Liebeslyrik in der Bibel Schauspielschüler erarbeiten sich das "Hohelied" Salomos

19.01.2018

Das "Hohelied der Liebe" singt Paulus im Korintherbrief - gern zitiert bei Hochzeiten. Das viel ältere "Hohelied Salomo" fristet dagegen im Alten Testament ein Schattendasein. Schauspielschüler wollen dies nun ändern.

Liebeslyrik pur: Das "Hohelied" im alten Testament.
Liebeslyrik pur: Das "Hohelied" im alten Testament. © fotolia/pirotehnik

München – "Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. Süßer als Wein ist deine Liebe." - Nicht in einem früher vermutlich auf dem Index der katholischen Kirche gelandeten Roman stehen diese Zeilen, sondern es ist der Beginn des Salomo zugeschriebenen "Hohelied" im Alten Testament. Liebeslyrik pur und der Lobpreis körperlicher Liebe bieten sich dem Leser. Darf man so was überhaupt in einer Kirche laut vortragen? Diese Frage stellten sich auch zehn Jungschauspieler der Otto-Falckenberg-Schule in München, als sie sich mit dem Text auseinandersetzten. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Man darf - und zwar ganz im Sinne der künstlerischen Freiheit.

Am 4. Februar wird die von den Schülerinnen und Schülern des dritten Jahrgangs erarbeitete Interpretation in der Münchner Herz-Jesu-Kirche zu hören sein. Niklas Wetzel ist einer von ihnen. Er schwärmt von der Schönheit dieser alten, poetischen Sprache, die eine "unglaubliche Erotik" birgt. "Niemand von uns hätte geglaubt, dass sich ein solcher Text in der Bibel findet." Für den 21-jährigen Sachsen, selbst evangelisch und konfirmiert, und seine Kolleginnen und Kollegen sei das Arbeiten daran eine Herausforderung gewesen. Auch wenn man nicht alles verstehe, so wolle ein jeder versuchen, das Gefühl dafür auf seine Weise zum Ausdruck zu bringen.

Text bei Kirchenlehrern umstritten

Der Kontakt zu den Schauspielschülern kam über den katholischen Moraltheologen Christof Breitsameter zustande. Neben seiner Tätigkeit als Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ist er in der benachbarten Pfarrei Sankt Ludwig als Seelsorger aktiv. Dort gab es lange die Tradition, die Passionsgeschichte am Vorabend des Palmsonntags von Schauspielern lesen zu lassen. Im vergangenen Jahr belebte er diese neu. Das Interesse an biblischen Texten war bei den zunehmend ohne kirchlichen Kontext aufgewachsenen Künstlern geweckt. Von ihrem Dozenten für Sprecherziehung, Marcus Boshkow, kam schließlich der Vorschlag, sich des "Hohelieds" anzunehmen.

Ein schillernder Text, der unter Kirchenlehrern und Theologen über die Jahrhunderte immer umstritten war. Manche wollten ihn sogar aus dem Kanon der Bibel entfernen, weil er dorthin mit seinen angeblichen Anzüglichkeiten einfach nicht passe. Die kirchliche Liturgie sieht dessen Vortrag in Kurzform vor, gerade einmal im Jahr am 21. Dezember. Ansonsten wird daraus bei Äbtissinnen- oder Jungfrauenweihen gelesen. Denn im Laufe der Zeit erfolgte die Interpretation der Exegeten dahingehend, dass die Beziehung von Mann und Frau als eine Metapher für Gott und das Volk Israel stehe. So sollte die Liebe zu Gott besungen werden, Hauptsache weit weg von irgendwelcher Erotik.

Sammlung von Liebesgedichten

Kein Verständnis dafür, warum die Kirche sich mit der sogenannten körperlichen Liebe so schwertut, hatte einst Heinrich Böll (1917-1985). Der katholische Schriftsteller notierte 1958, es sei ihm unmöglich, "das, was man irrigerweise die körperliche Liebe nennt, zu verachten". Es gebe nie rein die körperliche, nie rein die andere Liebe; beide enthielten immer eine Beimischung der anderen, sei es auch nur eine winzige. "Wir sind weder reine Geister noch reine Körper, und das ständig wechselnde Mischungsverhältnis von beidem - vielleicht beneiden uns die Engel darum."

Laut Breitsameter handelt es sich bei dem Hohelied um eine Sammlung von Liebesgedichten, wie sie im Orient gepflegt wurden. Da sei es üblich gewesen, viel sinnlicher zu denken, Gerüche spielten eine wichtige Rolle. Mit Paulus und dem Einfluss der griechischen Philosophie auf die Theologie sei aber alles "sinnenfeindlicher" geworden. Der Kirchenlehrer Origines war sich im dritten Jahrhundert der Dynamik des Textes durchaus bewusst. Deshalb sollten seiner Empfehlung nach nur solche Menschen das Hohelied lesen, die für die Lockungen körperlicher Liebe taub seien; entsetzlich der Gedanke, dass die Heilige Schrift andere Gefühle wecken könnte! So wurde das Hohelied immer mehr spiritualisiert. Dabei ist es nach Ansicht des Moraltheologen ein "großer Text", den man auch "groß lesen" solle - so wie es nun versucht wird. (kna)

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