Corona und die Behindertenarbeit Schwer erträgliche Umstände

29.09.2020

In den Wendelstein Werkstätten der Caritas kämpfen Betreuer und behinderte Mitarbeiter um jeden Schritt in die neue Normalität mit Corona. Trotz allem bringt die Krise auch positive Entwicklungen.

Leere Bank
Die Hälfte der Arbeitsplätze in den Wendestlein Werkstätten muss im Zweischichtenbetrieb unbesetzt bleiben. © SMB/ww

Raubling – Die junge Frau, die in einer Gruppe der Wendelstein Werkstätte ihren 30. Geburtstag feiert, begrüßt Martin Zoßeder mit ihrem Ellenbogen. Inzwischen ist diese Form sich zu begrüßen, coronabedingt zwar weit verbreitet und als solche nichts Besonderes mehr, doch Einrichtungsleiter Zoßeder findet es dennoch bemerkenswert, wie sich gerade die 620 behinderten Mitarbeiter seiner Einrichtungen mit den Umständen arrangiert haben. „Masken, Abstände: Alles wird sehr gut akzeptiert. Damit hätten wir am Anfang nicht gerechnet.“

Eigentlich stehen die Abstandsgebote, die seit mehr als einem halben Jahr überall eingehalten werden sollen, nämlich im krassen Gegensatz zu den Grundsätzen der Behindertenhilfe. „Da war Nähe nämlich jahrzehntelang das Prinzip bei der Arbeit mit Menschen mit Behinderung“, sagt Zoßeder, „mit dem Lockdown wurde das unterbrochen.“  Die daraus entstandene „neue Form des Miteinanders“, wie der 55-Jährige sagt, sei für viele der behinderten Mitarbeiter ein „sehr schwer erträglicher Umstand“.

Notfallbetreuung für Mitarbeiter mit Behinderung

Masken und Abstand sind dabei weniger das Problem als vielmehr die ganz grundsätzliche Veränderung des sozialen Miteinanders in den Werkstätten. Normalerweise arbeiten die Mitarbeiter in den Betrieben, wie der Schreinerei, der Aktenvernichtung oder der Wäscherei immer in großen Teams, durch Corona musste diese Arbeitsweise aber umgestellt werden. Aktuell arbeiten wochenweise abwechselnd immer nur die Hälfte der Beschäftigten in den Werkstätten. Zugleich muss ständig geschaut werden, welche Mitarbeiter aufgrund von Vorerkrankungen nicht arbeiten können. „Viele wollen aber in ihre angestammten Gruppen, um ihre Kollegen und Freunde wieder zu sehen“, erklärt Petra Gelleri vom Sozialdienst der Wendelstein Werkstätten.

Die Betreuung in den Werkstätten ist aber nicht nur für die Mitarbeiter elementar wichtig. „Die lange Schließung der Werkstätten war auch ein massives Problem für die Eltern der Beschäftigten“, betont Robert Hoffmann, der die Mitarbeiter im Werkstattrat vertritt. Da viele der rund 600 Beschäftigten außerhalb der Betriebe von ihren Familien versorgt werden, seien auch die Angehörigen auf das Betreuungsangebot angewiesen. „Da gab es dann natürlich einen Haufen Durcheinander.“ Das sollte sich möglichst nicht wiederholen, falls die Corona-Maßnahmen wieder verschärft werden. „Dafür installieren wir aktuell Gruppen, in denen eine verhaltensbedingte oder aus medizinischen Gründen notwendige Notbetreuung angeboten werden kann“, erklärt Petra Gelleri das System, das man so zum Beispiel schon aus Kitas und Schulen kennt.

Halbe Million Euro Umsatzeinbußen

Trotz aller Vorbereitungen würde ein weiterer Lockdown oder sogar die erneute Schließung der Werkstätten, die aktuell ja ohnehin nur im Minimalbetrieb laufen, die Wendelstein Werkstätten wohl hart treffen. „Die finanzielle und wirtschaftliche Situation durch Corona ist schon angespannt“, sagt Einrichtungsleiter Martin Zoßeder. Die Einrichtung sei zwar breit aufgestellt und leide weniger als viele andere Werkstätten für Menschen mit Behinderung, dennoch habe man bereits jetzt Umsatzeinbußen von 500.000 Euro bis 600.000 Euro im Vergleich zum Vorjahr zu verbuchen. „Wir müssen die Löhne unserer Mitarbeiter aber durch die Betriebe selbst erwirtschaften“, erklärt Zoßeder. Um die gleichzeitig steigenden Hygienekosten möglichst gering zu halten, wurden zum Beispiel die rund 6.000 wiederverwendbaren Masken, die für die Wiederaufnahme des Betriebs nötig waren, in den Werkstätten selbst hergestellt.

Aller Herausforderungen und Probleme zum Trotz sieht der Leiter der Wendelstein Werkstätten Martin Zoßeder aber durchaus auch positive Entwicklungen durch die Corona-Krise. „In den 80er-Jahren waren das noch Bastelstuben, in denen Vogelhäuschen gebaut und Besen gebunden wurden. In der Corona-Krise waren wir plötzlich systemrelevant.“ Das Bild von Behindertenwerkstätten in der Gesellschaft habe sich nicht zuletzt durch die Pandemie verändert, sagt der 55-Jährige. So versorgte zum Beispiel die Wäscherei, Altenheime, Pflegeheime und Krankenhäuser mit frischer Wäsche. „Da wurde klar, dass Menschen mit Behinderung für die Gesellschaft notwendig sind und ihren Teil dazu beitragen, das System am Laufen zu halten.“

Der Autor
Korbinian Bauer
Radioredakteur
k.bauer@st-michaelsbund.de


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