Leben als Priester Schon mal geschämt, Teil der katholischen Kirche zu sein?

26.06.2018

Ein zukünftiger Priester, ein aktiver Pfarrer und ein Geistlicher im Ruhestand stellen sich den Fragen zu ihrer Berufung, ihren Zweifeln und der Zukunft der Kirche.

v.l. Robert Berger, Pater Stefan Maria Huppertz, Gregor Schweitzer
v.l. Robert Berger, Pater Stefan Maria Huppertz, Gregor Schweitzer © SMB/Sichla/privat

mk online: Priester ist mein Traumberuf, weil…

Gregor Schweizer: Ich würde nicht von Beruf sprechen, sondern von Berufung. Ich habe mir das nicht selber ausgesucht, es ist über lange Jahre gewachsen. Ich hatte ein einschneidendes Erlebnis mit 15 Jahren auf dem Weltjugendtag in Köln und seitdem war die Sehnsucht da Priester zu werden. Es ist für mich die Erfüllung einer tiefen Sehnsucht und nicht das Auswählen eines Berufes

Pater Stefan Maria Huppertz: Weil ich da die verschiedensten Facetten meiner Person und meines Glaubens gut miteinander verbinden und leben kann.

Robert Berger: Ursprünglich wollte ich Arzt werden, um Menschen gesundheitlich zu versorgen. Und dann habe ich mir gedacht, es gibt noch viel Besseres: den Seelsorger. Der schaut nicht nur auf den Leib, sondern auch auf die Seele. Das war für mich ausschlaggebend Priester zu werden.

Gregor Schweizer ist 28 Jahre alt und Diakon im Pfarrverband Laim. Er wird am 29. Juni 2019 zum Priester geweiht.

mk online: Wie reagieren die Menschen auf Sie, wenn Sie sagen, dass Sie Priester werden/sind? Wie ist ihre Reaktion darauf?

Gregor Schweizer: Meine Mutter und mein Vater haben mir immer gesagt, dass sie wollen das ich glücklich werde. Und sie sehen, dass ich glücklich bin und wollen mir keine Steine in den Weg legen. Auch meine Kumpels von der Schule, von denen viele nicht gläubig sind, sehen, dass ich glücklich bin und mich das erfüllt. Die Frage nach dem Zölibat wird immer gestellt. Solche Diskussionen fordern mich heraus, helfen mir aber tiefer zu verstehen, warum ich das leben möchte. In der heutigen Zeit ist es wichtig zu erklären, was man da lebt.

Pater Stefan Maria Huppertz: Also den meisten ist es glaub ich mal völlig egal, ob das Gegenüber Priester, Metzger, Hochschullehrer oder was Anderes ist. Es löst nicht immer was Großes aus. Wir leben in einer so pluralen Welt, dass man sogar Priester sein kann. Natürlich gerät man gelegentlich in die Situation sich für Kreuzzüge und Ähnliches rechtfertigen zu müssen, mach ich aber nicht.

Robert Berger: Für manche war es ein Schock, weil sie mich als der Welt aufgeschlossenen Menschen kannten. Jeder hat sich um mich bemüht, um mir bei der Betreuung der Mitmenschen weiterzuhelfen.

Pater Stefan Maria Huppertz OFMCap ist 40 Jahre alt. Der Kapuziner ist Pfarrer und Pfarrverbandsleiter München-Isarvorstadt.

mk online: Kreuzzüge, Missbrauchsskandal…Haben Sie sich schon mal geschämt Teil der katholischen Kirche zu sein?

Gregor Schweizer: Es macht mich traurig, zu wissen, dass in der Kirche vieles falsch läuft und vieles von Kirche verbrochen wurde. Kirche ist ein Stück weit auch von Menschen gemacht. Wir sind alle Sünder. Die großen Verbrechen der Kirche sind für mich ein Ansporn selber aufrichtig, in der Wahrheit zu leben, meiner Sünde entgegenzuwirken und das Beste zu machen.

Pater Stefan Maria Huppertz: Geschämt habe ich mich nie. In dem Jahr 2010 in dem das Priesterbild ja massiv überhöht wurde, da war ich Kaplan im Schwarzwald. An dem Ort, an dem zuvor die meisten und schlimmsten Missbrauchsfälle der gesamten Bundesrepublik geschehen waren. Das hat mich hart an die Grenzen gebracht – für die Kirche geschämt habe ich mich aber nie. Die Kirche besteht aus real existierenden Menschen. Manche Personen oder Personenkreise erfüllen mich mit Scham und auch Wut.

Robert Berger: Nein. Ich habe die negativen Ereignisse und Erlebnisse einfach gestrichen. Für mich war immer alles positiv. Mehr kann ich nicht sagen.

