Holzschnitzer aus Oberammergau Schnitzkunst geprägt von Elementen der Hoffnung

22.03.2018

Mit Blick über die Bergkette geht Florian Stückl seiner Berufung nach: Er ist Holzbildhauer. Ein Besuch in seiner Werkstatt.

Florian Stückl in seiner Werkstatt in Oberammergau.
Florian Stückl in seiner Werkstatt in Oberammergau. © Beate Berger

Oberammergau – Schaut man sich in der Werkstatt des Oberammergauer Holzbildhauers Florian Stückl um, findet man viele Krippenfiguren. Bezeichnet man ihn aber als Herrgottsschnitzer, schmunzelt er. „Dies ist ein Titel aus längst vergangenen Zeiten“, klärt er auf. Auch im katholisch geprägten Oberammergau müsse ein Schnitzer mit der Zeit gehen und könne nicht mehr ausschließlich christliche Motive schnitzen. Der 60-Jährige spricht aus langer Erfahrung. Schließlich wurde ihm das besagte Handwerk in die Wiege gelegt. Den Anfang machte sein Großvater Benedikt. Der gab die Liebe zum Holz an seinen Sohn Peter, Stückls Vater, weiter. Jetzt sitzt Stückl am selben Platz in der Werkstatt seines Elternhauses und geht seiner Berufung nach.

Anderen Religionen gegenüber offen

Wenn er den hellen Raum betritt und den Blick über die Bergkette vor dem Fenster schweifen lässt. wird ihm bewusst, wie schön er es hat. Dann stellt er das Radio an und macht sich an die Arbeit. Meistens läuft der BR2. Besonders interessant findet Stückl die Einblicke in fremde Religionen, die dort oft gebracht werden. Der Holzschnitzer begegnet anderen Glaubensrichtungen offen. Im Grunde wisse man viel zu wenig voneinander, um darüber zu urteilen. „Und ist nicht die Quintessenz letztlich bei allen die selbe?“

Glaube war Halt in schwerer Zeit

In Oberammergau ist die Passion allgegenwärtig. Sonntags in die Kirche zu gehen, und vor dem Essen und Abends ein Gebet zu sprechen war für Stückl von klein auf ganz normal. „Natürlich habe ich Gott oft genug hinterfragt“, verrät er. Und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Wer nicht zweifelt, der glaubt nicht, oder?“ Letztlich gab ihm der Glaube Halt in seiner schwersten Zeit. 1999 diagnostizierten die Ärzte einen Tumor in der Nähe des Hirnstamms. Zwei Monate musste der Vater zweier Kinder mit dem Wissen um seine Erkrankung auf die riskante Operation warten. Die tief verankerte Gewissheit, dass es nach dem Tod weitergeht, stärkte Stückl dabei immens. „Mir war klar, egal was passiert, es gibt immer einen Grund zur Hoffnung. Denn hat nicht Christus den Tod für uns Menschen überwunden?“ Stückl ist sich sicher, dass es nach dem irdischen Leben weiter geht.

Raum für positive Lebensweise

Nur wie dieses „Weiter“ aussieht das vermag er sich nicht vorzustellen. „Ich denke, dazu ist unser Geist gar nicht in der Lage.“ Die OP verlief erfolgreich. Seitdem ist er auf dem rechten Ohr komplett taub, doch Stückl ist dankbar für jeden Tag, den er erleben darf. „Die Geschichte hat meinen Blickwinkel nachhaltig verändert“, erzählt er. Viele Dinge, die ihm zuvor wichtig erschienen rückten in den Hintergrund und gaben Raum für eine positive Lebensweise. Negative Einflüsse versucht er von sich fern zu halten. Düstere Krimis etwa kann und will er sich gar nicht mehr ansehen. „Man sollte immer hinterfragen: Was ist gut für mich und was schlecht.“

Stückl vor der Skizze zu seinem ein-Meter hohen Christus, den er für eine Privatkapelle in Riegsee geschnitzt hat.
Stückl vor der Skizze zu seinem ein-Meter hohen Christus, den er für eine Privatkapelle in Riegsee geschnitzt hat. © Beate Berger

Sehnsucht nach ruhiger Werkstatt

Gut tut ihm das ruhige Leben mit seiner Frau Annemarie (59) und die kleine Landwirtschaft, die er zusammen mit seinem Bruder Johannes (66) betreibt. Stückl liebt den Umgang mit seinen 13 Bergschafen. Außerdem ist er musikalisch. Er singt im Motettenchor und spielt Akkordeon in einer „Tanzlmusigruppe“. Früher ging er zusätzlich noch zum Viergesang, war aktives Mitglied bei der Feuerwehr und neben seiner Selbständigkeit auch noch Lehrer an der Obrammergauer Berufsfachschule für Holzbildhauer. Ein straffes Programm, wenn man bedenkt, dass er 2003 dort auch noch Schulleiter wurde. Zwölf Jahre lang bekleidete er das Amt und begleitete Generationen von Schülern bei ihrem Entwicklungsprozess. „Und dann kommt man irgendwann an einen Punkt, da fragt man sich: Mache ich das bis an mein Lebensende, oder muss ich was verändern?“ Nach einer Ära geprägt von großer Verantwortung sehnte er sich geradezu nach seiner ruhigen Werkstatt.

Konzentration auf die Botschaft

Deshalb wagte er vor drei Jahren den Schritt zurück. „Und den habe ich nie bereut. Endlich kann ich wieder geistig und handwerklich an einem Stück dranbleiben.“ Außerdem ist wieder genug Zeit da, den Glauben zu pflegen und in sich zu gehen. „Es ist sehr schade, dass Gott im Alltag so in den Hintergrund rückt“, stellt er fest. Seit er sich wieder geerdet hat, kann Stückl sich völlig auf die Botschaft konzentrieren, die er in seiner Schnitzkunst transportieren will. Die ist vorrangig geprägt von Elementen der Hoffnung.

Wertschätzung für handgemachtes Stück

Ein ein-Meter großer hölzerner Christus etwa, den er für die Privatkapelle eines Bauern in Riegsee angefertigt hat, wirkt in seiner Pose losgelöst, als wolle er schweben. Das Kreuz tritt in den Hintergrund. „Er hat für uns gelitten, damit wir zuversichtlich durch das Leben gehen“, erklärt Stückl. Für sein Empfinden wird die Qual des Gekreuzigten oft viel zu dramatisch dargestellt. „Es ist die Aufgabe eines Bildhauers, auf so etwas aufmerksam zu machen.“

Natürlich schnitzt Stückl auch weiterhin klassische Krippenfiguren. Es gibt sie nämlich noch: Die Liebhaber, die solch ein handgemachtes Stück zu schätzen wissen. Wenn er dann hoch konzentriert an seiner Werkbank sitzt, und die Welt sich um ihn herum auf die kleine Figur zwischen seinen Fingern reduziert, dann kann man ihn doch noch erkennen. Den Herrgottsschnitzer. (Beate Berger)


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