Minimalismus Schwere Kunst der Leichtigkeit

07.10.2018

"Reduktion auf das Wesentliche" lautet ein Schlagwort in der Architektur. Dahinter steht eine Sehnsucht nach Klarheit und Einfachheit, auch bei sakralen Gebäuden.

Der jüngste Kirchenneubau im Erzbistum: Seliger Pater Rupert Mayer in Poing © SMB

Unsere Zeit ist geprägt durch eine Flut von Bildern. Deshalb müssen wir eine neue Ebene finden, um uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Architekt Andreas Meck steht in der Kirche, die er in Poing gebaut hat. Der lichtdurchflutete Raum wird umschlossen von Ebenen, die in unterschiedlichen Winkeln geneigt sind und den Blick lenken zur Lichtöffnung hoch über dem Altar. Aber der Baumeister verweist zunächst auf ein kleines Detail: „Lautsprecher wären hier störend. Wir haben sie in den Bänken untergebracht.“ Es geht in der modernen Architektur um Klarheit. Frühere Jahrhunderte hatten ihre verspielte Sprache der Dekorationselemente, die auch Botschaften transportierten. In der Gotik waren es bunte Glasfenster, die Geschichten der Bibel darstellten, im Barock schauten die Gläubigen auf Heilige und Engel, die zu Dutzenden die Altäre, Wände und Decken bevölkerten. Nach der Überzeugung von Andreas Meck will auch die Pfarrkirche Seliger Pater Rupert Mayer eine „Schnittstelle zwischen Himmel und Erde“ sein. Aber dazu bedient sie sich einer modernen ästhetischen Sprache, der „Reduktion auf das Wesentliche“.

In der Kunsttheorie spricht man von Minimalismus, wenn eine einfache, geometrische Formensprache und ein Verzicht auf Dekorationselemente vorherrschen. Die deutsche Bauhaus- Architektur der 1920er Jahre war stilbildend, ebenso die amerikanische Architektur der 1960er Jahre, wie etwa das Guggenheim-Museum von New York in der Form einer großen Spirale.

Einen sanft durchleuchteten Kirchenraum für Gott und die Menschen hat der Architekt Andreas Meck in Poing geschaffen
Einen sanft durchleuchteten Kirchenraum für Gott und die Menschen hat der Architekt Andreas Meck in Poing geschaffen © Krauß

Großen Einfluss auf die minimalistische Architektur hatte aber auch die Baukunst Skandinaviens mit ihrer klaren Formensprache, wie der frühere Leiter des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, Wilfried Wang, analysiert. Ein Beispiel ist die 1955 bis 1965 entstandene Eismeer- Kathedrale im norwegischen Tromsö: zusammengesetzt aus vielen schmalen Dreiecken, die hoch aufgerichtet und nacheinander gestaffelt ein großes Zelt bilden und in den Zwischenräumen das weiße Licht nördlich des Polarkreises einströmen lassen. Eine einfache architektonische Sprache, die zugleich eine Botschaft transportiert: Die Kirche ist das Zelt Gottes auf Erden.

„Es gibt in unserer Gesellschaft eine Sehnsucht nach Klarheit und Einfachheit. Auch wenn die Dinge oft komplex sind, suchen wir nach einer Antwort.“ Simone Schimpf, Direktorin des Museums für Konkrete Kunst in Ingolstadt, hat gerade eine Ausstellung eröffnet mit bildenden Künstlern, die eines verbindet: die Reduktion von Form und Farbe, der Weg in die Abstraktion und die Wiederholung bestimmter Elemente im Werk. Zugleich lasse sich in den ausgestellten Werken eine „Sehnsucht nach Spiritua- lität“ erkennen als eine Reaktion auf den Materialismus in unserer Gesellschaft, analysiert die Kunsthistorikerin. Freilich funktioniert die Flucht in einfache Lösungen nicht immer – es gibt auch einen langweiligen Minimalismus, der unter Baufachleuten verpönt ist. Zu sehen ist er beispielsweise bei der Zugeinfahrt nach München: Entlang der Gleise vor dem Münchner Hauptbahnhof reihen sich Häuser mit den immer gleichen Fenstern, die nicht verraten, ob sich dahinter Büros, Versammlungsräume oder Wohnungen verbergen. Deshalb nennt Architekt Andreas Meck, Dekan an der Hochschule München, als wichtigste Anforderung an die Architektur: „Wir müssen auf die Nutzung des Ortes reagieren!“

Architekt Andreas Meck
Architekt Andreas Meck © Krauß

Meck hat in Poing eine äußere Form entworfen, die als optischer Abschluss eines Platzes funktioniert. Wie ein Kristall ragt die Kirche in den Himmel. Für den Innenraum war die wichtigste Frage, wie sich die Form „liturgisch aufladen lässt“. Eingeschrieben ist der gesamten Kirche ein horizontal liegendes Kreuz, unter dem sind die Bereiche Eingang, Altar, Taufe und Musik geordnet. Jedes Geviert hat ein je eigenes Fenster, durch das gedimmtes Tageslicht strömt.Die Traditionen, die in diese Raumkonstruktion einfließen, sind alt: Aus dem Barock entlehnt ist die Idee der äußeren und inneren Raumschale, die durch Treppen miteinander verknüpft sind. Und dann ist für Meck die Lichtführung entscheidend, denn in einem Raum ohne starke Schlagschatten, in den ein diffuses Licht einfällt und sich ausbreitet, verwirklicht sich für ihn ein Satz von Romano Guardini: „Und in der Stille ist Gott.“

Der ganze Bau ist eine hochkomplexe Konstruktion, die aber auf den ersten Blick schlicht und einfach wirkt. Genau das ist die schwere Kunst, dass das Komplizierte leicht wirkt. „Sieben Jahre habe ich daran gearbeitet, nichts ist zufällig.“ Um den Pfarrgemeinderäten von Poing im Planungsstadium die Wirkung des Raumes zu verdeutlichen, hat sein Büro ein großes Modell gebaut, durch dessen Fußboden man den Kopf hineinstecken konnte. „Ah!“, haben die Menschen da gesagt, weil sie es sich in dem Moment besser vorstellen konnten als vor den gezeichneten Plänen. Entscheidend sind jedoch für Meck nicht nur die architektonische Form, sondern auch der Klang in einem Raum und der Geruch. Materialien wie offenporiges Holz und Steinoberflächen, die mit Seifenwasser gereinigt werden können, schaffen ein bestimmtes Klima, das unterschwellig wahrgenommen werden kann. Das Konzept erinnere an den französisch-armenischen Parfümeur Francis Kurkdjian, der „aqua universalis“ herstellte, ein allumfassendes Wasser, das nach nichts als Reinheit duften soll.

„Bei vielen Dingen geht es heute nur noch ums Geld. Vielleicht ist es gut, dass es in dieser Zeit solche Orte gibt“, sagt Andreas Meck beim Abschied. In seinen Worten schwingt Dankbarkeit mit, dass er einen solchen Ort schaffen durfte, einen sanft durchleuchteten Raum für Gott und die Menschen. (Annette Krauß)


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