Nach der Wiesn-Absage Schausteller brauchen einen Rettungsschirm und Seelsorge

22.04.2020

Das Verbot von Volksfesten trifft Inhaber von Fahrgeschäften, Schieß- oder Wurfbuden und Imbissständen in ihrer Existenz. Trost finden sie bei Schaustellerseelsorger Pater Paul.

Wiesngottesdienst 2019
Ein Blick auf den Wiesngottesdienst 2019. © Kiderle

München/Augsburg – Soeben ist das Oktoberfest abgesagt worden und darum hat Andi Dräger wenig Zeit. Er ist Schausteller, hat einen großen Imbisstand und ein Kinderkarussell, das er mit seinem Schwiegervater in der vierten Generation betreibt. Es wird sich in diesem Jahr wahrscheinlich auf keinem Volksfest mehr drehen, weder auf der Wiesn noch auf der Auer Dult am Münchner Mariahilfplatz. „Vielleicht noch auf der Kirchweihdult im Herbst“ hofft der Unternehmer, aber so recht kann er selbst nicht daran glauben.

Und gerade weil alles ausfällt, hat er jetzt wenig Zeit: „Denn ich versuche jetzt irgendwo einen dauerhaften Standplatz für meinen Imbisswagen zu bekommen und frage überall an“, erklärt er am Telefon, „damit ich wenigstens meine laufenden Kosten decken kann“. Lager- und Wartungskosten, TÜV-Gebühren oder der Kredit für einen neuen Imbisswagen, „damit wir wettbewerbsfähig bleiben“, das alles schlägt gewaltig zu Buche. „Da sind die 5000 Euro Soforthilfe nicht viel“, sagt Dräger. Er sorgt sich auch um seine rumänischen Mitarbeiter, die sonst während der Saison bei ihm angestellt sind und „jetzt keinen Cent verdienen“.

Trost und Mut

Es ist ein Kummer, den der Dominikanerpater Paul Schäfersküpper zurzeit jeden Tag hört. Noch bis zum September ist er offizieller Schaustellerseelsorger für Schwaben und Oberbayern. Seit rund 20 Jahren feiert er Gottesdienste in Bierzelten, hört Beichte zwischen Achterbahn und Autosooter und begleitet seine Gemeinde auf dem Plärrer in Augsburg genauso wie auf dem Herbstfest in Rosenheim, die aber in diesem Jahr genauso ausfallen wie die Wiesn.

„Die Schausteller brauchen jetzt natürlich Zuspruch und das Bewusstsein, da ist jemand für uns da“, erzählt der Ordensgeistliche, der in einem Augsburger Kloster lebt. Per Telefon, E-Mail oder What´s App hält er Verbindung mit seiner fahrenden Gemeinde, die sonst um diese Jahreszeit in ganz Bayern und Deutschland auf Volksfesten und Märkten unterwegs ist.

„Viele sind natürlich verzweifelt, weil sie sich Gedanken machen, wie es mit dem Betrieb weitergehen kann.“ Pater Paul muss viel trösten, nachdem mit der Wiesn-Absage das letzte Licht am Horizont ausgelöscht ist. Zum einen versucht er den Schaustellern Mut zu machen und verweist auf die Kriegs- und Nachkriegszeiten, in denen ihre Großeltern und Eltern die Betriebe wiederaufgebaut haben. „Zum anderen sage ich ihnen, dass sie ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft sind, weil sie Freude vermitteln und Gemeinschaft stiften, sie werden gebraucht.“

Und es ist ein wenig Stolz herauszuhören, dass er dieses „jahrhundertealte Kulturgut des Schaustellergewerbes“ und die Menschen, die es ausüben, als Seelsorger begleiten darf. Immer wieder erwähnt Pater Paul den besonderen Gemeinschaftssinn der Schausteller und er schwärmt von den Drehorgelspielern, die sich spontan vor Altersheimen aufgestellt und für die Bewohner gespielt haben. Er erlebt bei den Inhabern der Fahrgeschäfte, der Imbisszelte und Schieß- oder Wurfbuden auch Verständnis für die Maßnahmen, mit denen die Pandemie eingedämmt werden soll, „aber es werden auch Existenzängste losgetreten, die niemand unter Kontrolle hat“.

Geteiltes Leid

Edmund Radlinger fürchtet, dass etwa ein Drittel der Betriebe die Coronakrise nicht überstehen werden. Er ist der erste Vorstand des Münchner Schaustellervereins und Vizepräsident für Finanzen im Deutschen Schaustellerbund. Natürlich könnten seine Kollegen Kredite beantragen: „Aber was nützt mir ein Kredit, den ich nicht zurückzahlen kann“. Ein Jahr fast ohne Einnahmen lasse sich ja nicht mehr einholen. Er überlegt zurzeit mit dem Verband, wie ein staatlicher Rettungsschirm für das Schaustellergewerbe aussehen könnte, das wahrscheinlich länger brachliegen wird als jede andere Branche.

„Die Familienväter machen sich jetzt die größten Sorgen, es weiß ja keiner wie es weitergeht.“ 5000 Familienbetriebe mit etwa 15 000 Beschäftigten sind betroffen, so Radlinger. „Wir erleben einen wirtschaftlichen, aber auch einen menschlichen Stillstand.“ Denn es gehöre zur Lebensweise der Schausteller, unterwegs und unter Leuten zu sein. „Da werden auch Spannungen in den Familien auftreten, weil keiner mehr so tickt wie sonst.“

Radlinger spricht von „viel Präventivarbeit“ die jetzt geleistet werden muss, „denn der eine oder andere ist wahrscheinlich  sogar suizidgefährdet“.  Er ist froh, dass er da Unterstützung von Schaustellerseelsorgern wie Pater Paul erwarten kann. „Das sind Leute, die uns von der Pike auf kennen und die Familien brauchen jetzt jemand der sie kennt und ihnen zuhört.“ Oder sie aus ihrem Verstummen herausholt, „denn es gibt auch Kollegen, die ganz in sich versinken“. Darum wünscht er sich „sobald es möglich ist einen gemeinsamen Gottesdienst, damit wir uns wieder als Gemeinschaft erleben und unser Leid teilen können“. Die Schausteller seien gläubige Menschen, die sich der Kirche verbunden fühlen und die sie jetzt besonders brauchen. Oder wie es Andi Dräger ausdrückt, bevor er wieder Ämter und Behörden wegen seines Standplatzes anrufen muss: „Die Schaustellerseelsorger sind wie Freunde und eine gute Hausnummer, wenn einer Probleme hat und sein Herz ausschütten muss.“

Audio

Telefoninterview im Münchner Kirchenradio mit Pater Paul Schäfersküpper

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie Wiesn

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