Bayerisches Traditionsspiel Schafkopfkurs in der Bücherei

22.10.2019

In der katholischen öffentlichen Bücherei im oberbayerischen Perach wird zurzeit jeden Samstag geklärt, ob man besser mit der "Alten" oder der "Blauen" spielt.

Traumblatt für ein Solospiel - Jonas Hansbauer lernt Schafkopfen. © SMB/Bierl

Perach am Inn - „Die Alte“ oder „de Oide“, wie sie in Perach heißt, wird an diesem Nachmittag oft gesucht. Mit „der Blauen“ will sich dagegen kaum jemand einlassen. Aber das kann sich am nächsten Wochenende schon wieder ändern. Dann wird im Bürgerhaus der 1200-Seelen-Gemeinde bei Neuötting wieder Schafkopf geübt. Bereits zum zweiten Mal lädt die katholische öffentliche Bücherei zu einem sechsteiligen Kurs ein, damit Kinder, Familien und Senioren das Kartenspiel lernen. Eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung, denn das Schafkopfen gehört zu Bayern wie Weißwürste oder Obazda und es werden immer weniger die es beherrschen, die wissen, dass „die Blaue“ das Gras-Ass bezeichnet und „de Oide“ das Eichel-Ass. Zumindest beobachtet das Thomas Eder, der an diesem Wochenende als Trainer ins Bürgerhaus gekommen ist: „Wenn beim Feuerwehrfest noch ein paar Tische gemütlich Schafkopfen wollen, dann fehlen uns die Spieler“, sagt er. Dagegen will er etwas tun, hat sich neben den neunjährigen Linus gesetzt und hilft ihm seine Karten zu ordnen. Unter anderem hat er zwei Ober und einen Unter auf der Hand und drei Herzkarten. Mit angespannter Miene steckt Linus diese Karten hintereinander und kündigt ein „Sauspiel“ mit „da Oidn“ an, das heißt er sucht einen Partner und der muss das Eichel-Ass in seinem Blatt haben. Später wird er sogar ein Solo wagen, also allein gegen die anderen drei Mitspieler antreten. Da bekommt Linus rote Wangen und ist ganz aufgeregt.

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Reportage im Münchner Kirchenradio über den Schafkopfkurs in Perach

Anspruchsvolles Kartenspiel und Gaudi: Linus beim Ausspielen. © SMB/Bierl

Pädagogisch wertvolles Kartenspiel

Neben ihm sitzt seine Mama Sonja Freiberger, die das Spiel ebenfalls lernt und sehr zufrieden ist, dass sich Linus ein bayerisches Kulturgut aneignet, auch wenn das Solo in die Hosen geht: „Je mehr andere Spiele die Kinder können, desto weniger sind sie an den elektronischen Medien und Schafkopfen kann man sehr schön in der Familie spielen.“ Leicht zu lernen ist es aber nicht. Am schwierigsten findet Linus gerade das Zusammenzählen der Punkte oder der „Augen“, wie es im Fachjargon heißt: „Des kann man sich nicht so gut merken.“ Ein Ass zählt zum Beispiel 11 Punkte, die Ober jeweils nur drei, obwohl es die höchsten Trumpfkarten sind. Die Siebener, Achter und Neuner bringen gar keine Augen. Da kann ein Anfänger schon einmal durcheinanderkommen. Über solche Schwierigkeiten ist der 76jährige Willi Weirich schon längst hinaus.

