Islamischer Bestattungsritus erlaubt Sargpflicht in Bayern abgeschafft

30.04.2021

Warum werden am Münchner Westfriedhof lebensgroße Kunststoffpuppen in Leinentüchern vergraben? Die Abschaffung der Sargpflicht birgt noch einige Fragen, aber auch Chancen für Integration und Individualität.

Blumen auf einem Sarg
Ohne Sargpflicht können Menschen in Zukunft auch in Leinentüchern begraben werden. © valeggio2000 - stock.adobe.com

München – Nach jahrelangem politischen Ringen wurde zum 1. April in Bayern die Sargpflicht abgeschafft. Damit ist es Menschen muslimischen Glaubens nun möglich, sich gemäß ihren religiösen Riten in einem Leinentuch bestatten zu lassen. Salih Güler vom Islamischen Bestattungsdienst München, dem größten islamischen Bestattungsinstitut Bayerns, begrüßt die Abschaffung der Sargpflicht. Er ist bundesweit tätig und freut sich darüber, dass nun auch in Bayern die Bestattungen so durchgeführt werden können wie in der Heimat der Verstorbenen. Schließlich seien Muslime schon seit Generationen in Deutschland, hätten sich hier eingelebt und fühlten sich heimisch. Deshalb solle ihnen die Beisetzung zustehen, die in der Heimat üblich sei, meint Güler.

Islamische Bestattungstradition

Der muslimischen Bestattung geht stets die rituelle Waschung des Leichnams voraus, bei der Männer von Männern und Frauen von Frauen gewaschen werden. Dann wird der Tote in weiße Leinentücher gewickelt (bei Männern dreiteilig, bei Frauen fünfteilig). Nach der Waschung und vor der Bestattung muss ein islamisches Totengebet gesprochen werden. Bei der Beisetzung wird die rechte Seite des Leichnams nach Mekka ausgerichtet.

Wenn ein Sarg verwendet wird, dient dieser nur als Transportmittel für den Leichnam. Der Sarg wird dann am Grab geöffnet und der Leichnam ins Grab gelegt. „Einen Sarg als Vorzeigestück für die Angehörigen zu verwenden, ist nicht im Sinne des Islams. Dieses Herzeigen bringt den Verstorbenen nichts. Der Leichnam sollte im Vordergrund stehen“, ist der erfahrene islamische Bestatter überzeugt. Seiner Ansicht nach sollten Leichen nicht nur im Islam, sondern auch im Christen- und im Judentum auf diese Weise beerdigt werden, denn: „Wir kommen aus der Erde und gehen zur Erde zurück.“ Die Kosten für eine muslimische Bestattung belaufen sich laut Güler auf 1.500 Euro.

Probebeisetzungen mit Kunststoffpuppen

Beim Münchner Bestatter Alexander Schmid sind noch keine Anfragen zur neuen Bestattungsform eingegangen, doch er hält sie für eine „ganz schwierige Angelegenheit für unsere Zunft“, schließlich sei die Leinentuchbestattung nicht in der abendländischen Kultur verankert. Schmid fordert konkrete Richtlinien dafür, wie etwa im Krematorium verfahren und die Verstorbenen gelagert und eingeäschert werden sollen.

Das städtische Gesundheitsreferat nahm auf dem Münchner Westfriedhof bereits Probebeisetzungen vor – mit lebensgroßen Kunststoffpuppen. Dabei ging es um weitere ganz praktische Fragen zur Durchführung einer Leinentuchbestattung: Welche Platzverhältnisse sind für Erdbestattungen ohne Sarg am besten geeignet? Was ist beim Arbeitsschutz zu beachten?

All diese Details sollen zeitnah in weiteren Gesprächen mit Bestattern und Vertretern von Religionsgemeinschaften geklärt werden. Nach einer entsprechenden Änderung der Friedhofssatzung sollen dann die ersten sarglosen Erdbestattungen auf dem Westfriedhof stattfinden.

Sargpflicht erst seit dem 18. Jahrhundert

Auch der Katholische Bestattungsdienst der Erzdiözese München und Freising sieht die neuen Beschlüsse gelassen. Der zentrale Ansprechpartner in der Seelsorgsregion München für die Städtische Friedhofsverwaltung und Bestattungsinstitute, aber auch für Angehörige bietet pastorale und seelsorgliche Begleitung über die Bestattung hinaus an. Leiterin Heidrun Oberleitner-Reitinger macht deutlich, dass aus christlicher Sicht nichts gegen die Abschaffung der Sargpflicht spreche, zumal diese erst seit dem 18. Jahrhundert gegolten habe.

Im Mittelalter wurde jahrhundertelang ohne und erst ab der Reformation mit Sarg bestattet. Begründet wurde die später beschlossene Sargpflicht damit, dass die Verstorbenen mindestens 48 Stunden aufgebahrt werden mussten. Damit sollte sichergestellt werden, dass sie auf keinen Fall scheintot waren. Aufgrund des dabei jedoch einsetzenden Verwesungsprozesses wurde der Sarg in den Leichenhäusern vor allem auch aus hygienischen Gründen eingesetzt.

Trend zur Individualität

Oberleitner-Reitinger befürchtet durch die aufgehobene Sargpflicht keine direkten Auswirkungen auf die Trauerbewältigung der Angehörigen. Wichtig sei es, ob mit oder ohne Sarg, sich von dem Verstorbenen zu verabschieden und ihn, soweit möglich, auch noch einmal zu berühren, um sich den Tod wirklich bewusstzumachen. „Es könnte sein, dass manche eine Tuch- als Alternative zur Sargbestattung anstreben, eventuell auch aus finanziellen Gründen. Aber es ist nicht zu erwarten, dass die große Masse diese Form der Bestattung will“, glaubt Oberleitner-Reitinger. Die Theologin und Trauerbegleiterin beobachtet, dass Bestattungen immer individueller auf die Wünsche des Verstorbenen und seiner Angehörigen zugeschnitten werden. Auch Katholiken wünschten sich mittlerweile alternative Bestattungen, beispielsweise in einem Friedwald. Diese seien aber noch in der Minderheit. (Maximilian Lemli, Volontär beim Michaelsbund.)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Tod und Sterben

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