Robert Berger ist 100 Jahre alt und damit der älteste Priester im Erzbistum München und Freising. Er ist im Ruhestand lebt in einer Senioreneinrichtung in Grünwald.

mk online: Wie gehen Sie mit Glaubenszweifeln um?

Gregor Schweizer: Das tägliche Gebet ist für mich eine ganz große Kraftquelle. Außerdem bin ich Teil der Gemeinschaft Emmanuel und da spielt der Austausch - auch über Zweifel - mit anderen eine große Rolle. Das Wissen, dass man im Glauben von Brüdern und Schwestern getragen ist, gibt mir viel Kraft. Auch der Lobpreis, das freudige Singen, ist wichtig: Zu wissen Gott ist da, trotz allem Dunkeln in der Welt, trotz allem Dunkeln in meinem Herzen und Zweifeln. Es hilft die Glaubensentscheidung auch jeden Tag immer wieder auszusprechen: „Ich glaube, auch wenn ich nicht alles verstehe“.

Pater Stefan Maria Huppertz: Ich bin kein krisenverliebter Mensch. Wenn ich Zweifel habe, was vorkommt, dann dramatisiere ich das nicht. Auch nicht im Gebet. Denn ich glaube zu jeder Beziehung, und der Glaube, finde ich, hat mit Beziehung eine ganze Menge gemein, gehören unterschiedliche Phasen unterschiedlicher Intensivität. Wenn ich merke, gerade ist nicht so viel los, dann bringe ich das ins Gebet, mach da aber nicht jedes Mal ein Fass auf.

Robert Berger: Die Zweifel gab es natürlich, das ist logisch, muss jeder Mensch haben. Aber ich war zufrieden und hab das Beste daraus gemacht.

mk online: Immer weniger Männer lassen sich zu Priestern weihen. Es wird viel diskutiert, wie man das ändern könnte: viri probati, Frauenpriestertum, Aufhebung des Zölibats. Wie müsste, ihrer Meinung nach, der Priesterberuf in Zukunft aussehen?

Gregor Schweizer: Da möchte ich mit einem Zitat antworten: "Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Bruder" (Augustinus). So stelle ich mir den Priester der Zukunft vor: Er geht als Hirte voran und fördert Talente in Gemeinde. Es braucht einen Hirten, eine Leitung. Kraft der Taufe sind aber wir alle „Priester, Könige und Propheten“. Das zweite Vatikanische Konzil sprach vom „gemeinsamen Priestertum“. Der Priester ist Leiter, aber mit den Laien. Ich wünsche mir eine Kirche, in der die Laien immer mehr ihre Aufgaben verstehen. Zum Beispiel bei der Ehevorbereitung: Es braucht einen Priester, der das sakramentale Verständnis hat, aber dann braucht es auch Paare aus der Pfarrei, die Zeugnis geben und die Paare vorbereiten können. Ich wünsche mir eine Kirche, wo die verschiedenen Lebensstände - Priester, Familien, Singles – immer mehr lernen den Glauben zu leben – als große Familie zu leben.

Pater Stefan Maria Huppertz: Wir befinden uns in einem so massiven Wechsel, in so einer massiven Veränderung, der wir auch nicht nur strukturell begegnen können. Das Bild von Kirche, das Selbstbild eines jeden Christen und damit des Priesters wird sich in den nächsten Jahren so massiv verändern, ich kann da überhaupt keine Prognose abgeben. Ich habe aber auch genug Vertrauen auf den Heiligen Geist, so dass mich das auch nicht verrückt oder unruhig macht. Ich glaube ganz viel, was für uns jetzt noch selbstverständlich ist, wird schlicht nicht mehr da sein. Wird es nicht mehr mehr geben. Ich weiß nicht, ob der Priester das in dreißig Jahren noch hautberuflich macht. Vielleicht ist es jemand, der einen anderen Beruf ausfüllt und gleichzeitig Priester ist. Ich halte das Berufspriestertum für sehr sinnvoll, aber es ist nicht heilsnotwendig.

Robert Berger: Jeder getaufte Christ hat nicht nur das Anrecht auf seelsorgerliche Arbeit, sondern auch die Verpflichtung. Er ist durch die Taufe hervorgehoben. Jeder soll seelsorgerliche Aufgaben übernehmen, auch das Priester-Sein. Auch Frauen oder verheiratete Männer. Das Aufheben des Zölibats wäre die Folge und auch wünschenswert.

Priesterweihe

Bei einem feierlichen Gottesdienst am Samstag, 30. Juni, um 9 Uhr im Freisinger Mariendom spendet der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, drei Diakonen das Sakrament der Priesterweihe. (pm)

Die Autorin
Katharina Sichla
Teamleiterin mk online
k.sichla@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Priesterleben

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