Fahrräder für Flüchtlinge Schrauben verbindet

14.10.2020

Beim Projekt „Social Ride“ in München sammeln Ehrenamtliche alte Fahrräder und reparieren sie gemeinsam mit Geflüchteten.

Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer machen gemeinsam Fahrräder wieder fahrtüchtig.
Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer machen gemeinsam Fahrräder wieder fahrtüchtig. © Social Ride/König

München - Vor der Gemeinschaftsunterkunft in der Ottobrunnerstraße herrscht reger Betrieb. Fahrräder jeder Couleur und in unterschiedlichen Phasen ihres Lebenszyklus werden beim Gehen aus einem Unterstand gezogen oder beim Heimkommen zurück unter das Wellblechdach gestellt. Kinder radeln die Wege um die Unterkunft rauf und runter. „Ohne Fahrrad können die Geflüchteten gar nicht leben“, sagt Asylsozialberaterin Roshanak Alaeinejat. Familien mit Kindern fahren mit dem Fahrrad zur Schule oder in den Kindergarten, alleinstehenden Männer radeln zur Arbeit, zum Ausbildungsplatz oder zum Deutschkurs. „Wir müssen ein Fahrrad haben, sonst können wir überhaupt nichts machen“, betont ein Geflüchteter aus Afghanistan.

Fahrräder für alle

Selbstständige Mobilität war gerade kurz nach der Ankunft in München für viele der Familien aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak ein großes Problem. Ein Auto besaß da niemand und die öffentlichen Verkehrsmittel sind nach wie vor teuer und umständlich. Das Projekt „Social Ride“ füllt diese Lücken mit Fahrrädern. Dafür sammelt das neunköpfige Team gespendete Fahrräder und vermeintliche Schrotträder und macht sie wieder fahrtüchtig. „Wir wollen, dass so viele Menschen wie möglich ein eigenes funktionierendes Rad haben“, erklärt Gabriel König das Ziel der Ehrenamtlichen.

Bei gemeinsamen Workshops in der Flüchtlingsunterkunft werden die gespendeten Räder upgecykelt und finden ihre neuen Besitzer. Von den etwa 200 Bewohnern der Gemeinschaftsunterkunft hat fast jeder inzwischen ein Fahrrad. Außerdem versorgen die Schrauber die Geflüchteten mit Ersatzteilen und zeigen ihnen, wie sie ihre Drahtesel in Schuss halten, auch wenn das manchmal gar nicht so einfach ist. „Persisch oder Farsi kann bei uns im Team zwar niemand“, sagt Gabriel König , „aber mit Händen und Füßen können wir eigentlich alles erklären, wenn es auf Englisch oder Deutsch nicht weitergeht.“ Notfalls läuft die Kommunikation über die Kinder, die schnell gelernt haben in beide Richtungen zu übersetzen.

Freudenschreie fahrradfahrender Flüchtlingsfrauen

Neben den Sprachbarrieren überwinden die Flüchtlinge aber auch Grenzen untereinander, beobachtet Roshanak Alaeinejat. „Die Fahrräder haben die Menschen zusammengebracht“, sagt sie. Am Anfang seien die einzelnen konfessionellen oder nationalen Gruppen noch unter sich geblieben, inzwischen helfen sie sich aber auch gegenseitig. Schrauben verbindet, das ist auch das Motto von „Social Ride“. Außerdem werden kulturelle Ressentiments abgebaut. Frauen, die Fahrradfahren – so etwas gibt es in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten nicht. In der Gemeinschaftsunterkunft in der Ottobrunnerstraße konnten die Frauen aber auch das lernen. „Die haben auf der Straße vor Freude geschrien, als sie das erste Mal gefahren sind“, erinnert sich Alaeinejat.

Integration und Fahrräder – bei „Social Ride“ wird das zusammengebracht. Es stimmt also, was der amerikanische Fahrradbauer und Gründer der Fahrradmarke Specialized, Mike Sinyard, gesagt hat: "Zeigen Sie mir ein Problem dieser Welt und ich gebe Ihnen das Fahrrad als Teil der Lösung."

Der Autor
Korbinian Bauer
Radioredakteur
k.bauer@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Flucht & Asyl

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