Hirtenbrief der Bischöfe zum Kriegsausbruch „Schwere heilige Pflicht“

09.08.2014

Die Münchner Kirchenzeitung druckte am 9. August 1914 einen Hirtenbrief der bayerischen Bischöfe um den Münchner Kardinal Franziskus von Bettinger zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs ab. Wir geben dieses zeitgeschichtliche Dokument wieder.

Kardinal Franziskus von Bettinger (Bild: SMB-Archiv)

"Wir sind in eine sehr ernste Zeit eingetreten: der Krieg mit seinen Gefahren und Schrecken, seinen Leiden und Opfern ist über unser geliebtes Vaterland hereingebrochen. Tausende wackerer Soldaten ruft die schwere, heilige Pflicht, daß sie Blut und Leben einsetzen für unsern geliebten König und unsere teuere Heimat; Tausende müssen geliebte Gatten, Söhne und Brüder mit bangen Sorgen in die Beschwerden und Gefahren des Krieges ziehen sehen.

In so schwerer Zeit und Gefahr, geliebtes, gläubiges Volk, wollen wir nicht klagen und zagen, sondern mit großer Innigkeit und herzlichem Vertrauen die Hände falten zum Gebet. Ja, Geliebteste, richtet euch auf am Glauben und Gottvertrauen! „Wirf deine Sorge auf den Herrn und er wird dich erhalten“, versichert und der Psalmist (Ps. 54, 23). „Wir mögen leben oder sterben, so sind wir des Herrn“ (Röm. 14, 8). Denket an das Wort des Heilandes: „Euer Herz betrübe sich nicht, ihr glaubet an Gott; glaubet auch an mich“ (Joh. 14, 1). Euer Gott und euer Glaube seien euch nun Zuflucht und Kraft, Hoffnung und Trost! Dem hl. Herzen unseres Erlösers empfehlet euer Leben und euere Lieben, euere Sorgen und Opfer! Es tröstet uns auch das Wort des Psalmisten, daß „Gott allen eine Feste ist, die ihn fürchten, und diejenigen zuschanden macht, die freventlich Böses tun“ (Ps. 24). Das deutsche Volk und sein erhabener Kaiser haben diesen Krieg nicht gewollt und nicht verschuldet, er ist uns von den Feinden aufgedrängt worden. So vertrauen wir denn auf unsere gerechte Sache, unser heiliges Recht und den Gott der Gerechtigkeit. In diesem Vertrauen rufen wir mit dem Psalmisten: „Zu Dir, o Gott, erhebe ich mein Herz, auf Dich vertraue ich, Du wirst mich nicht verlassen. Bedenke, o Herr, Deiner Erbarmungen, die von Ewigkeit her sind, daß uns die Feine nicht überwältigen, rette, o Gott, Dein Volk aus allen Bedrängnissen“ (Ps. 24).

So betet denn, geliebte Diözesanen, für König und Vaterland, daß Gott sie behüte vor den Nachstellungen der Feinde; betet für unsere braven Soldaten, daß Gott sie stärke und tröste in allen Beschweren, Opfern und Leiden; betet für alle, die in langer Sorge sind um teuere Angehörige; betet besonders auch für diejenigen, welche von den harten Folgen des Krieges betroffen werden! Und vereinigt mit euerem Gebet herzliche Reue über alle Fehler und Sünden, eingedenk, daß der liebe Gott durch Leiden und Prüfungen uns zur Einkehr und Buße mahnt.

Aber auch die Opferwilligkeit und herzliche Nächstenliebe laßt euch jetzt heilige und süße Pflicht sein! Alle Opfer, die das Vaterland verlangt, wollen wir gerne und großherzig auf den Altar legen, mit dem Opfer des Heilandes vereinigen und durch unsere Ergebung in Gottes Willen weihen und heiligen. Bedenkt, geliebte Diözesanen, mit großer Opferwilligkeit und den Gaben der Liebe aller jener, welche von den Leiden des Krieges betroffen werden, besonders der verwundeten und kranken Soldaten, der ihrer Väter, Ernährer und Stützen beraubten Familien! Helft nach Kräften auch jenen, die durch den Krieg die notwendigen Arbeitskräfte für die Ernte verlieren! Nun gilt besonders das Wort des Heilandes: „Dies befehle ich euch, daß ihr einander liebet“ (Joh. 15, 17) und das Wort des hl. Apostels: „In Bruderliebe seid einander zugetan!“ (Röm. 12, 10)

Zum Schlusse, geliebte Diözesanen, mahnen wir euch nochmals zu Ruhe und Fassung, zu Vertrauen und Zuversicht nach dem Worte des Apostels: „Seid um nichts in Sorgen, sondern offenbart vielmehr im Gebet und Flehen mit Danksagung eure Wünsche vor Gott. Und der Friede Gottes, der alle Vernunft übersteigt, behüte eure Herzen und eure Bedenken in Christus Jesus.“ (Phil. 4, 6 f.) Wir empfehlen euch alle der Gnade und dem Schutze Gottes, wir gedenken euerer in unseren Gebeten und segnen euch von ganzem Herzen."


Das könnte Sie auch interessieren

© privat

Rosenheimerin bei Friedensgedenken Mit der Queen im Gottesdienst

Elfriede Pauli war mit den Royals in der Kirche. Die Rosenheimer Lehrerin bekam eine Einladung, weil sie sich mit dem Ende des Ersten Weltkrieges intensiv auseinander gesetzt hat.

05.12.2018

Das Attentat 1914 und seine Folgen Mahnung an die Menschheit

Das Versagen der Diplomatie nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers stürzte die Welt in einen Krieg, der in vielerlei Hinsicht unvorhersehbar war. Nicht umsonst gilt der Erste...

03.08.2014

Deutsche Bischöfe gedenken des Weltkrieges Am Friedensprojekt EU festhalten

Ein Krieg mit Millionen Gefallenen war bis zum Ersten Weltkrieg unvorstellbar: Zum Jahrestag des Kriegsausbruch beleuchten die deutschen Bischöfe die Rolle der katholischen Kirche und warnen vor dem...

29.07.2014

Über die Rolle der katholischen Kirche Für Gott und König

1914 wurde im Wochenblatt für die katholischen Pfarrgemeinden Münchens – so hieß die Münchner Kirchenzeitung bis 1919 – zu Gottvertrauen aufgerufen. Der Theologe Martin Lätzel erklärt die Diskrepanz...

26.07.2014

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren