Ausstellung im Münchner Künstlerhaus Salvador Dalís fantastische Bibel-Farbgrafiken

24.07.2017

Mit den Bibel-Illustrationen hat Salvador Dalí ein persönliches Glaubensbekenntnis abgelegt. Die Druckfolge ist erstmals im Münchner Künstlerhaus zu sehen.

Salvador Dalís "Die blaue Madonna"
Salvador Dalís "Die blaue Madonna" © Kunstkontor Bamberg

München – Hier spielt sich gerade ein dramatischer Entstehungsprozess ab: Aus einer Explosion in Rot schießen Strahlen empor, die in planetenhafte Gebilde münden, und eine kreisförmige Linie deutet die neu sich bildende Erde an, auf der sich bereits die Umrisse dreier menschlicher Gestalten abzeichnen. Wie ein kosmisches Ereignis stellt Salvador Dalí (1904–1989) die Erschaffung des Himmels und der Erde sowie des Menschen aus dem Chaos dar. Auf einem anderen Blatt von ihm hebt Gott als universaler Schöpfer seine Arme wie ein Dirigent empor, um die Elemente zu ordnen: Blau für den Himmel, in dem er selber schwebt, und Braun für die Erde, in der schon Muscheln und kriechende Lebewesen zu erkennen sind.

Solche Interpretationsversuche von Blättern aus Dalís Bibelillustrationen deuten bereits an, dass diese sich dem flüchtigen Betrachter kaum erschließen. Er muss schon Einiges an biblischem Wissen und die Bereitschaft zur vertiefenden Auseinandersetzung mitbringen, sonst bleibt er bei der Bewunderung für Dalís kreativen Einfallsreichtum und dessen unerschöpfliche Fantasie. Formal und stilistisch sind die Blätter höchst unterschiedlich gestaltet, als bunter Stil-Mix, bei dem aber durchaus das Mystische, Verschlüsselte, Rätselhafte überwiegt (das ja zu seinem Markenzeichen wurde). Die insgesamt 105 Illustrationen zur „Biblia Sacra“ (63 zum Alten Testament und 42 zum Neuen Testament) hat Dalí in den Jahren 1963 bis 1965 geschaffen. Die Grafiken, die nach seinen Aquarellen und Zeichnungen entstanden sind, stellen eine einzigartige Kombination von Farbmischtechnik- Lithographien dar, unter anderem mit der Anwendung von Lacken und metallischen Farben.

Dali hat Botschaft der Bibel verstanden

Die aus der Sammlung von Richard H. Mayer/Kunstkontor Bamberg stammende Druckfolge ist so noch nie gezeigt worden, derzeit aber vollständig in den Erdgeschoss-Räumen des Münchner Künstlerhauses zu sehen. Man greift sicher nicht zu hoch, wenn man Dalís Farbgrafiken zum Alten und Neuen Testament als bedeutendste Bibel-Illustration des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Zu Recht gelten sie als farbexplosives Jahrhundertwerk, das an Genialität und künstlerisch- handwerklichem Können alles Bekannte in den Schatten stellt. Dazu beauftragt hatte ihn der fromme Turiner Giuseppe Albaretto, der eng mit ihm befreundet war. 1967 wurde dann eine Gesamtauflage von 1.797 Druckfolgen auf Spezialpapier mit Wasserzeichen für die fünfbändige und leder- gebundene Ausgabe gedruckt.

Dalí muss für sein Werk die Bibel sehr gründlich studiert haben, denn er hat, wie Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg bei der Eröffnung der Ausstellung konstatierte, „die Botschaft der Bibel voll verstanden und ihre Kernaussagen in eine neue Kunstsprache übersetzt“. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass Dalí zu Beginn seiner Surrealisten-Laufbahn eher antireligiös eingestellt war. Sein Vater war Atheist, aber von seiner Mutter war er katholisch erzogen worden. Doch erst nach seiner Rückkehr aus den USA (er lebte dort von 1940 bis 1948) hatte er eine Art persönliches Erweckungserlebnis, das ihn zum katholischen Glauben konvertieren ließ – inklusive einer Privataudienz beim Papst in Rom.

Unser Autor Karl Prestele bietet eine exklusive Führung durch die Dalí-Ausstellung an. Termin: Donnerstag, 3. August, um 10.30 Uhr. Kosten: ermäßigter Eintritt 7 Euro plus Führung 10 Euro. Baldige Anmeldung per E-Mail unter c.h.prestele@gmx.de Die Teilnehmerzahl ist auf 20 Personen beschränkt.

Mit den 15 Jahre später entstandenen Bibel-Illustrationen hat er dann, wenn man so will, ein ganz persönliches Glaubensbekenntnis abgelegt, indem er eine tief religiöse Seite in sich entdeckte und dafür surreale, traumhafte Bilder gefunden hat. Diese zu entschlüsseln und darin die biblischen Botschaften aufzuspüren, ist so spannend wie ein Krimi. Jeder Betrachter kann in sie seine individuellen Glaubenserfahrungen hineininterpretieren, denn sie sind von der Form und Aussage her offen.

Deshalb war es eine gute Idee der Veranstalter, drei kirchliche Vertreter einzuladen, sich im Vorfeld jeweils drei Bilder von Dalí auszusuchen, die sie dann bei der Vernissage persönlich deuteten. Die evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler hatte sich dabei für die Bergpredigt, Jesus im Garten von Gethsemane und den Auferstandenen mit Maria Magdalena entschieden. Rabbiner Tom Kucera von der liberalen jüdischen Gemeinde München hatte den Stammvater Abraham, den Tanz ums Goldene Kalb und „Jeremia prophezeit gegen König Jojachin“ gewählt. Und Weihbischof zu Stolberg hat zum Blatt „Der brennende Dornbusch“ eine sehr persönliche Beziehung, denn dieser ist auch auf seinem Primizkelch abgebildet. Bei Dalí fängt nicht der Dornbusch Feuer, sondern der vom Göttlichen ergriffene Mensch (Moses). Das zweite vom Weihbischof ausgesuchte Blatt zeigt Johannes den Täufer als Knaben, der mit dem Kreuzesstab in den Händen jenem einen Weg durchs Dickicht bereitet, der nach ihm kommen soll. Und zu Stolbergs drittes Lieblingsblatt stellt die Einsetzung der Eucharistie beim letzten Abendmahl dar: Im Hintergrund Jesus als Rötelzeichnung in der Art des Leonardo da Vinci dargestellt, im Vordergrund explodiert ein Farbklecks, der mit seinem Gold nicht von ungefähr an eine Monstranz erinnert. (Karl Prestele/freier Kulturjournalist)

Die Schau ist bis Sonntag, 3. September, im Münchner Künstlerhaus am Lenbachplatz zu sehen, täglich von10 bis 19 Uhr, montags bis 22 Uhr.


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