Besonderes Ehrenamt Rikschapilot im Selbstversuch

23.04.2019

Die Erzdiözese München und Freising hat eine Fahrradrikscha für die Seniorenpastoral gekauft. Wer sie steuern will, braucht dazu einen Führerschein.

Noch zwei Fahrstunden, dann haben sie einen Führerschein für die "Bavaria One" des Erzbischöflichen Ordinariats: Adelheid Widmann von der Seniorenpastoral und Alois Bierl vom Sankt Michaelsbund.
Noch zwei Fahrstunden, dann haben sie einen Führerschein für die "Bavaria One" des Erzbischöflichen Ordinariats: Adelheid Widmann von der Seniorenpastoral und Alois Bierl vom Sankt Michaelsbund. © SMB/Kerscher

München – Im Hintergrund steht die mächtige Figur der Bavaria. Und auf der öden Asphalt- und Schotterfläche der Theresienwiese steht sozusagen die „Bavaria One“ des Erzbischöflichen Ordinariats, eine fesche Fahrradrikscha. Sie soll zwar nicht wie das von Ministerpräsident Markus Söder geplante Raumschiff gleichen Namens das Weltall erobern, sondern fest auf dem Boden bleiben. Dafür stößt die „Bavaria One“ des Ordinariats in neue Bereiche der Seelsorge vor.

Gründliches Fahrtraining

Adelheid Widmann von der Seniorenpastoral des Erzbistums hat die dreirädrige Rikscha für 7.500 Euro angeschafft. Pfarreien können sie für mehrere Monate ausleihen. Dort sollen dann ehrenamtliche Rikschapiloten kleine Ausflüge für Senioren anbieten. „Wir hoffen, damit Interessenten für einen ungewöhnlichen kirchlichen Freiwilligendienst zu gewinnen und alte Menschen aus ihren eigenen vier Wänden oder Heimen herauszuholen.“ Vorher will Widmann die Rikscha aber gründlich kennenlernen und einen Führerschein dafür machen, um das Fahrzeug kompetent vorstellen zu können. Als Reporter der Münchner Kirchenzeitung darf ich auf der Theresienwiese dabei sein, um die kirchliche „Bavaria One“ im Selbstversuch zu testen.

Vorsicht vor Geschwindigkeitsräuschen

Unsere Fahrlehrerin ist Cornelia Stefan. Sie hat mit psychisch erkrankten Senioren gearbeitet und mit ihnen therapeutische Ausflüge in einer Rikscha unternommen. „Das löst Blockaden“, weiß die erfahrene Pilotin. Das Erste, was wir von ihr lernen, ist: Wer eine Rikscha durch den Straßenverkehr steuern will, muss einen Führerschein der Klasse B haben. Zweitens: Steht die Rikscha, werden mit einem Druckknopf immer die Bremsen festgestellt. „Wenn Ihnen nämlich das 80 Kilo schwere Gerät davonrollt, dann haben sie auch ohne Passagiere Probleme, es wieder zu stoppen.“

Zwei Fahrgäste können vorne Platz nehmen, die Fußstütze lässt sich sogar nach unten klappen, damit der Einstieg leichter fällt. Die Passagiere haben einen Rundumblick und können die Fahrt wie ein Naturkino erleben. Die Rikscha hat einen Elektromotor, damit konditionsschwächere Fahrer nicht von vornherein ausscheiden. Der ist allerdings auch verführerisch, weil er ein ziemliches Tempo erlaubt. „Sie sind zu schnell“, ermahnt mich die Fahrlehrerin, weil ich den Hilfsmotor allzu forsch einsetze: „Die Senioren wollen gemütlich unterwegs sein und keinen Geschwindigkeitsrausch.“

Bewährungsprobe Paul-Heyse-Unterführung

Adelheid Widmann gelingt es deutlich besser, ein niedriges Tempo zu halten. Der Elektromotor soll vor allem beim Anfahren, etwa an Ampeln, oder bei Steigungen eingesetzt werden. Wer sich aber nur auf ihn verlässt und ganz wenig tritt, läuft Gefahr, dass sich der Akku schnell verbraucht. Vorsicht ist beim Abbiegen und beim Wenden geboten! Denn die Rikscha hat einen beachtlichen Wendekreis. Geübte Piloten greifen dann um, legen beide Hände an das rechte oder linke Ende des etwa einen Meter langen Lenkers, um den Hebelweg zu verkürzen.

Nach zwei Stunden trauen wir uns aber schon, ein paar Slaloms zu fahren und uns gegenseitig als Passagiere an Bord zu nehmen. Adelheid Widmann schwärmt vom bequemen Mitfahrersitz und sagt, „dass sie jetzt schnell alt werden will“, um sich dann ganz oft in ihrer Pfarrei mit der Rikscha kutschieren zu lassen. In München ist die Pfarrei St. Anna bereits für einen ersten Versuch gewonnen. Dort werden in den nächsten Wochen Infokarten für Menschen ausgelegt, die sich einen solchen ehrenamtlichn Fahrdienst vorstellen können.

Mit Senioren plaudern

Natürlich dürfen die Pedalhelden keine Rowdys sein. „Dafür braucht es schon Menschen mit Einfühlungsvermögen, die mit den Senioren auch ein bisschen ins Plaudern kommen“, erklärt Fahrlehrerin Cornelia Stefan. Auch das checkt sie bei ihren Fahrprüfungen ab, an deren Ende sie sogar ein kleines Zertifikat vergibt. Das erhalten wir beiden Fahrschüler auf der Theresienwiese noch nicht. „Vorher müssen Sie noch auf der Straße und durch die Paul-Heyse-Unterführung am Hauptbahnhof fahren.“ Das bekommen wir dann in der nächsten zweistündigen Einheit beigebracht.

Wer sich für die Fahrradrikscha interessiert, ob als Pfarrei oder ehrenamtlicher Helfer, kann sich per Mail an Adelheid Widmann von der Seniorenpastroal im Erzbischöflichen Ordinariat in München wenden.

Audio

Zum Nachhören

Rikscha-Reportage im Münchner Kirchenradio Teil 1

Audio

Zum Nachhören

Rikscha-Reportage im Münchner Kirchenradio Teil 2

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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