuem gebildet – vor allem durch die Eucharistiefeier. Die Enzyklika „Ecclesia de eucharistia“ von Johannes Paul II. aus dem Jahr 2003 hat diesen Gedanken theologisch breit entfaltet. Und auch das 2. Vatikanische Konzil bringt das sehr deutlich zum Ausdruck. Die Feier der Eucharistie braucht den Priester, der dort den Vorsteherdienst übernimmt. Er verkörpert den unsichtbaren Herrn Jesus Christus und macht auf diese Weise sichtbar, wer der wahre Leiter der Kirche ist. Das muss auch in den pfarrlichen Strukturen abgebildet werden. Es kann keine kirchliche Struktur geben, die von der Eucharistie losgelöst ist.

In Deutschland werden zurzeit viele Ideen zur Zukunft von Pfarreien entwickelt und bereits umgesetzt. Im Erzbistum München und Freising gibt es bereits Pfarreien, die von Teams aus Haupt-und Ehrenamtlichen geleitet werden. Ist die Umsetzung solcher Ideen von geltendem Kirchenrecht gedeckt?

Haering: Ich denke schon. Denn der Gedanke, dass Kirche von der Eucharistie her aufgebaut ist, wird auch bei den Strukturreformen zumindest grundsätzlich nicht in Frage gestellt. Und es liegt auf der Hand, dass derjenige, der an der Spitze steht, auch Unterstützung braucht. Im Codex Iuris Canonici (Anmerkung der Redaktion: Das Gesetzbuch des Kirchenrechts) werden in can. 528 und can. 529 die Amtsaufgaben des Pfarrers definiert. Dort ist bestimmt, dass der Pfarrer alle zur Mitarbeit heranziehen soll. Und weiter: Die Pfarrei ist nicht das persönliche Unternehmen des Pfarrers.  Sondern aller Gläubigen, die dazu gehören und die Verantwortung übernehmen.

Ein Mitglied aus einem Leitungsteam liest aus der Instruktion die Angst der Autoren, Macht zu verlieren. Sehen Sie es auch so?

Haering: Nein. Im Mittelalter hat man gesagt „Der Laie ist der natürliche Feind des Klerikers“. Damit wurde darauf angespielt, dass die weltlichen Großen sich der Kirche bemächtigt haben, um diese für ihre Zwecke einzuspannen. Davon sind wir heute weit entfernt.  Der Laie ist nicht der natürliche Feind des Klerikers oder umgekehrt. Wir sind von der „Communio“ des 2. Vatikanischen Konzils bestimmt: Das Gottesvolk trägt in der Gemeinschaft den Sendungsauftrag. Dabei gibt es aber Unterschiede, die mit der sakramentalen Struktur der Kirche zusammenhängen. Das Schlagwort „Klerikalismus“, das im Zusammenhang mit der Instruktion verwendet wurde, halte ich für unangebracht. Darum geht es nicht. Es geht um den Aufbau der Pfarrei mit den Kräften aller Gläubigen, die dazugehören. Der missionarische Gedanke ist der besondere Akzent der Instruktion. Gerade in einer Zeit, in der das Christentum in unseren westlichen Ländern in einem Rückzug zu sein scheint und die Zahl der Gläubigen abnimmt, ist der missionarische Impuls besonders wichtig. (Das Interview führte Katharina Sichla, Teamleiterin mk online)

Die Instruktion der Kleruskongregation trägt den Titel "Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche". Das Schreiben können Sie hier nachlesen.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Priester

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