Heidi Stefan Brenner lässt sich beim Lernen in die Karten schauen. © SMB/Bierl

Schafkopfen wichtiger als Sportschau

Er lässt sogar die Sportschau sausen, um seinen Enkel Tim und dessen zwei Freunde in die höheren Weihen des Schafkopfens einzuweihen. An seinem Tisch wird auch schon ein Wenz gespielt, bei dem die Unter die höchsten Trümpfe sind und die normalerweise wichtigen Ober kaum noch etwas zählen. „Schafkopfen muss man in Bayern einfach können“, sagt Weirich und sein Enkel Tim nickt. Beim ersten Kurs vor ein paar Monaten haben sie noch mit offenen Karten gespielt und der Senior hat der Runde erklärt, wann welche Farbe oder ein Trumpf zugegeben werden muss. “Da muss jeder Spieler mitdenken und sich genau überlegen, was er tut“, erklärt Tim während er die 32 Karten mischt. Genau deshalb ist auch Heidi Stefan-Brenner gekommen, „um die grauen Zellen zu trainieren“. Die Rentnerin sitzt an einem Seniorentisch und will das Spiel „unbedingt lernen, weil es ist so unterhaltsam“. Seit sie auf dem Land wohnt, hat sie gemerkt, dass Schafkopfrunden zur Geselligkeit gehören, und so „eine Stammtischrunde ist einfach Klasse, das gefällt mir“.

Training für die Grauen Zellen

Dann muss sie aber wieder aufpassen, denn es ist Herz gespielt, die übliche Trumpffarbe, und jetzt muss sie schauen, ob sie mit einem Ober oder Unter sticht. Sie spielt erst seit wenigen Wochen und schaut auf Veronika Springer, die zwischen den Tischen hin-und hergeht, hier und da einen Tipp gibt, wenn einer der Anfänger noch unsicher ist und sich nicht recht traut, eine bestimmte Karte zu ziehen. Wenn Veronika Springer nicht als Trainerin beim Schafkopfkurs ist, gibt sie in der katholischen öffentlichen Bücherei Krimis, Romane oder Sachbücher für Kinder und Erwachsene aus. Die liegt gleich gegenüber dem Saal, in dem jetzt gekartelt wird. Die ehrenamtliche Büchereimitarbeiterin hatte die Idee dazu, das Spiel in Perach und Umgebung den unterschiedlichsten Generationen neu zu vermitteln. Zuvor hat sie schon viele Bastel- und Vorlesenachmittage in der kleinen Bibliothek durchgeführt „und mir überlegt, Spielen sollten wir halt auch noch.“ Einfache Brett- oder Kartenspiele seien den Familien schon vertraut, „da hab ich mir gedacht, dann fangen wir mit Schafkopfen an“.

Tradition bewahren

Gleich der erste Kurs im vergangenen Winter habe „richtig eingeschlagen“ und jetzt macht die Bücherei weiter, „denn das ist eine Möglichkeit, dass die Leut´ zusammenkommen, miteinander reden und was machen.“ Darüber hinaus trainieren Kinder wie Erwachsene beim Schafkopfen ihr Hirnschmalz: „Da muss man kombinieren“, sagt Veronika Springer und hebt die Stimme. Und sie ist stolz darauf, wenn ihr Mütter verblüfft berichten, dass die Kinder durch das Schafkopfen beim Kopfrechnen besser werden. Die Augen wollen ja genau addiert sein, schon ein Punkt kann entscheidend sein, 61 müssen die Gewinner sammeln und da rentiert es sich, ganz genau zusammen zu zählen. Bei jeder Runde müssen sich die Spieler außerdem aufs Neue konzentrieren: „Denn kein Spiel ist gleich“. Dass auch der zweite Kurs so einschlägt, damit hat Veronika Springer nicht gerechnet. Zehn bis 15 Teilnehmer hat sie erwartet, jetzt greifen 80 kleine und große Hände nach den Karten. Das Herz des kleinen Dorfes schlägt an den Samstagen im Oktober und November eindeutig an den Schafkopftischen neben der Bücherei, „Man soll alte Sachen weitermachen und pflegen“, sagt Veronika Springer. Und natürlich passt der Kurs bestens zu einer katholischen öffentlichen Bücherei, in der ja nicht nur bedrucktes Papier verliehen wird, sondern die auch Wissen und Traditionen vermittelt, ein Begegnungsort für alle ist. Veronika Springer freut sich jedenfalls über die gute Stimmung, wie Alte und Junge miteinander spielen, sich kennenlernen und ein typisch bayerisches Spiel nicht in Vergessenheit gerät.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

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