Diözesanrat Schweigen ist Silber, Reden ist Gold

15.10.2018

Der Diözesanrat im Erzbistum München und Freising hat sich neu konstituiert und angesichts der Missbrauchsfälle und der zukünftigen Personalplanung über einen notwendigen Systemwechsel in der Kirche diskutiert.

Generalvikar Peter Beer (links) gratulierte Professor Hans Tremmel zur Wahl und bestätigte diese im Namen von Erzbischof Kardinal Reinhard Marx.
Generalvikar Peter Beer (links) gratulierte Professor Hans Tremmel zur Wahl und bestätigte diese im Namen von Erzbischof Kardinal Reinhard Marx. © Kiderle

Ohlstadt – „50 Jahre Räte“ sollte das Thema der Herbst-Vollversammlung des Diözesanrats im malerischen Ohlstadt sein – eigentlich. Doch war die Tagung im Lichte des Jubiläums kein rückwärtsgerichtetes Verklären des Vergangenen, sondern eine nüchterne Analyse der Gegenwart und nicht nur wegen der zentralen Vorstandswahlen vor allem ein Blick in die Zukunft. Welche Durchschlagskraft die dort angekündigten Veränderungen haben werden, wird sich wohl erst noch zeigen. Doch eines wurde klar: Wie es bei der Versammlung mit rund 150 Teilnehmern viele Beiträge deutlich machten, steht im Erzbistum nichts Geringeres an als ein radikaler „Systemwechsel“.

Systemversagen bei Missbrauchsfällen

Deutliche Worte dafür fand Diözesanratsvorsitzender Professor Hans Tremmel in seinem Bericht, als er der Kirche mit Blick auf die Missbrauchsfälle ein „weltweites Systemversagen“ attestierte. „Ich jedenfalls werde diese Verbrechen nicht mit den Umständen rechtfertigen und diese systemischen Machenschaften innerhalb der Kirche nicht mit dem Hinweis auf Sportvereine, weltliche Internate oder gar Familien relativieren“, unterstrich er. Es brauche endlich eine ehrliche Debatte, unter anderem um den Zölibat, um eine „echte Beteiligung von Frauen und Laien und eine glaubwürdige, menschenfreundliche Sexualmoral mit einem realistischen Bild von Homosexualität generell und schwulen Priestern im Besonderen“.

Auch Generalvikar Peter Beer stellte klar, dass man mit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch erst am Anfang eines Prozesses stehe. „Das System sind wir alle“, erinnerte er, und dieses müsse sich ändern. Dennoch sei es nicht nur eine „dunkle Stunde“ für die Kirche, sondern auch „eine Gnadenstunde, denn jetzt ist die Kraft da, der Mut, der Schwung und der Druck, dass etwas in Gang kommt – wenn es einen Herrn der Geschichte gibt, dann hat er uns jetzt sehr kräftig in den Hintern getreten“. Allerdings werde der Weg in eine neue Zukunft schmerzhaft: „Geliebte Gewohnheiten werden verschwinden, es wird sich das Gesicht der Kirche ändern, es wird eine Form von Kirche sein, die wir erst suchen müssen.“ Dies könne nur im gemeinsamen Austausch geschehen.

Audio

Das Herbsttreffen des Diözesanrats

Radiobeitrag des Münchner Kirchenradios

Stefan Vesper vom ZdK hielt einen Impulsvortrag zum Jubiläum.
Stefan Vesper vom ZdK hielt einen Impulsvortrag zum Jubiläum. © SMB/Basso-Ricci

Personalplanung 2030

So war auch der Personalplan 2030 mehrmals Gegenstand der Diskussion. Hierzu erklärte Monsignore Klaus Peter Franzl, Leiter des Personalressorts im Erzbischöflichen Ordinariat und Bischöflicher Beauftragter für den Diözesanrat, dass derzeit „Vorüberlegungen“ für den Personalplan angestellt würden, der den aktuellen, im Jahr 2020 auslaufenden, ersetzen wird. Mit den letzten gesamtdemographisch geburtenstarken Jahrgängen würden in den nächsten 15 Jahren etwa 30 Prozent der aktuellen Seelsorger in den Ruhestand gehen. „Wir müssen uns also überlegen, wie wir pastorale Berufe attraktiver machen können, und wir denken über Multiprofessionalität in der Seelsorge nach, um sie für Menschen mit anderer Qualifizierung zu öffnen“, ergänzte der Domkapitular. Generalvikar Beer bekräftigte, dass es nicht darum gehe, punktuell „Lücken“ zu schließen – das sei mit den vorhandenen Ressourcen künftig nicht mehr möglich. Grundlegend müsse man „das Erscheinungsbild der Kirche vor Ort neu entwickeln“, aufgeben, was nicht mehr leistbar ist, Prioritäten neu setzen: „Es stehen starke Einschnitte bevor.“

