Gaffer auf der Autobahn Schockierende Verrohung

08.09.2017

Neugierde ist ein menschlicher Urtrieb, sich am Unglück anderer zu ergötzen und es auch noch zu präsentieren, ist ein Phänomen der jüngsten Zeit. Das sagt Landespolizeidekan Andreas Simbeck.

Gaffer zeichnen das Geschehen oft mit ihren Smartphones auf und posten es in sozialen Netzwerken. © Fotolia

Bald ist es wieder so weit: Schier endlose Staus auf unseren Straßen und Autobahnen – gerade jetzt zum Ende der Urlaubs- und Ferienzeit. Allzu oft bedingt durch schwere Unfälle, nicht selten verursacht durch Müdigkeit, Ablenkung und Unachtsamkeit! Wenn dann aber auch auf der Gegenfahrbahn der Verkehrsfluss ins Stocken gerät, nur weil Neugierde und Sensationslust um sich greifen, dann ist dies erst recht unverständlich, ärgerlich und unmöglich. Menschen, die in solchen Situationen hin- und zuschauen – böse gesagt „gaffen“ – bremsen nicht ab, weil sie an eine Gefahr erinnert werden oder um zu helfen. Neugierde ist ein menschlicher Urtrieb; sich am Unglück anderer zu ergötzen dagegen, ist ein Phänomen der jüngsten Zeit.

Gaffer, die sich am Leid anderer befriedigen und dann unverrichteter Dinge weitergehen, hat es schon zu Zeiten Jesu gegeben. Das Evangelium erzählt im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,30–36) das Leid eines Mannes, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho von Räubern überfallen, misshandelt und ausgeraubt wird. Erst nach einiger Zeit erbarmt sich ein Fremder seiner und hilft ihm. Immer wieder heizen schreckliche Unfälle die Diskussion um die Gaffer neu an. Anstatt zu helfen oder wenigstens die Maßnahmen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst samt Notärzten nicht zu behindern, legen Schaulustige eine Art der Verrohung an den Tag, die sprachlos macht und schockiert.

Befriedigung am Leid anderer

Was empfinden Menschen, die sich am Leid anderer auf eine geradezu perverse Weise ergötzen und befriedigen? Dass einige Gaffer das furchtbare Geschehen sogar mit ihren Smartphones aufnehmen und es in sozialen Netzwerken posten, ist unfassbar. Geltungsdrang, Sensationsgier und Gedankenlosigkeit stehen im Vordergrund. Aufgrund der Betrachtung durch den eigenen Bildschirm fühlen sie sich wie Unbeteiligte vor dem Fernseher. Und solange es „Likes“ und virtuellen Applaus für derartige Aufnahmen gibt, werden diese auch gemacht. Viele Berichte von Einsatzkräften, die dieses Verhalten als äußerst frustrierend empfinden, zeigen, dass die Tendenz steigend ist. Das Phänomen eines Katastrophen-Voyeurismus betrifft alle sozialen Schichten.

Landespolizeidekan Monsignore Andreas Simbeck.
Landespolizeidekan Monsignore Andreas Simbeck. © imago

Die Opfer und Betroffenen, die hilflos und daher auf rasche Hilfe angewiesen sind, fühlen sich ausgeliefert und schutzlos und empfinden das Gaffen als einen massiven Eingriff in ihre Privatsphäre. Gegen dieses unverantwortliche Verhalten geht die Polizei konsequent durch verstärkte Kontrollen bei Staus auf Landstraßen und Autobahnen sowie durch Ahndung bei Behinderungen in den Rettungsgassen vor. Oberste Priorität hat immer die Absicherung der Unfallstelle und das Einleiten von Erste-Hilfe-Maßnahmen. Gaffer müssen jederzeit damit rechnen, dass sie kontrolliert werden und ihr Fehlverhalten zur Anzeige gebracht wird.

Gaffen ist kein Kavaliersdelikt

Ein Wandel in unserer Gesellschaft ist notwendig. Dieser wird möglicherweise nicht nur durch Prävention herbeigeführt. Gaffen ist kein Kavaliersdelikt! Gaffen darf nicht nur als unterlassene Hilfeleistung gewertet, sondern muss sanktioniert werden. Wer gafft und fotografiert, statt zu helfen oder den Weg für Einsatzfahrzeuge freizumachen, wird empfindlich zur Kasse gebeten. Gaffer sollen endlich begreifen, dass sie außerhalb des Wertesystems einer zivilisierten Gesellschaft stehen. (Der Autor ist Landespolizeidekan Monsignore Andreas Simbeck )


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