Angebot der Seniorenpastoral Rikscha-Pioniere im Englischen Garten

11.06.2019

Damit ältere gehbehinderte Menschen die Verbindung zu ihrer Umwelt nicht verlieren, verleiht die Münchner Erzdiözese eine Rikscha, in der Senioren spazieren gefahren werden können. Zu Pfingsten war Jungfernfahrt.

Unterwegs mit fast 170 Jahren Lebenserfahrung: Helga Lengfeld und Elfriede Manz bei der Jungfernfahrt der Seniorenrikscha. © Kiderle/SMB

München - Elfriede Manz hat kein bisschen Bammel davor, sich zum ersten Mal im Leben mit einer Rikscha kutschieren zu lassen. „Wird schon gehen“, sagt die 85jährige, „bin ja selber auch Radl gefahren und weiß, auf was ich mich einlass´“. Helga Lengfeld ist ein Jahr jünger, aber etwas vorsichtiger: „Wenn ich höre, dass das ein Elektrofahrrad ist – die haben ja ein ganz schönes Tempo.“ Sie vertraut aber darauf, dass im Englischen Garten kein Autoverkehr zugelassen ist, „da werden wir wohl keine Probleme bekommen“. Der Englische Garten – er ist das Ziel einer Jungfernfahrt: zum ersten Mal ist die von der Seniorenpastoral des Erzbischöflichen Ordinariats angeschaffte Rikscha mit Fahrgästen unterwegs. Die Pfarrei Sankt Anna im Münchner Stadtteil Lehel hat sie sich für ein Jahr ausgeliehen, um sie in ihrer Seniorenarbeit einzusetzen und die beiden Damen haben sich überzeugen lassen, die Rikscha zu erproben.

Mit Segen und Christopherusplakette

Die steht jetzt im großen Garten der Franziskaner, die für die Seelsorge zuständig sind, würdig geschmückt mit zwei Bänderschleifen in den Kirchenfarben Weiß und Gelb. Gerade hat der Pfarrer von Sankt Anna das dreiräderige Gefährt, inklusive einer Christopherusplakette und einem kleinen Schutzengelanhänger gesegnet. „Das ist gar nicht so einfach, denn für eine Rikscha gibt es im Benediktionale (Segensbuch der Kirche) keinen Text.“ Darum improvisiert Pater Hans Georg Löffler ein wenig. Er hilft noch mit das Fußteil der Rikscha abzusenken, damit Frau Lengfeld und Frau Manz leichter einsteigen können. Und dann kommt die Sache ins Rollen. Der Elektromotor hilft beim Anfahren und die beiden Fahrgäste, die sich im Viertel ja auskennen, leiten den Piloten gleich auf abenteuerliche und enge Wege und fürchten sich auch nicht vor den Trambahnschienen, an denen sie die Rikscha entlanglotsen.

Flotte Fahrt

Ruckzuck ist der Englische Garten schon nach zwei drei Minuten erreicht. „Ich war da schon seit ungefähr fünf Jahren nicht mehr“, sagt Frau Manz, obwohl sie keine zweihundert Meter Luftlinie entfernt wohnt und sogar noch jeden Tag in ihrem Ladengeschäft zu finden ist. Aber längere Wege zu Fuß sind ihr zu beschwerlich „und um selbst aufs Rad zu steigen, fühl´ ich mich nicht mehr sicher genug“. Frau Lengfeld nickt: „Die alltäglichen kurzen Wege gehen, das funktioniert, aber weiter ist es dann doch mühselig.“ Sie genießt das frische Grün im Englischen Garten, den Chinesischen Turm und den blauen Himmel, „in den ich schauen kann, ohne dass ich auf den Weg achten muss“. Die beiden Damen kommen ins Plaudern: Elfriede Manz erzählt, wie sie mit ihren Kindern im Eisbach zum Schwimmen gegangen ist und deutet auf die Stelle, an der sie ins Wasser gestiegen sind. Heute steht an der Stelle ein Schild „Baden verboten. Lebensgefahr“. Der Eisbach sei damals aber noch nicht ganz so reißend gewesen, versichert sie. Die gebürtige Münchnerin wohnt seit fast 57 Jahren im Viertel, hat miterlebt, wie hier die klassisch gewordenen „Münchner Gschichten“ mit Therese Giehse gedreht worden sind.

Zufriedene Fahrgäste

Helga Lengfeld stammt dagegen aus dem Rheinland, ist erst im höheren Alter zu ihren Kindern und Enkeln in die Bayerische Landeshauptstadt gezogen und hilft in der Pfarrei noch bei der Sakristeiarbeit mit: „Da muss ich halt nicht viel gehen“. Die Zeit in der Rikscha vergeht beiden wie im Flug. Sogar eine kurze Holperstrecke über Kopfsteinpflaster kann ihnen das Vergnügen nicht rauben, fröhlich winken sie Bekannten und Kindern zu, an denen sie vorbei kommen und am Ziel sind sie „sehr zufrieden“. Frau Manz schwärmt von der „Brise im Englischen Garten und dass ich den Eisbach wieder einmal gesehen habe.“ Und als Frau Lengfeld aussteigt sagt sie nur: „Es war eine wunderbare Erfahrung, so spazieren gefahren zu werden.“ Einig sind sie sich auch darin, dass die Seniorenarbeit in der Pfarrei von der Rikscha profitieren kann.

Seelsorge kommt in Fahrt

„Da wollen wir mehr und neue Angebote machen“, erklärt Pfarrgemeinderatsvorsitzende Marianne Motsch. Darum haben sie und die Gremien in Sankt Anna die Rikscha ins Lehel geholt. Sie versprechen sich von der Rikscha, „dass Leute, die sonst nicht so schnell wegkommen von zuhause, ein bisschen ihre vier Wände verlassen.“ Von den ersten Passagieren fühlt sich da schon einmal bestätigt. Beim kommenden Pfarrfest will sie um ehrenamtliche Rikschapiloten werben, denen es Freude macht, für andere in die Pedale zu treten. Der schon existierende Seniorenbesuchsdienst der Pfarrei soll die Fahrten dann koordinieren. Zwei Freiwillige hätten sich schon gemeldet und vielleicht seien auch unter jungen Erwachsenen im Stadtteil ein paar Pedalhelden zu finden. Ein weiterer Interessent ist bei der Segnung hinzugekommen. Pater Hans Georg Löffler hat das Fahrzeug so überzeugt, dass er selbst an einen Rikschakurs denkt. „Dann könnte ich bei Touren im Englischen Garten sogar Beichten abnehmen“, meint er scherzhaft. In jedem Fall entsteht beim Rikschafahren eine entspannte Atmosphäre. Die bringt bestimmt auch persönliche und seelsorgerliche Gespräche in Fahrt.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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