"Sonst bricht die Diözese auseinander"

Beer wie auch Franzl signalisierten, dass dieser Prozess auf eine breite Basis gestellt werden müsse, „sonst bricht die Diözese auseinander“, mahnte der Generalvikar. Jetzt werde zunächst das Vorgehen für die strategische Planung entworfen. Der Diözesanrat und die Dekanate ebenso wie andere Gremien sollten mit eingebunden werden. Wenn es jenseits der strategischen Planung an die konkrete Schaffung von Planstellen gehe, darunter auch flexibel einsetzbare „Pools“ von Seelsorgern, sei auch der verstärkte Dialog mit den Dekanaten wichtig, erläuterte Franzl. Ein vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) eingebrachter Antrag, der von der Versammlung mehrheitlich verabschiedet wurde, fordert auch von Seiten des Diözesanrats „eine aktive Einbindung in zukunftsweisende Prozesse“ des Erzbistums, insbesondere auch bei der „Personalstrategie 2030“.

Dass nur eine synodal organisierte Kirche, in der die Laienräte eng in Entscheidungsprozesse eingebunden sind, zukunftsfähig ist, war Meinung von Stefan Vesper, Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), der einen Impulsvortrag zu „50 Jahre Räte“ hielt. Nicht nur von Seiten der Kirchenleitung brauche es dafür Veränderungswillen, sondern auch von den Laien selbst. Er rief sie dazu auf, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, sich im ganz wörtlichen Sinn die „Schlüsselgewalt“ für die Kirchen und Pfarrheime zu holen. Und den Klerikalismus nicht selbst zu befördern, etwa in unbewusst devotem Verhalten gegenüber Geistlichen.

Mit einem Glas Sekt stießen die Delegierten auf „50 Jahre Räte“ an.
Mit einem Glas Sekt stießen die Delegierten auf „50 Jahre Räte“ an. © SMB/Basso-Ricci

Synodale Kirche

Der prägnante Vortrag wirkte bei den Delegierten nach. „Vor 50 Jahren haben wir Räte mit nichts angefangen, wir haben viel erreicht, aber der aktuelle Status ist nicht befriedigend“, resümierte etwa Günther Döllein, Delegierter des Dekanats Teisendorf gegenüber der MK. Seiner Meinung nach müssten Hierarchien aufgebrochen werden, das Laienapostolat stärker gefördert werden, „Übergänge zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen müssen verschwinden“.

Trotz allem Ringen um die Zukunft war für die Teilnehmer aber auch Gelegenheit, mit einem Glas Sekt auf das bereits Erreichte anzustoßen. Cordula Brechmann aus dem Diözesanratsvorstand lud zur zentralen Abschlussveranstaltung des Jubiläums am 30. März 2019 nach München ein. Eingerahmt von einer Morgenandacht um 10 Uhr und einem Gottesdienst im Dom mit Kardinal Reinhard Marx um 17 Uhr werden dort an verschiedenen kirchlichen Orten Workshops, Gesprächsgruppen und vieles mehr geboten sein. Bis dahin sind Pfarreien, Dekanate und Verbände eingeladen, weiterhin dezentrale Veranstaltungen anzubieten – bewusst von und für Laien und Geistliche gemeinsam.

Dialog statt Schweigen

„Denn wo sonst, wenn nicht im Dözesanrat, ist Platz für den gemeinsamen Austausch, für das offene-kritisch-konstruktive Wort“, sagte Generalvikar Beer bei dem Gottesdienst, den er mit den Delegierten im Rahmen der Versammlung in der Pfarrkirche St. Laurentius feierte. Der „Dämon des Schweigens“ müsse aus der Kirche ausgetrieben werden, mahnte er in seiner Predigt. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – in Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen wurde das alte Sprichwort aufs Deutlichste Lügen gestraft, wenn Vertreter der Kirche nicht reden, vertuschen.“ Deshalb lud der Generalvikar ein, ins Gespräch zu kommen. Dialog schaffe Gerechtigkeit, helfe Verletzungen zu erkennen, schaffe Freude und Hoffnung.

Die Autorin
Karin Basso-Ricci
Münchner Kirchenzeitung
k.basso-ricci@st-michaelsbund.de


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